FAZ 25.01.2026
09:31 Uhr

„Phänomenaler“ DHB-Torhüter: „Andi, ja. Mein Gott!“


Bei der Handball-EM überragt Andreas Wolff ein weiteres Mal. Nach dem Sieg über Norwegen kommen die Kollegen und der Trainer kaum aus dem Staunen heraus. Deutschlands Torhüter aber richtet kritische Worte an sein Team.

„Phänomenaler“ DHB-Torhüter: „Andi, ja. Mein Gott!“

Und der Gewinner ist: Andreas Wolff, wer sonst. Zum zweiten Mal nacheinander bei dieser Handballeuropameisterschaft wurde der deutsche Torhüter zum „Man of the Match“ gewählt, und wieder hätte es in der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) keinen gleichwertigen Kandidaten gegeben. Zwar zeigte der eine oder andere Schütze wie Marko Grgić oder Franz Semper beim 30:28 gegen Norwegen, wie er das DHB-Team zu bereichern versteht. Aber was Wolff in der zweiten Hauptrundenbegegnung veranstaltete, ließ seine Kollegen seufzen und schwärmen. „Andi, ja. Mein Gott!“, rang der beste deutsche Torschütze Grgić um Worte: „Er hat uns wieder mal den Hintern gerettet.“ Mit nunmehr 6:0 Punkten benötigt die DHB-Auswahl aus den beiden abschließenden Hauptrundenspielen gegen Olympiasieger und Weltmeister Dänemark am Montag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM und in der ARD) und zwei Tage später gegen EM-Titelverteidiger Frankreich noch einen Sieg, um wie erhofft ins Halbfinale einzuziehen und um eine Medaille zu spielen. „Es ist ein unglaubliches Privileg in dieser Gruppe, dass man ein Spiel – in Anführungszeichen – vergeigen darf“, sagte Renārs Uščins angesichts der Duelle mit den stärksten Mannschaften dieses Turniers. Ebenso ein Privileg ist es, einen Wolff zu haben. Mit welchem Körperteil auch immer: 22 Würfe (44 Prozent) wehrte der DHB-Torhüter am Samstagabend ab und brachte die Norweger damit noch mehr zur Verzweiflung als zwei Tage zuvor die Portugiesen. Selbst wenn ein Angreifer allein auf ihn zulief und freie Wurfbahn hatte, reagierte Wolff blitzschnell. „Phänomenal“ fand Bundestrainer Alfreð Gíslason seinen Torwart nach dem Sieg über Norwegen: „Andi war so in den Köpfen der Spieler, gerade die Außen wollten doch eigentlich gar keinen Ball haben.“ Auch die Mitspieler schreckten gelegentlich vor dem Vierunddreißigjährigen zurück. So knöpfte sich der Torhüter vom THW Kiel lautstark seinen Vordermann Juri Knorr vor, als der einen Abpraller nicht zu fassen bekam und die Norweger in Ballbesitz gerieten. „Man hat gesehen, dass die eine oder andere Szene mich nicht begeistert hat“, sagte Wolff im ZDF: „Hier und da fehlt einfach ein bisschen Cleverness, vorne wie hinten.“ Schelte für Wolffs Teamkollegen Die DHB-Kollegen nahmen die Schelte an. Nicht nur, weil sie von ihrem Torhüter deutliche Worte so gewohnt sind wie Weltklasseparaden. Sondern weil sie genau wussten, was sie während des Spiels alles vermasselt hatten und wem sie den Sieg und die lupenreine Hauptrundenbilanz zu verdanken hatten. „Wenn wir ehrlich sind“, sagte Linksaußen Rune Dahmke: „Hätten wir Andi heute nicht gehabt, dann hätte es am Ende sicher anders ausgesehen.“ Die erste Halbzeit war für alle Beteiligten wie ein Déjà-vu. Wie zwei Tage zuvor gegen Portugal hatte die DHB-Auswahl anfangs im Angriff wenig Ideen und noch weniger Durchschlagskraft. Die Norweger hatten ihre Hausaufgaben erledigt und sich bestens auf diejenigen DHB-Schützen eingestellt, die in den Spielen zuvor entscheidend trafen. „Sie stehen uns eigentlich auf den Füßen, wir kommen nicht richtig in die Bewegung rein und verwerfen dann auch zu viel“, sagte Kapitän Johannes Golla. Weder wurden Miro Schluroff und Uscins von Knorr gut in Szene gesetzt, noch fanden die Rückraumschützen von selbst eine Lücke. Die Versuche misslangen reihenweise: Knorr an den Pfosten, Golla am Tor vorbei, Nils Lichtlein nur bei einem von drei Siebenmetern erfolgreich, dazu immer wieder prächtige Paraden von Norwegens Torwart Torbjørn Bergerud: Die erste Halbzeit (15:17) geriet zur Chronik des Angriffsgrauens. „Wir wissen alle, wenn wir so eine Angriffsleistung gegen Dänemark haben, dann ist das Spiel schon zur Halbzeit vorbei“, sagte Gíslason mit Blick auf das Montagsduell. Was Schluroff gegen Portugal schaffte, gelang Grgić gegen Norwegen In der zweiten Hälfte ging’s hinten mit Wolff sensationell weiter, vorne verdiente sich der eingewechselte Grgić einen Preis für den besten deutschen Nebendarsteller. Nicht nur, weil der Flensburger Bundesligaprofi die eigenartige Schusshemmung seiner Kollegen aus dem Rückraum beendete und in 14 Einsatzminuten zum besten deutschen Torschützen avancierte (sieben Treffer). Sondern weil die EM zuvor an ihm vorbeigelaufen war, obwohl er in guter Form aus Flensburg zur DHB-Auswahl gestoßen war. Das Trainerteam hatte ihm in den ersten EM-Wochen zwar stets gut zugesprochen und ihn öffentlich gelobt, jedoch nur selten eingesetzt. Als gegen Norwegen kaum etwas lief, bekam Grgić seine große Chance – und nutzte sie. „Alfreð (Gíslason) hat in der Halbzeit gesagt, dass sie mich jetzt mehr denn je brauchen“, sagte der Dreiundzwanzigjährige später: „Da habe ich versucht, meinen dummen Schädel auszuschalten, einfach Handball zu spielen und aufs Tor zu werfen.“ Der Bundestrainer durfte sich mal wieder zur Breite seines Spitzenkaders beglückwünschen. Was Schluroff gegen Portugal schaffte, gelang Grgić gegen Norwegen: Beide brachten Mumm und Schwung ins Spiel und erzielten jeweils sieben Treffer. „Jeder weiß, was Marko für eine Wahnsinnsqualität hat und was für ein Charakter er ist. Er hat das Spiel an sich gerissen, nicht nur mit seinen Toren“, lobte Gíslason. So wurde Grgić zum kleinen Helden – neben dem großen Andreas Wolff.