FAZ 20.01.2026
08:56 Uhr

Parteilose Kandidaten: Warum Unabhängigkeit kein Gewinn für die Demokratie ist


Bei Bürgermeisterwahlen sind immer öfter unabhängige Kandidaten erfolgreich. Dabei ist die Flucht aus der Parteilichkeit grundsätzlich kein Gewinn für die Demokratie.

Parteilose Kandidaten: Warum Unabhängigkeit kein Gewinn für die Demokratie ist

Keine Experimente: Bei zwei Bürgermeisterwahlen im Landkreis Offenbach – in Langen und in Obertshausen – waren am Wochenende die amtierenden Rathauschefs erfolgreich. Beide sind als „unabhängige“ Bewerber angetreten. So etwas ist bei Direktwahlen auf kommunaler Ebene keine Seltenheit mehr, sondern ein Trend. Immer häufiger reüssieren quasi zügellose Kandidaten, die verhindern wollen, dass die Unzufriedenheit breiter Wählerschichten mit der großen Politik auf die eigene Person projiziert wird. „Parteilos“ gilt vielen mittlerweile als Qualitätssiegel für Unabhängigkeit und Bürgernähe. Dabei ist die Flucht aus der Parteilichkeit oft kein Gewinn für die Demokratie, sondern ein Rückzug ins Unverbindliche. Anders gesagt: Wer für eine Partei antritt, legt seine weltanschauliche DNA offen. Wähler wissen sofort, für welche Grundwerte – sozial, liberal, ökologisch, konservativ, nationalistisch – der Kandidat steht. Farbe bekennen bedeutet, dem Wähler nicht vorzugaukeln, man stehe über den Dingen. Politik ist immer ein Abwägen von Interessen. Parteien bieten den dafür nötigen Kompass. Ein Parteibuch öffnet Türen Ein Oberbürgermeister, Bürgermeister oder Landrat agiert nicht im luftleeren Raum. Um im Interesse ihrer Kommunen erfolgreich zu sein, brauchen sie Mehrheiten und Geld. Ein Parteibuch öffnet Türen in die Ministerien auf Landes- oder Bundesebene. Wer gut vernetzt ist, erfährt früher von Förderprogrammen und kann die Interessen seiner Kommune dort vertreten, wo die großen Gelder verteilt werden. Ein weiterer Vorteil von Parteipolitikern: Sie haben in der Stadtverordnetenversammlung oder im Kreistag eine Fraktion im Rücken. Parteilose Bürgermeister müssen sich für jedes Vorhaben mühsam wechselnde Mehrheiten erstreiten, was oft zu politischem Stillstand oder zu faulen Kompromissen führt. Wer „farblos“ bleibt, steht bei Gegenwind oft allein auf weiter Flur. Die Hoffnung, Sachpolitik brauche keine Parteien, ist ein Trugschluss. Auch in der Kommune gibt es echte ideologische Unterschiede. Baut man einen Radweg, oder rettet man lieber die Parkplätze? Investiert die Gemeinde in die Digitalisierung oder in das Freibad? Soll der Kindergartenbesuch unentgeltlich sein oder eher ein neues Gewerbegebiet erschlossen werden? Parteien machen diese Unterschiede sichtbar. Wer Farbe bekennt, zeigt Profil, und Profil ist das Gegenteil von Beliebigkeit. Natürlich kann auch ein parteiloser Bürgermeister gute Arbeit leisten. Dennoch bleibt Parteizugehörigkeit ein Bekenntnis – zu Werten, Verantwortung und Verlässlichkeit.