Ein scheinbar neues Notizbuch, klein, schwarz, eins von drei oder vier aus der unteren Schublade. Ab ins Reisegepäck, wo es die Beobachtungen der bevorstehenden Fernreise festhalten soll. Doch dann ist es gar nicht leer. Einige Seiten im hinteren Teil enthalten Text. Nur wenige Zeilen, kleine Beobachtungen, ein paar Details. Doch sofort steht uns, an einem thailändischen Morgen im November 2025, ein irischer Abend im August 2008 vor Augen. Es ist eine Kurzreise, wie man sie damals noch frei von Klimasorgen macht, vier Tage Irland, Billigflug mit Ryanair. Die geplante Wanderung im Westen fällt aber nach Dauerregen ins Wasser. So landen wir am ersten Abend leicht frustriert im Peacock Farm Hostel in Killarney. Und lernen Owen kennen, den Witwer, dem es gehört. Wie immer, wenn er Backpacker unten an der Straße abholt, läuft Country-Musik im roten Landcruiser. Und wie immer zieht er, als er am Abend zum Tanzen in den Ort fährt, das Sakko an. Irish Dancing? Gibt’s nicht mehr in Killarney, nur noch Ballroom Dancing, erklärt er, bevor er geht, im Gemeinschaftsraum den beiden Israelis, die daheim die drei Söhne zum ersten Mal allein gelassen haben. Der älteste ist sechzehn, der jüngste zehn, und der mittlere …, der Vater will gerade sagen, dass in seinem Gehirn etwas nicht stimme, die Mutter unterbricht ihn und sagt es so: Er hat spezielle Bedürfnisse. Interkulturelles Scrabble Dann reden sie mit dem älteren Belgier, der an der Universität Cork Physik lehrt, über Gott und die Welt – der Belgier ist in Übung, er hat gerade mit einem Polen und einem Amerikaner den Niedergang der westlichen Welt ausdiskutiert. Nebenan löffeln zwei Umweltstudentinnen aus Bingen, die schon zehn Tage in Irland sind, eine eigenartig milchigweiße Brühe, von der sie behaupten, es sei Hühnersuppe. Offenbar Albino-Hühner. Terry wiederum, Landschaftsgärtner aus Liverpool, lebt davon, „dass die Reichen keine Zeit für ihren Garten haben, weil sie sich auch um ihr Apartment in Griechenland kümmern müssen“. Jeder also erzählt ein bisschen von sich, seinem Leben und der Welt, und später spielt man interkulturell Scrabble mit englischen Wertungen (zehn Punkte für ein Z, nur vier für ein Y). Erlaubt sind alle Wörter in europäischen Sprachen, die man glaubhaft belegen kann. Alternativ dazu Skip-Bo, Siegprämie: ein Mini-Kitkat vom Lidl in Killarney. Diese ganze nationen- und generationenübergreifende Gemeinschaftlichkeit, wie sie vielleicht auch heute noch jeden Abend in unzähligen einfachen Unterkünften in aller Welt entsteht, zwischen Menschen, deren Wege sich zufällig für ein paar Stunden kreuzen – sie ist, wie unser Notizbuch bezeugt, genau so geschehen an jenem Abend im Haus von Owen, der tanzen war. Geschehen in einem Hostel mit null WLAN, nur einem Klo, zwei Duschen und vor allem diesem windschiefen, schiffsbrückenartigen, länglich-schmalen Gemeinschaftsraum, der mit einer ewig langen Kirchenbank und einem ausladenden Plankentisch maximal kommunikativ möbliert war. An den Wänden zwei halbe Geweihe, Postkarten, Fotos, eine Weltkarte, Umweltschutzposter aus den Achtzigern. In der Mitte eine Kochinsel mit acht Platten, die aus mysteriöser Quelle ihr Gas bezog, wie in einem TV-Kochstudio. Und für einen Abend, denken wir 17 Jahre später am Strand in Thailand, war hier die halbe Welt zu Hause.
