Thadäus König hat den vielleicht schwersten Job in einem deutschen Parlament. Er ist Präsident des Erfurter Landtags. Sozusagen die Julia Klöckner Thüringens. Der 43 Jahre alte CDU-Politiker leitet die Sitzungen, ist das Gesicht des Hohen Hauses. Im Landtag hat die Thüringer Brombeer-Regierung aus CDU, BSW und SPD keine Mehrheit. Und die AfD-Fraktion ist dort stärker und radikaler als jene im Bundestag. Unter Führung von Björn Höcke legt sie es darauf an, im Parlament zu provozieren. König muss dafür sorgen, dass die Sitzungen nicht aus dem Ruder laufen, Regeln eingehalten werden, die Würde des Hauses gewahrt bleibt. Schon der Start war für König schwer. In der konstituierenden Sitzung des Landtags wurde er Ende September 2024 erst nach zwei Tagen Unterbrechung gewählt. Das Thüringer Verfassungsgericht musste zuvor die Blockade der Wahl durch die AfD auflösen. Die hatte als stärkste Fraktion das Amt für sich beansprucht und wollte nicht hinnehmen, dass die Mehrheit der Abgeordneten die Geschäftsordnung ändert, damit jemand aus den Reihen der CDU zum Parlamentspräsidenten gewählt werden konnte. Das Chaos am ersten Tag der Sitzung sei für ihn aufwühlend gewesen, erinnert sich König im Gespräch in seinem Büro im neunten Stock des Thüringer Landtags. Nach seiner Wahl wurde es noch aufreibender für ihn, „weil dann auch die persönlichen Angriffe auf mich begannen“. König war für viele AfD-Anhänger der Mann, der ihrer Partei das Amt gestohlen hatte. Über Tage wurde er in Mails und den sozialen Medien heftig beschimpft, es ging bis zu Morddrohungen. König hielt das aus. Er informierte aber alle Abgeordneten, wohin sie sich wenden sollten, wenn sie bedroht würden. König wäre wohl gerne Minister geworden Ausgesucht hatte sich König seinen Job nicht. Er wäre wohl gern Minister geworden. Doch der heutige Ministerpräsident Mario Voigt von der CDU trug ihm bei einer Tasse Kaffee in Königs Wohnort Heilbad Heiligenstadt das Amt an. Er habe die Kraft, das durchzustehen. Und durch seine vermittelnde Art schätzten ihn nicht nur die eigenen Leute, habe Voigt gesagt. König hätte ablehnen können. Doch das entsprach nicht seinen Überzeugungen. „Ein Grundmotto von mir ist: Da, wo du hingestellt bist, musst du deine Aufgabe erfüllen“, sagt er. Und fügt ein Zitat des katholischen Pfarrers Adolph Kolping hinzu: „Tut jeder in seinem Kreise das Beste, wird’s bald in der Welt auch besser aussehen.“ Für König als Parlamentspräsident sprach noch ein Grund: Er hatte bei der Landtagswahl als einziger Kandidat die absolute Mehrheit der Erststimmen erreicht: 54,3 Prozent. Damit lag er in seinem Wahlkreis 15 Prozentpunkte über dem Zweitstimmenergebnis der CDU und 25 Prozentpunkte vor der AfD-Kandidatin. Schon fünf Jahre zuvor hatte er in seinem Wahlkreis Eichsfeld I das beste Ergebnis in ganz Thüringen geholt, nämlich 49 Prozent. Sein direkter Konkurrent war damals Björn Höcke. Er wohnt im Ort Bornhagen, zwanzig Kilometer von Heiligenstadt entfernt. Der Thüringer AfD-Chef hatte schon Jahre zuvor angekündigt, er werde die CDU-Bastion Eichsfeld sturmreif schießen. Doch gegen König landete er bei nur 21 Prozent. 2024 zog Höcke es vor, woanders zu kandidieren. Der Höcke-Bezwinger ist in vieler Hinsicht das genaue Gegenstück seines damaligen Gegners. Ein Anti-Höcke. Höcke ist schrill – König ruhig; Höcke polarisiert – König gleicht aus; Höcke taktiert gewieft – König bleibt unbeirrt. Auf die leere Drohung der AfD, sie werde seine Abwahl beantragen, hat er mit der Gelassenheit eines katholischen Buddhas reagiert. Nämlich gar nicht. In jeder Hinsicht das Gegenteil von Höcke König selbst verbindet das auch mit seiner Herkunft. „Wir Eichsfelder zeichnen uns durch Bodenständigkeit, ein gesundes Maß Gottvertrauen und eine starke Verbundenheit mit unserer Heimat aus“, sagt er über die Bewohner der katholischen Enklave in Thüringen. In Königs Büro stehen im schweren Bücherregal ein Kreuz und eine