Ms. Hilton, kurz vor Ihrem 45. Geburtstag im Februar lief gerade ein neuer, von Ihnen selbst mitverantworteter Dokumentarfilm namens „Infinite Icon: A Visual Memoir“ in den amerikanischen Kinos an. Hatten Sie nach Ihrem ersten Film „This Is Paris“ 2020 und Ihrer 2023 erschienen Autobiographie das Gefühl, noch nicht alles losgeworden zu sein? „This Is Paris“ war das erste Mal, dass ich anfing, der Öffentlichkeit mein wahres Ich zu zeigen. Aber eben auch aus ganz persönlicher Perspektive über Dinge zu sprechen, die ich in meinem Leben durchgemacht hatte. Mit dem Buch setzte ich diesen Prozess fort. Trotzdem gab es immer noch Situationen aus meinem Leben, über die noch nicht alles gesagt war. Zumal in den letzten paar Jahren ja auch vieles passiert ist. Nicht zuletzt wurde ich Mutter. Und weil die Arbeit an meinem jüngsten Album mir wieder vor Augen geführt hat, wie wichtig die Musik in meinem Leben ist, wollte ich die zum Aufhänger eines weiteren Films machen. Ist Paris Hilton mit Kindern ein anderer Mensch als früher? Ich würde durchaus sagen, dass mich das Muttersein komplett verändert hat. Meine Prioritäten sind grundlegend andere. Erst seit die beiden auf der Welt sind, habe ich wirklich begriffen, was man meint, wenn man sagt, dass nichts im Leben so wichtig ist wie Familie. Die Kinder zu haben, macht mich glücklich, aber gerade die Tatsache, dass ich auch Mutter einer Tochter bin, lässt mich besonders beschützend sein. Dadurch fing ich an, noch einmal anders über meine eigene Jugend nachzudenken, einfach weil ich möchte, dass ihr gewisse Erfahrungen erspart bleiben. Ich würde gern meinen Teil dazu beitragen, die Welt zu einem sichereren Ort zu machen, allen voran für Mädchen und Frauen. Aber lassen Sie uns doch erst einmal über Musik sprechen. Gern. Im Film sieht man alte Familienvideos, in denen Sie als junges Mädchen so tun, als hätten Sie ein Mikrofon in der Hand und seien die Popsängerin Paula Abdul. Erinnern Sie sich noch, wann Sie die Liebe zur Musik entdeckt haben? Die Erinnerungen an meine Kindheit sind komplett geprägt von Musik, und eigentlich weiß ich gar nicht, wann sie je keine Rolle in meinem Leben spielte. Singen, tanzen, mich an Instrumenten aller Art ausprobieren – das habe ich schon in ganz jungen Jahren geliebt. Und ich hatte natürlich das große Glück, dass meine Mutter Kathy immer mit ganz vielen Popstars und Musikikonen befreundet war. Sie nahm uns von klein auf mit zu Konzerten. Michael Jackson holte sogar meine Schwester Nicki und mich mal auf die Bühne, damit wir mit ihm singen konnten. Welche Musik hören Sie heute? Ich liebe Britney Spears. Sie wird für immer mein Lieblingspopstar bleiben! Überhaupt komme ich nicht weg von der Musik der frühen 2000er, die macht mir einfach Spaß. Und natürlich liebe ich alle Formen von Elektro und Dance Music. Wenn ich als DJ auflege, spiele ich am liebsten die krassesten Remixe älterer Hits. Zum Beispiel von Madonna, die mein Leben lang eine riesige Inspiration war. Oder von Janet Jackson, die ich auch sehr liebe. Der wichtigste Song Ihres Lebens, so heißt es im Film, ist allerdings „Free“ von Ultra Naté. Was bedeutet Ihnen das Lied? Als Jugendliche habe ich eine gewisse Zeit in Internaten für sogenannte Problemkinder verbracht, wo ich traumatische Übergriffe erlitten habe. Sobald ich da endlich raus war, ging ich in New York feiern – und das erste Lied, das an dem Abend im Club lief, war „Free“. Ich hörte auf den Text und hatte plötzlich das Gefühl, dieser Song sei nur für mich geschrieben worden. Seither ist er so etwas wie meine persönliche Hymne, die mir immer wieder durch schwere Zeiten geholfen hat. Und es war mir eine Ehre, ihn auf meinem Album „Infinite Icon“ zu samplen und in diesem Kontext auch Ultra Naté persönlich kennenlernen zu können. Nicht lange nach besagten Schulerfahrungen wurden Sie berühmt, als It-Girl, Partyikone und dann auch Reality-TV-Star. Im Rückblick sagen Sie, dass Sie in der Öffentlichkeit eigentlich immer eine Rolle gespielt haben, die nicht unbedingt Ihrem wahren Ich entsprach … Früher war das auch wirklich so. Das war eine Art Maske oder Rüstung, die ich mir von Anfang an zulegte. Nach diesen schlimmen Schuljahren wollte ich nach außen eine perfekte Barbiepuppen-Oberfläche präsentieren. Das hat sich dann schnell verselbständigt. Als mir „The Simple Life“ angeboten wurde, was damals ja letztlich das erste Realityformat überhaupt war, wollten die Produzenten, dass ich vor der Kamera die naiv-dumme Blondine spiele. Das konnte ich, aber ahnte eben nicht, dass ich das fünf Jahre lang tun würde. Plötzlich dachte die ganze Welt, dass sie da die echte Paris sieht, nicht nur ein