Die meisten Pfarrer predigen schlimmstenfalls vor einer Handvoll Leuten, bestenfalls vor einer vollen Kirche. Patrick Smith von der Evangelischen St. Lukasgemeinde in Kelkheim-Fischbach predigt vor Zehntausenden. Denn er nimmt seine Predigt wöchentlich als Podcast auf, unter dem Titel „Predigtbruch“ kann man ihn auf den gängigen Plattformen finden. Auf dem Computer im Gemeindebüro an der Pauluskirche ist die Weihnachtsfolge schon gespeichert. Gleich neben dem Bildschirm steht eine goldene Sichel auf einem Holzsockel, der Hauptpreis des ersten Frankfurter Trauer-Slams. Smiths Themen sind aus dem Leben gegriffen, der Aufhänger meist persönlich. Und das in einer bildreichen, aber klaren Sprache, die jedem etwas mitgibt. „Wenn es in der Kirche wieder heißt, ‚du bist aus Gnade erlöst‘, dann muss man diese Wörter auch füllen. Was heißt denn jetzt ‚Gnade‘? Und was heißt ‚erlöst‘? Dann denken die Menschen doch an Gnadenhof“, sagt er. Smith stammt aus Bad Soden-Neuenhain, den anglophonen Nachnamen verdankt er seinem Mann, einem Paläontologen. Zusammen mit dem kleinen Sohn wohnten sie bereits in ihrem Haus in Kelkheim-Fischbach, als vor zweieinhalb Jahren die Pfarrstelle frei wurde. Smith war damals Klinikseelsorger auf der Kinderstation am Klinikum Höchst. Als sein Sohn auf die Welt gekommen sei, sei das nicht mehr gegangen. Regelmäßig sei er in die Geriatrie geflohen und habe sich die Lebensgeschichten der alten Damen angehört, um sich aufzuheitern. Als Gemeindepfarrer hingegen biete sich einem der ganze Blumenstrauß des Lebens. Vom Verwaltungstrakt der Gemeinde im ersten Stock schaut man durch Fensteröffnungen direkt in den Kirchenraum hinunter. „Wie ein Evita-Balkon“, sagt Smith, „don’t cry for me, Kelkheim-Fischbach.“ Zweiteres singt er natürlich, denn der Mann kann nicht nur reden, er ist auch ausgebildeter Musicalsänger, die Ausbildung absolvierte er an der Academy of Stage Arts in Oberursel. Den letzten Anlauf, aus seiner Passion mehr zu machen, nahm er vor zwei Jahren als Teilnehmer der Show „The Voice of Germany“. Auch wenn die Kaulitz-Brüder mit ihm sympathisierten, votierte am Ende kein Jurymitglied für ihn. Ein herber Rückschlag, aber „Träume sind keine Lebensziele“, sagt Smith. „Träume existieren im Konjunktiv und die bleiben im Konjunktiv.“ Wie sind Sie zum Podcasten gekommen? Wir haben viele Gemeindeteile zu versorgen. Ältere Menschen sagen zu Recht, zur Kirche im Nachbarort muss ich erst hinkommen, die Jüngeren sagen, sonntags ist mein einziger Familientag. Und ich habe mich gefragt, wie kann ich für diese Botschaft ein Format schaffen, das man auf dem Weg zur Arbeit hören kann? Wenn ich in zehn Minuten einen Gedanken übertragen kann, der bestärkt und bei dem man sich gesehen fühlt, dann ist das gut. Weihnachten kommt jedes Jahr wieder. Wird das nicht irgendwann zur Routine? Ich finde, gerade große Feiertage sind unsere Visitenkarte. Da muss ich die absolute A-Liga auffahren, weil Leute kommen, die sonst nie kommen und vielleicht auch nie wieder kommen. Wenn ich dann zeigen kann, Kirche ist lebendig, sie hat Brüche, sie ist echt, da geht es um Lebensthemen, dann kommen sie vielleicht wieder. An Weihnachten schaue ich immer, wo der Pulsschlag der Gesellschaft um mich herum schlägt. Diesmal ist das Thema ‚Realitätsflucht‘. Ist Weihnachten Realitätsflucht? Wir tun immer so, als wäre alles schön, als wäre es Licht und Glitzer und etwas, worauf wir warten. Ist Weihnachten denn Eskapismus? Und ist Eskapismus pathologisch, oder ist er einfach menschlich? Und könnte man es auch ‚Realitätsauszeit‘ nennen? Verdrängung ist eine funktionale Kompensation und nicht nur negativ. Es gibt Dinge, die kann man nicht bearbeiten und die darf man verdrängen, wenn sie keinen Leidensdruck erzeugen. Wenn das Fliehen aber dazu führt, dass man sich nicht regeneriert und noch müder wird, dann muss ich mir die Frage stellen, ob ich nicht besser ein Leben führen sollte, dem ich nicht ständig entkommen will. Aber ein momentanes Ausknipsen der Zumutungen der Realität ist völlig legitim. Leben ohne Überforderung, ohne negative Erlebnisse und Missempfindungen gibt es nicht, und natürlich will man dem entkommen. Davon lebt auch Marvel. Wenn wir zu Hause ‚X-Men‘ gucken und mein Mann fragt: ‚Worum geht’s denn?‘, dann sag ich: ‚Das weiß ich nicht, es ist mir auch egal. Ich möchte sehen, wie Dinge explodieren.