Engelsfigur. Er wuchs in Heiligenstadt mit drei Generationen unter einem Dach auf; heute lebt er mit seiner Frau und zwei Söhnen weiter in der 19.000-Einwohner-Stadt. König engagiert sich in der Pfarrgemeinde, er ist Präsident des 1. SC 1911 Heiligenstadt, des größten Sportvereins der Region. Das Eichsfeld reicht über den westlichen Teil Thüringens nach Nordhessen und Niedersachsen. Deshalb hätten die Eichsfelder, wie König sagt, „eine starke Westorientierung“. Dazu passt, dass der sportbegeisterte Parlamentspräsident seit seiner frühen Jugend Fan von Borussia Dortmund ist und seit vielen Jahren Vereinsmitglied. Mit den Regeln im Sport ist es wie in der Politik – sie müssen durchgesetzt werden. König übt das derzeit im Umgang mit der AfD. Jüngst etwa in einer Sondersitzung des Landtags, als die AfD verlangte, Thüringens Innenminister Georg Maier von der SPD zu entlassen. Maier setzt sich für ein Verbot der AfD ein, die will ihn deshalb loswerden. Der erste Abgeordnete, der für die AfD sprach, sagte, Maier sitze mit „dümmlichem Grinsen“ im Innenausschuss. Ordnungsrufe als Trophäen König ist kein Freund schneller Ordnungsrufe, lieber ermahnt er erst einmal. Doch hier griff er gleich zu Beginn der Sitzung durch. „Wenn persönliche Angriffe und Beschimpfungen im Parlament nicht gerügt und nicht geahndet werden, dann hat das Folgen über die Politik hinaus“, sagt er. Die Bürger würden daraus schließen, „dann kann ich es auch öffentlich, in der Schule, auf der Arbeit oder im Verein sagen“. Ihm gehe es auch um einen würdevollen Umgang in der Gesellschaft. In der Sitzung sprach danach Höcke. Er bezeichnete Maier als „linksextremistischen Minister“, nannte ihn „IM Maier“, nach der Abkürzung für einen inoffiziellen Stasimitarbeiter, und beschimpfte ihn als „politischen Pinocchio“, also Lügner. Als Königs Stellvertreterin, die Linken-Politikerin Lena Güngör, Höcke für die beiden letzten Begriffe jeweils einen Ordnungsruf erteilte, beschimpfte er das Präsidium als „parteiisch“. Das hätte einen dritten Ordnungsruf nach sich ziehen können, Höcke wäre des Saales verwiesen worden. Den Gefallen eines Eklats tat man ihm nicht. Die AfD ließ den Ältestenrat einberufen, um über die Rechtmäßigkeit der Ordnungsrufe zu diskutieren. Die gerügten Ausdrücke bezeichnete sie als „Nichtigkeiten“. Einige AfD-Abgeordnete legen es darauf an, Ordnungsrufe zu bekommen. So sagte Sascha Schlösser, als er im Juni 2025 einen Ordnungsruf erhielt: „Endlich habe ich einen Ordnungsruf“ – worauf er einen weiteren bekam. In der laufenden Wahlperiode gingen 13 der 18 Ordnungsrufe an die AfD. Die AfD spricht zu jeder Gelegenheit über Migration Das Klima im Landtag sei jetzt noch einmal rauer geworden, sagt König. Manche Debatten würden nur geführt, um sie in den sozialen Medien zu verwerten. Das verändere ihren Charakter. Die AfD setze zudem in den Debatten auf das „Prinzip der Überformung“, wie König es nennt. „Jedes Thema, das in einem Gesetz oder einem Antrag behandelt wird, überformt die AfD mit den Themen, die besonders auf ihr Konto einzahlen.“ Oft gehe es dabei um Migration, die Gegnerschaft zu Windrädern oder „allgemein darum, ein düsteres Bild der aktuellen Situation zu zeichnen“. Das nimmt mitunter absurde Züge an. So behauptete der AfD-Abgeordnete Jan Abicht im September in einer Debatte über Tourismus, der Gastronomie in Thüringen gehe es schlecht, weil dort Migranten tätig seien. Diese hätten keinen Bezug zur thüringischen Ess- und Gastgeberkultur, und „das Authentische und die Erlebnisqualität leiden, wenn das Thüringer Rostbrätel oder die Roulade mit Hütes (Klößen) und Rotkraut plötzlich von jemandem serviert wird, den mit der regionalen Identität und Kultur nichts verbindet“. Der Tourist schätze „nun mal die Echtheit und lehnt mehrheitlich künstlich hergestellte Diversität ab“. Solche Reden sind keine Einzelfälle. Der Abgeordnete Thomas Benninghaus sagte im Dezember in einer Debatte, in der die AfD den vermeintlich schlechten Zustand deutscher Kriegsgräber kritisierte, den Satz: „In einigen Städten Thüringens werden auf Gehwegen sogar goldene Steine eingebaut, um an die Opfer der Kriege zu erinnern, während unsere traditionellen Gedenkstätten dem Vergessen preisgegeben sind.