FAZ 20.01.2026
19:38 Uhr

Parteikongress: Vietnams Machthaber eifert Xi Jinping nach


Auf Vietnams kommunistischem Parteikongress steht alles im Zeichen von To Lam. Der mächtige KP-Generalsekretär könnte sich zum Präsidenten küren lassen.

Parteikongress: Vietnams Machthaber eifert Xi Jinping nach

Zum Auftakt des 14. Nationalkongresses der Kommunistischen Partei Vietnams am Montag hatten auf einem Podium in Hanoi die fünf wichtigsten Führungskräfte des Landes vor mehr als 1500 Delegierten Platz genommen. Doch die Aufmerksamkeit richtete sich insbesondere auf den Mann in der Mitte. To Lam, der 68 Jahre alte Generalsekretär der Partei, hat seine Machtposition als wichtigster Funktionär des Landes gefestigt, seitdem er nach dem Tod seines Vorgängers Nguyen Phu Trong 2024 das Amt übernommen hatte. Nun könnte er nicht nur wiedergewählt werden, sondern seine Macht deutlich ausbauen. Wie etwa die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, könnte Lam zusätzlich die Position des Präsidenten für sich beanspruchen. In Vietnam würde er damit eine Machtfülle erhalten wie Staats- und Parteichef Xi Jinping in China. Neben dieser besonderen Personalie verlieren sogar die anderen Themen der fünftägigen Konferenz, die auch die Weichen für die weitere wirtschaftliche Entwicklung Vietnams stellen soll, an Bedeutung. Vietnams Wirtschaft, die trotz unsicherer Weltlage 2025 offiziell sogar um acht Prozent gewachsen ist, wird von den Folgen der geopolitischen Umwälzungen und den amerikanischen Zöllen beeinträchtigt. Die Ziele, bis 2030 ein Indus­trieland mit höherem mittleren Einkommen und bis 2045 ein Land mit hohem Einkommen zu werden, werden dadurch schwerer erreichbar. Oberster Repräsentant und mächtigster Mann Doch für Lam scheint der Zeitpunkt trotzdem günstig, zusätzlich das Amt des Präsidenten zu übernehmen. Wie schon sein Vorgänger hatte er es für kurze Zeit schon einmal inne – das waren aber jeweils nur Übergangslösungen. Damals hatte er es offenbar noch nicht für möglich gehalten, an der ungewöhnlichen Ämterhäufung über längere Zeit festhalten zu können. „Nach einem Jahr an der Macht fühlt er sich nun sicher genug, um eine solche Maßnahme vorzuschlagen“, sagt der Politologe und Vietnam-Fachmann Nguyen Khac Giang, der am Südostasieninstitut ISEAS in Singapur forscht, der F.A.Z. Es wäre das erste Mal, dass sich für die kommenden fünf Jahre die beiden Ämter längerfristig auf eine Person vereinen. Dem Fachmann zufolge würde Vietnams System sich damit den Gepflogenheiten anderer kommunistischer Länder anpassen. Neben China fungieren auch die Führer der Kommunistischen Parteien in Laos, Kuba und Nordkorea als Staatsoberhäupter. Mit der Änderung wäre die mächtigste Person auch diejenige, die das Land nach außen repräsentiert. Dabei habe Lam schon, wie bereits sein Vorgänger, verstärkt repräsentative Aufgaben übernommen. Er habe rund zwanzig Reisen unternommen, darunter in Länder wie China, in die USA und nach Russland, die wichtig für Vietnam seien, sagt Giang. Damit hatte er faktisch schon einige Aufgaben des Präsidenten übernommen. Mehr Marktwirtschaft Es wäre auch nicht das erste Mal, dass Vietnam sich an China ein Vorbild nimmt. Dabei hat das Land traditionell ein schwieriges Verhältnis zu dem großen Nachbarn. Unter anderem streitet sich Hanoi mit Peking um Territorien im Südchinesischen Meer. Der Fachmann Giang hat vor zwei Jahren in einem Aufsatz aber dargelegt, wie sich Vietnams Führung von der chinesischen Reform- und Öffnungspolitik, der dortigen Stärkung der Parteiherrschaft und der chinesischen Antikorruptionskampagne inspirieren ließ. Bei der Kampagne, die Lams Vorgänger Trong vorangetrieben hatte, blieben wie in China selbst die obersten Führungsriegen nicht verschont. Als Minister für öffentliche Sicherheit war Lam derjenige, der die Kampagne umgesetzt hatte. Im Fall des früheren Funktionärs Trinh Xuan Thanh, der in Berlin entführt worden war, wurde To Lam auch als Auftraggeber genannt. Der diplomatische Skandal hat ihm allerdings nicht geschadet. Vielmehr konnte der als „Hardliner“ geltende Parteichef im Kampf gegen die Korruption seine Position verbessern. In der Führung finden sich immer mehr ihm loyal ergebene Funktionäre aus dem Sicherheitsapparat und dem Militär sowie Verbündete aus seiner Heimatprovinz Hung Yen. Dabei zeigt sich Lam als Machtmensch mit den Zügen eines autokratischen Herrschers. Er sei aber auch ein Pragmatiker, sagt Giang. So wendet sich Vietnam unter seiner Führung wieder stärker marktwirtschaftlichen Reformen zu und stützt den Privatsektor. Die Aussicht darauf, dass Lam sich noch mehr Macht sichern könnte, sorgt aber auch für Unbehagen. Vietnam sei eigentlich „allergisch“ gegen zu starke Zentralisierung, sagt Giang. „Natürlich interessiert es die Menschen sehr, ob Vietnam eine Ein-Mann-Herrschaft ähnlich wie in China haben oder ob es bei dem derzeitigen Vier- oder Fünf-Säulen-System bleiben wird“, so der Fachmann. Vietnam bevorzugt seit den „Doi Moi“ genannten Reformen der Achtzigerjahre ein System „kollektiver Führung“. Es beruhte bisher auf den „vier Säulen“ aus Generalsekretär, Präsident, Ministerpräsident und Parlamentspräsident. Im vergangenen Jahr wurde das System mit Aufnahme eines weiteren Funktionärs, des sogenannten Ständigen Mitglieds des Parteisekretariats, um eine „fünfte Säule“ erweitert. Beobachter sehen darin den Versuch, einen Ausgleich für die künftig noch größere Macht Lams zu schaffen. Offen sei, ob sich Lam dann noch zügeln lasse, sagt Giang. Anstatt wie Xi ein unangefochtener „oberster Führer“ zu werden, bleibe er aber wahrscheinlich ein „Erster unter Gleichen“, sagt Giang. Möglicherweise werden die Delegierten in Hanoi seine Ernennung zum Präsidenten auch noch verhindern. Was genau bei dem Kongress besprochen wird, wird sich kaum herausfinden lassen. Es herrschen strenge Sicherheitsvorkehrungen. Die Delegierten haben Agenturen zufolge für die Zeit des Kongresses keinen Mobilfunkzugang.