FAZ 22.01.2026
16:05 Uhr

Peking und Grönland: Wie Chinas Propaganda den Grönland-Konflikt nutzt


Die chinesische Propaganda behauptet seit langem, die NATO sei am Ende. Trumps Grönland-Äußerungen liefern ihr dafür neue Munition.

Peking und Grönland: Wie Chinas Propaganda den Grönland-Konflikt nutzt

Das Ende der NATO ist ein lang gehegtes Ziel Chinas. Donald Trumps Grönland-Äußerungen, die das Bündnis unterminieren, finden in Peking entsprechende Beachtung. „Die NATO hat ihre Daseinsberechtigung verloren“, sagte Cui Tiankai, Chinas früherer Botschafter in den USA. „Dieses transatlantische Sicherheitsbündnis dient nicht mehr den langfristigen Interessen seiner Mitgliedstaaten.“ Was Cui gerade offen in Peking ­sagte, verbreitet der chinesische Machtapparat im Kern seit Langem. Das westliche System von Bündnissen und Allianzen ist ein zentraler strategischer Vorteil, den Peking selbst nicht hat. Jede Erosion dieses Systems liegt im Interesse des chinesischen Machtapparats. Die Bedrohung der Allianz durch den amerikanischen Präsidenten verschafft Peking ganz neue Erklärungsmöglichkeiten. Das westliche Bündnissystem entspricht laut Cui „nicht mehr dem globalen Entwicklungsmuster“. Die NATO habe heute keine Antworten auf Fragen globaler Lieferketten, auf Herausforderungen Künstlicher Intelligenz oder „den Klimawandel“ – Bereiche, in denen China eine entscheidende Rolle spielt. Keine direkte Kritik an Trump Dass Europa dagegen Russland weiterhin als „primäre Sicherheitsbedrohung“ betrachte, bezeichnet Cui als eine „Fehleinschätzung“. Dieses europäische Denken beruhe auf „inneren Dämonen“ einer im vergangenen Jahrhundert geprägten Weltanschauung, so der ehemalige Botschafter. Dass Chinas Machtapparat immer wieder Russland zur Seite steht, soll eine Isolierung Moskaus abwenden. Peking will keine Blockkonfrontation wie im Kalten Krieg und entsprechende Koalitionen zur Eindämmung Chinas verhindern. Eine Eindämmung Chinas ist unter Trump aller amerikanischen Rhetorik zum Trotz auch immer fraglicher. Trump nähert sich Putin an und schwächt den Westen durch Handelskriege. Indem Trump Kanada, europäische und asiatische Verbündete mit Zöllen belegt, macht er es diesen Staaten schwerer, sich wirtschaftlich von China zu lösen. Im Gegenteil müssen die Mittelmächte ihren Außenhandel nun auch von den USA diversifizieren, um sich abzusichern. Für China ist dies ein Beweis dafür, dass Multilateralismus „der richtige Pfad für die Menschheit“ sei. Jedenfalls soweit er amerikanischen Einfluss mindert. Offiziell verbreitet China weiter eine schablonenhafte Sprache zu Grönland: Das Völkerrecht auf Grundlage der UN-Charta müsse gewahrt bleiben, betont das Außenministerium. China fordere die USA „dringend“ auf, „die sogenannte China-Bedrohung nicht länger als Vorwand für eigennützige Ziele zu missbrauchen“. Mit direkter Kritik an Trump hält sich Peking zurück, auch um die eigene Wirtschaft zu schützen. Die bilateralen Beziehungen präge „eine dynamische Stabilität“, sagte ein Außenamtssprecher. Für China lohnt sich manchmal Stillhalten. Was Europa mit der Qing-Dynastie verbinden soll So identifizierte der prominente Politikwissenschaftler Yan Xuetong im Staatsfernsehen gerade eine dritte Säule der bisherigen transatlantischen Bündnisstärke, die neben der sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit bröckelt: Amerikas Ruf, Moral, Rechtsstaatlichkeit und internationale Normen hochzuhalten. „Diese imperialistische Wende wird die Selbstidentität der USA als Säule der regelbasierten Ordnung zerstören“, prognostizierte Yan, „und möglicherweise die Zerstörung internationaler Normen in der langfristigen Außenpolitik der USA verankern“. Damit sei der Westen zwar nicht am Ende, warnte Yan Xuetong gleichwohl an anderer Stelle. Die europäischen Länder verfolgten keine Politik der Trennung von den USA aufgrund unterschiedlicher politischer Systeme, sagte Yan auf einer Tagung der Tsinghua-Universität, auf der auch Cui sprach. Vielmehr hätten sich die Konflikte in den westlichen Ländern verschärft und „das Maß weit überschritten, in dem eine strategische Zusammenarbeit zwischen ihnen aufrechterhalten werden kann“. „Der Geist der NATO ist tot“ Für die chinesische Propaganda ist das ein gefundenes Fressen. „Der Geist der NATO ist tot, Europas Vertrauen in die USA zerstört“, heißt es vom nationalistischen Blogger Hu Xijin. Sollte Europa Trump in der Grönland-Frage nicht entgegentreten, werde es „seine Souveränität und Würde verlieren“. Der bekannte Propagandist Jin Canrong bezeichnete Europa „in seiner derzeitigen Form“ als „nutzlos“. Europa befinde sich in einem ähnlichen Zustand wie China zur späten Qing-Dynastie, der letzten vor dem Untergang der Monarchie und der Ausrufung der Republik 1912: „mit einer eigentlich verfallenen Mentalität, die nur noch jammert und klagt“. Die Volksrepublik verbreitet derzeit auf vielen Kanälen das beliebte Motiv europäischer Schwäche. Anders als früher versucht es China derzeit weniger mit Charmeoffensiven, sondern mit verstärktem Druck auf Europa, um zu zeigen, dass der alte Kontinent kaum andere Optionen habe, als Chinas Sichtweisen hinzunehmen. Jahrelang habe Europa sowohl die eigenen Entwicklungsmöglichkeiten als auch die sich wandelnde Welt falsch eingeschätzt und sich übermäßig von den engen Beziehungen zu den USA abhängig gemacht, schrieb das chinesische Parteiblatt „Global Times“ diese Woche, „während es die Zusammenarbeit mit weiteren Partnern wie China und Russland vernachlässigt hat“. So habe sich Europa anfällig für amerikanische Schikanen gemacht. Jetzt sei es kaum in der Lage, sich zu wehren. Sodann gibt Peking den Europäern mit auf den Weg: „In den internationalen Beziehungen gibt es keine dauerhaften Freunde oder dauerhaften Feinde, deshalb muss Europa der Situation mit klarem Realismus begegnen.“ Ein Entgegenkommen kann Europa von China also kaum erwarten.