Paul Lim saß auf dem Pressepodium des Alexandra Palace und wirkte vor den zahlreichen Mikrofonen wie ein Staatsmann. Doch das Einzige, was den Mann aus Singapur mit vielen hochrangigen Politikern dieser Welt verbindet, ist wohl sein hohes Alter. Mit 71 Jahren hat Lim den Status als bislang ältester Sieger bei einer Darts-WM erreicht – das 3:1 gegen den nicht einmal halb so alten Jeffrey de Graaf (35) war in London eine kleine Sport-Sensation. „Genau solche Momente treiben mich seit Jahren an. Das ist die größte Bühne unseres Sports, der Super Bowl des Darts. Ich habe gespürt, dass ich die Menge auf meiner Seite habe – vielleicht liegt es an meiner Persönlichkeit, vielleicht an meinem Auftritt“, sagte Lim, der seit über vier Jahrzehnten professionell Darts spielt und vor Singapur auch schon für die USA, Hongkong und Papua-Neuguinea auflief. Nun geht es für Lim gegen die Nummer zwei der Welt Zum ersten Mal trat er bei einer WM im Jahr 1982 an. Acht Jahre später bejubelte er mit dem Einzug ins Viertelfinale seinen bisher größten Erfolg. Bei eben jener Ausgabe sorgte Lim, der sich nur dank Schützenhilfe bei der Asian Tour für den Jahreshöhepunkt qualifizierte, für den ersten 9-Darter bei einer Weltmeisterschaft überhaupt. Der „Darts-Opa“, wie ihn die Szene liebevoll nennt, bekommt nun ein absolutes Bonusmatch gegen den früheren Weltmeister Luke Humphries. Der Engländer ist die Nummer zwei der Welt und ein Darts-Millionär, er geht als hoher Favorit in das Duell am 22. Dezember. „Ein super Typ, ein Gentleman und ein super Spieler. Er ist sehr gut, aber kann geschlagen werden“, sagte Lim. Der 30 Jahre alte Humphries, der alterstechnisch Lims Enkel sein könnte, hat eine Vorgeschichte mit dem Grandseigneur des Pfeile-Business. Die beiden Profis trafen bei der WM 2021 in London aufeinander. Humphries führte damals mit 2:0-Sätzen und verlor noch 2:3. „Diese Niederlage vor fünf Jahren hat mich verändert“, erinnerte sich Humphries. „Paul und ich verstehen uns sehr gut, aber im nächsten Spiel geht es um das Geschäft. Wenn ich so spiele wie heute, wird es hart für ihn. Aber ich freue mich immer, auf eine Legende zu treffen“, sagte Humphries nach seinem souveränen 3:1-Sieg über Ted Evetts. Es soll nicht seine letzte WM-Teilnahme sein Lim wird im Januar 72 und denkt noch nicht an die Rente. Der „Singapore Slinger“ kündigte bereits an, bei der nächsten WM wieder dabei sein zu wollen. Und sagte, er beschränke sich bei der Fortsetzung seiner Karriere keineswegs auf Turniere. Lim spielt nach eigener Aussage noch immer an 40 Wochenenden pro Jahr. Der Deutsche Gabriel Clemens erreichte unterdessen erwartungsgemäß ebenfalls die zweite Runde bei der Darts-WM. Der Saarländer besiegte den amerikanischen Außenseiter Alex Spellman am späten Samstagabend 3:0 und bekommt damit einen zweiten Auftritt im Alexandra Palace. Clemens hatte mit dem schwachen Auftaktgegner keine Probleme und kam souverän durch. Im ersten Satz gelang ihm ein seltenes Finish von 170 Punkten. Am 22. Dezember geht es für Clemens gegen den niederländischen Geheimfavoriten Wessel Nijman, der zuvor am Abend den Tschechen Karel Sedlacek 3:0 besiegt hatte. Nach Debütant Arno Merk ist Clemens, selbst WM-Halbfinalteilnehmer von 2023, der zweite Deutsche, der mit einem Sieg in das wichtigste Turnier des Jahres gestartet ist. Als nächste Deutsche sind in London Lukas Wenig an diesem Sonntagabend und Max Hopp am Montagabend gefordert. Insgesamt treten acht deutsche Akteure bei der WM an.