“ Mit den goldenen Steinen meinte er die Stolpersteine, kleine Gedenktafeln aus Messing, die in vielen Städten auf Gehwegen verlegt werden, um an das Schicksal von früheren, meist jüdischen Bewohnern an der jeweiligen Adresse zu erinnern, die in der NS-Zeit verfolgt, vertrieben, deportiert und ermordet wurden. König findet mahnende Worte Muss ein Parlamentspräsident solche Beiträge tolerieren? König hält Ordnungsrufe in solchen Fällen aus rechtlichen Gründen für problematisch; wichtig sei der Widerspruch aus den anderen Fraktionen, der in diesen Fällen auch erfolgte. Der Parlamentspräsident kann aber auch auf andere Weise einschreiten, mahnen, Dinge einordnen. So machte es König, als der AfD-Abgeordnete Torsten Czuppon in einer Rede mehrfach die Parole „Alles für Thüringen!“ benutzte, eine Anspielung auf die NS-Parole „Alles für Deutschland!“. Für deren Verwendung war Höcke zweimal rechtskräftig verurteilt worden. König verzichtete auf einen Ordnungsruf, wandte sich aber in der Sitzung dagegen, dass „in abgewandelter Form eine verbotene Parole aus der Zeit des Nationalsozialismus“ aufgegriffen werde. Im Wiederholungsfalle werde er von seiner Ordnungsgewalt Gebrauch machen. Trotz solcher Auseinandersetzungen ist König zufrieden damit, wie es gerade in Thüringen läuft. Die Brombeer-Regierung mache ihre Sache gut, das Land habe an Stabilität gewonnen, findet er. Thüringen sei raus aus den Negativschlagzeilen, die es über Jahre geliefert habe. Dass die TU Chemnitz Ministerpräsident Voigt jüngst seinen Doktorgrad aberkannte, wogegen dieser juristisch vorgeht, könnte Königs optimistischer Sicht einen Dämpfer versetzen. Ein Vizepräsident von der AfD? Zu wenig Würde! Den Politikwissenschaftler berührt die Sache auch persönlich, wurde er doch ebenfalls an der TU beim selben Doktorvater wie Voigt promoviert. Und auch mit dem Spektakel, das die AfD diese Woche deshalb im Landtag aufführte, musste König umgehen. Wobei von vornherein klar war, dass sie mit ihrem Misstrauensvotum gegen Voigt scheitern würde. Auseinandersetzen muss sich König auch mit den Klagen der AfD, ihr würden Rechte im Parlament vorenthalten, weil der Landtag bisher keinen Vizepräsidenten aus ihren Reihen gewählt hat. König ist grundsätzlich dafür, dass auch die AfD dieses Amt bekommt. Ein Vizepräsident müsse aber zur Würde des Parlaments passen, das sei das entscheidende Kriterium. „Rechtsgültige Verurteilungen und Vorstrafen beispielsweise sowie Äußerungen, die unseren freiheitlichen und demokratischen Prinzipien oder der Menschenwürde entgegenstehen, passen nicht dazu.“ Die AfD hatte zunächst eine wegen Betrugs verurteilte Abgeordnete aufgestellt und dann einen Parlamentarier, der sich „mit den Holocaust verharmlosenden und geschichtsrevisionistischen Positionen hervorgetan“ habe, wie das Internationale Buchenwald-Komitee befand. Auch ein dritter Kandidat wurde nicht gewählt. Denn die AfD blockiert die Wahl von Abgeordneten aus den anderen Fraktionen in den Richterwahlausschuss. Dieser muss der Ernennung von Richtern auf Lebenszeit zustimmen, ist also entscheidend dafür, dass die Justiz in Thüringen weiter funktioniert. König ist dafür, die Blockade aufzuheben. „Wir sollten der AfD nicht die Möglichkeit geben, das Funktionieren unseres Rechtsstaats zu gefährden oder zu zerstören“, sagt er. Doch hat er wenig Hoffnung, dass die AfD einlenken wird. „Für den Frieden im Parlament ist auch eine Entradikalisierung der AfD notwendig“, hatte König kurz nach seiner Wahl der F.A.Z. gesagt. Doch danach sieht es nicht aus. Übrigens: Thadäus ist der Name des Heiligen, den Katholiken in aussichtslosen Situationen um Hilfe anrufen.
