Vermutlich hat es mit den schwankenden Zeiten zu tun. Wenn die Weltpolizei sich offen mit Weltschurken verbündet, möchte man wohl, dass wenigstens bei handelsüblichem Mord und Totschlag alles seine Ordnung hat. Und nichts ist geordneter und behaglicher als der klassische Whodunit in der Rätselrateform von Agatha Christie, deren 50. Todestag unlängst begangen wurde. Nostalgie ist eine Lügnerin, aber verführerisch. Das hochglanzpolierte Whodunit-Revival scheint jedenfalls einem neuen Höhepunkt entgegenzustreben. Für das Kino und Disney+ verfilmt Kenneth Branagh seit einer Weile die großen Agatha-Christie-Romane, ein vierter Film ist angekündigt. Serien wie „Only Murders in the Building“ (Disney+) oder „Death in Paradise“ (BBC One/France 2), die eine klassische Detektivperspektive mit aktuellen Plots verbinden, warteten zuletzt mit neuen Staffeln auf. Daniel Craig gibt bei Netflix zum dritten Mal den Knobelkommissar Benoit Blanc in der Genre-Hommage „Knives Out“. Und ebenfalls bei Netflix hat sich Chris Chibnall soeben – gediegen erzählt, aber pompös gefilmt – an den Agatha-Christie-Roman „The Seven Dials Mystery“ von 1929 mit seiner erstaunlich feministischen Protagonistin gewagt, das Uhrwerk dann aber doch zu sehr Richtung Zeitgeist überdreht (wohl auch, um die schwache Handlung zu übertünchen). Köstliche neue Handlungsvolten Dass ausgerechnet Deutschland, wo quasi jede Stunde ein fertiger Fernsehkrimi nach Schema F aus der Unterhaltungswurstmaschine fällt, beim internationalen Whodunit-Boom außen vor zu bleiben schien, könnte sich mit der ziemlich wuchtig inszenierten Murder-Mystery-Komödie „Fabian und die mörderische Hochzeit“ nun ändern. Bezeichnenderweise läuft der von der Ufa Fiction produzierte Film nach einem Drehbuch von Martin Eigler, Lars Neuwöhner und Sven S. Poser nicht bei einem deutschen Sender, sondern bei Amazons Streamingdienst Prime. Tatsächlich gelingt es Regisseur Markus Sehr („Eine Insel namens Udo“, „Friesland“, „Mord mit Aussicht“), dem guten alten Plot des geschlossenen Settings – in einer abgelegenen litauischen Villa geschieht ein Mord, während die dort weilende Hochzeitsgesellschaft durch Unwetter von der Außenwelt abgeschnitten ist – köstliche neue Handlungsvolten und treffenden Charakterwitz abzugewinnen. Dass dabei ein Hochstapler als Kommissar agiert, ist erzählerisch raffiniert, schließlich kann man vor Agatha Christies Erfolgsstück „Die Mausefalle“ nicht mehr zurück. Also hat man dessen Clou, dass ein Kommissar nicht der ist, der er zu sein vorgibt, einfach umgedreht. Zwischen Retroästhetik und trashiger Revolte Der stets als falscher Kommissar erkennbare Fabian Kurtz wird weniger gespielt als in jedem Sinne verkörpert von Bastian Pastewka, dem deutschen Kriminerd schlechthin. Im Einstieg sehen wir ihn noch als kleinen, aber bluffsicheren Betrüger in Vilnius, der eine kitschige Luxuswohnung, die ihm gar nicht gehört, an einen schmierigen Käufer vertickt – aber dabei einen Fehler macht und fliehen muss. Sofort hat man Pastewkas sympathisch unehrliche, das Chaos immer weiter vergrößernde Figuren in „Mutter muss weg“, „Morgen hör ich auf“ oder „Alles gelogen“ vor Augen. Und in der Tat wurde der Film Pastewka auf den Leib geschneidert, wie Markus Sehr im Presseheft schreibt. Nur der Hauptdarsteller habe von Anfang an festgestanden, um diesen herum habe man dann das perfekte Ensemble gebaut und am Drehbuch geschraubt. Das hat sich gelohnt. Der Hochstapler, dessen wahren Namen man nie erfährt, gerät also durch Zufall in eine Hochzeitsgesellschaft, die ihn für den verspäteten Fotografen hält, und landet mit der herzigen Truppe in der edlen Villa („krasse Bude“) der Tante (Nicole Beutler) der Braut (Tamara Romera Ginés). Ein äußerst wertvolles Hochzeitsgeschenk weckt sofort die Begier des Protagonisten, aber er muss feststellen, dass er nicht der Einzige ist. Als ein Mord geschieht, zückt der vermeintliche Fotograf eine gefälschte Visitenkarte, die ihn als Fabian Kurtz vom BKA ausweist, und es beginnt eine sehr lustige, aber durchaus ernsthaft durchgeführte Mordermittlung. In deren Verlauf zeigen die einander alles andere als herzlich zugetanen Gäste ihr wahres Gesicht, und bald schon massieren sich die möglichen Motive und Tathergänge. Barbara Philipp als handfeste Mutter der Braut überzeugt dabei ebenso wie Bernhard Schütz als Vater des Bräutigams (Anton Dreger). Manches ist zu flapsig, etwa die prominente Rolle, die die Schwester der Venus von Willendorf im Film spielt, aber insgesamt hält das Buch die Spannung zwischen komisch entlarvenden Momenten und detailverliebten Verwicklungen. Auch die Regie weiß sich artistisch zwischen anspielungsreicher Retroästhetik und trashiger Revolte (etwa durch knallig enthemmte Farbigkeit) zu bewegen. Dass die Gäste auf jeder Statushochzeit – und hier ganz besonders – eine Rolle spielen, nämlich mehr zu sein vorgeben, als sie sind, lässt den Hochstapler als Gleichen unter Gleichen erscheinen. Als Lügenprofi aber ist er klar im Vorteil. Je herrischer Kurtz die Gäste angeht, desto mehr sind sie ihm zu glauben geneigt. Nuancenreich und eine Spur metafiktional spielt Pastewka bis in die gerade durch Erfüllung aller Vorgaben als Genreparodie erscheinende Auflösung hinein diese Überlagerung zweier Rollenvorbilder aus: Felix Krull trifft Hercule Poirot. Die Sache ist rund: Man weiß bis zum Schluss nicht, ob pure Gier, wie sie auch so manchen Weltpolizisten auszeichnet, zu der Mordtat führte oder ob doch ein ganz anderes Motiv dahintersteckt. Das ist so behaglich schlicht wie unterhaltsam. „Fabian und die mörderische Hochzeit“ könnte gerade deshalb eine der wenigen deutschen Krimiproduktionen sein, mit der sich international reüssieren lässt. Und dann darf es auch langsam wieder etwas komplexer werden. Fabian und die mörderische Hochzeit startet am Freitag bei Amazon Prime Video.