‘ Als wir vorhin unten in der Kirche waren, haben Sie gesagt, Sie halten die im Wohnzimmerstil gehaltenen Kirchen der Siebzigerjahre für eine Fehlentwicklung, die Leute wollten das nicht. Warum? Ich glaube, es gibt tolle Konzepte von Wohnzimmerkirche, da wird das absichtlich bedient, mit Sesseln, wir snacken was, wir kommen ins Gespräch. Aber meine Empfindung ist, dass das Eintreten in einen sakralen Raum einen so irritieren kann, dass die üblichen Interpretationsmuster nicht mehr greifen. Und das ist gut, weil ich dann offen bin, Dinge ohne Sarkasmus, Bitterkeit und Zynismus anzuhören. Wenn ich in einem Raum bin, der mein normales Denken unterbricht, kann ich für anderes zugänglich sein. Funktioniert das denn? Die am schwierigsten zu erreichende Gruppe sind Alleinstehende zwischen dreißig und fünfzig. Wir haben tausend Angebote für Familien und Senioren, aber wo sind die, die während der Pandemie alleine in Frankfurt in der Wohnung saßen und dachten, ich verrecke vor Einsamkeit? Die müsste man erreichen, und das ist schwer. Das sehe ich auch bei meinen Hörern, der größte Anteil ist weiblich und zwischen vierzig und fünfzig. Beschäftigen sich Männer ungern mit sich selbst und ihrem Leben? Bei Männern muss ich mir die Glaubwürdigkeit erst verdienen. Meine erste Stelle war in Mühlheim am Main, dort ist die Polizeischule, lauter Männer in meinem Alter. Ich bin dann dort zum Dienstsport gegangen und ich hatte die besten Seelsorgegespräche in der Umkleide, nachdem wir zusammen gepumpt haben. Vielleicht muss man Männern noch mehr dort begegnen, wo sie sind. Auch ältere Männer sind oft einsam. Wo begegnet man denen? Gerade bei der Generation, die jetzt um die achtzig ist, wurden die Männer ihr ganzes Leben lang gebraucht. Jetzt gehen sie jeden Tag zu einem anderen Arzt, und ihre Kompetenzen will keiner mehr hören. Ihre Einsamkeit entsteht, wenn sie alleine sind, oft dadurch, dass ihre Identität sich über ihre Leistungsfähigkeit generiert hat. Und das ist etwas, das sie mit der jetzigen Generation verbindet: dass die Identität daran hängt, ob man funktioniert. Da ist die Perspektive in meinem Podcast genau anders. Ich entkoppele das und sage, das stimmt nicht, du bist geliebt, bevor irgendjemand das Schild auf deinem Schreibtisch gesehen hat. Da hat das Christentum ein starkes Pfund, indem es sagt: Du kannst es nicht verkacken. Das Ja von Gott steht. Weihnachten ist nicht nur das Fest des wohligen Eskapismus, sondern manchmal auch der bitteren Auseinandersetzungen innerhalb der Familie. Wie kann so etwas passieren? Enttäuschungen passieren, wenn Erwartung und Erlebtes nicht mehr kongruent sind. Der Bonus am Weihnachtseskapismus ist ja, dass ich mir ein fertig geschneidertes Gefühl anziehe, mit Fransen und Knöpfen und Glitzer, und sagen kann, ich fühle mich wohlig, heimisch und harmonisch. Aber das hält nicht, weil man sich selbst immer mitnimmt. Die Streite und die enttäuschten Erwartungen sind ja nicht weg. Und dann fällt auf: Eskapismus ist keine Lösung, es ist ein Kostüm. Dann muss man die Wahrheit angehen. Und dann gibt es jene, die Weihnachten alleine verbringen müssen und davor Angst haben. Einsamkeit ist eines der Themen unserer Zeit. Alleinsein kann gut und gewählt sein, aber Einsamkeit ist nie gewählt, das ist ein Schmerz, ein Mangel. Man muss für sich benennen, was einem fehlt. Und man sollte sich erlauben, einsam zu sein und es anderen zu sagen, andere anzurufen. Das braucht ja keine Lösung. Angst, Schmerz und Trauer brauchen erst einmal keine Lösung. Das braucht jemanden, der dabeisitzt und sagt, ich halte das mit dir aus. Das war auch in der Klinikseelsorge oft das Einzige, was ich tun konnte. Und wie geht es dann weiter? Einsamkeit ist kein Scheitern. Ich darf einsam sein, und wenn ich das nicht will, muss ich scharfstellen, was genau mir fehlt. Dann hat man die Wahl zwischen Angst und Wut. Ich kann mich von Angst lähmen lassen, ich kann aber auch meine Wut finden und sagen, ich hab jetzt keinen Bock, hier zu sitzen, und gehe raus. Dann kann man draußen weinen, aber man geht dann wenigstens irgendwohin. Eine Bekannte sagte mal, du kannst dir auch eine andere Geschichte erzählen: Ich bin in der Vorbereitung, ich wachse und blühe gerade, und der Mensch, der mich braucht und den ich brauche, der ist halt noch nicht fertig gebacken. Warum nicht? Was ist der Schaden? Wenn mich Menschen fragen, warum sie glauben sollen, wenn vielleicht alles nicht stimmt, sage ich auch, Worst Case ist: Haste dir halt Hoffnung gemacht. Hoffnung ist harte Arbeit, bitter sein kann jeder. Ich behaupte, es wird alles gut, und ich halte auch eisern dran fest. Alle Dinge, die ich bei Gott nicht verstehe, packe ich in eine Tupperdose und nehme sie an die Himmelspforte mit.