Unterhaltungsprogramm. Irgendwie habe ich dann den Leuten einfach weiter gegeben, was sie sehen wollten. Außerdem half mir diese Persona, die nicht wirklich ich war, gegen meine Schüchternheit. Heute zeigen Sie der Welt aber Ihr wahres Ich? Mit der Zeit wuchs mein Interesse daran, nicht mehr nur als dummes Blondchen wahrgenommen zu werden, und der erste Dokumentarfilm vor einigen Jahren war die erste Gelegenheit dazu. Das fühlte sich an wie ein kleiner Befreiungsschlag; endlich konnte ich alle, die mich immer missverstanden und unterschätzt hatten, eines Besseren belehren. Mit „Infinite Icon: A Visual Memoir“ wollte ich nun noch einen Schritt weitergehen. Die Zeiten, in denen ich zulasse, dass andere das Narrativ meines Lebens bestimmen, sind endgültig vorbei. Stichwort „The Simple Life“: Bereuen Sie es heute, sich damals mit Ihrer Freundin Nicole Richie auf diese Sendung eingelassen zu haben? Oh nein, im Gegenteil. Ich bin bis heute stolz darauf, denn wir waren mit einem solchen Format wirklich unserer Zeit voraus. Und im Grunde gilt das für meine gesamte Karriere. Immer wieder wurde gelästert, dass ich nur dafür berühmt sei, berühmt zu sein, was niemand zu verstehen schien. Heute gibt es 60 Millionen Influencerinnen und Influencer auf der Welt, die online im Grunde nichts anderes tun als ich damals und so zu einer milliardenschweren Industrie geworden sind. Ebenfalls stolz sind Sie auf Ihren Einsatz für die LGBTQ-Community und Ihre queeren Fans. Woher kommt dieses Engagement? Queere Menschen waren immer schon fester Bestandteil meines Lebens. Als ich 16 Jahre alt war, freundete ich mich mit dem Fotografen David LaChapelle an und wurde zu einer seiner Musen. Er nahm mich ständig mit in irgendwelche Schwulen-Clubs und Drag-Bars, wo ich mich einfach pudelwohl fühlte. Auch heute in New York sind die besten Partys immer noch die der schwulen Jungs. Und nirgends ist die Stimmung positiver und inspirierender, als wenn ich bei den Pride-Paraden rund um die Welt auftrete. Jenseits von schwulen Männern: Gibt es so etwas wie einen typischen Paris-Hilton-Fan? Scheinbar nicht, was ich total spannend finde. Bei Signierstunden oder wenn ich ein neues Parfum vorstelle, kommen wirklich die unterschiedlichsten Menschen: Jungs wie Mädchen, in allen Altersklassen. Das reicht von Fünf- und Sechsjährigen über Teenager und Studenten bis hin zu deren Eltern und Großeltern. Und alle scheinen andere Gründe zu haben, warum sie mich mögen. Spätestens mit meiner Autobiographie hat sich das noch mal sehr verändert. Seither sprechen mich auch Menschen an, die sogar sagen, dass sie mich früher nie mochten, aber jetzt verstanden haben, wer ich wirklich bin. Social Media hat aber auch viel verändert. Als ich vor 25 Jahren langsam bekannt wurde, kontrollierten die Medien das Bild, das die Öffentlichkeit von mir hatte. Dem war ich ausgeliefert, und natürlich hatte da niemand mein Bestes im Sinn, sondern nur Quoten und Auflagen. Dass es inzwischen Wege gibt, wie ich auf eigene Faust und selbstbestimmt Millionen von Menschen erreichen kann, ist eine große Erleichterung. Die Liste prominenter junger Frauen, die zu Beginn des Jahrtausends sehr unschön von den Medien vorgeführt wurden, ist lang und umfasst neben Ihnen auch die schon erwähnte Britney Spears, Lindsay Lohan, Amy Winehouse und andere. Eigentlich erstaunlich, dass Sie diesbezüglich nicht vor Wut zu platzen scheinen … Damals haben das alle so hingenommen. Was ich und viele andere durch die Klatschpresse erlebt haben, war nicht selten verbaler und psychologischer Missbrauch, aber selbst ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass das nicht normal, sondern extrem traumatisierend war. Zum Glück war ich emotional und mental stärker als viele andere und habe das irgendwie verkraftet. Und zum Glück haben sich die Zeiten geändert, und es wird eine solche Berichterstattung längst nicht mehr als akzeptabel hingenommen. Inzwischen erlebe ich sogar immer wieder, dass sich Reporter, Late-Night-Moderatoren und andere Menschen bei mir dafür entschuldigen, wie sie früher über mich gesprochen haben. Man hört Ihr Lebensmotto durch: auch in den dunkelsten Momenten und dem größten Schmerz immer das Schöne im Blick zu behalten. Leichter gesagt als getan, oder? Klar, das ist verdammt schwer. Wahrscheinlich war es mein trauriger Vorteil, dass ich schon als Jugendliche im Internat so viele schlimme Erfahrungen gemacht habe. Als ich dann im Showbiz landete, wo wieder so viele Leute fies zu mir waren, war ich schon etwas abgehärtet. Ich hatte schon am eigenen Leib erlebt, dass Verletzungen heilen und einen stärker machen können. Das, was mal war, muss nicht bestimmen, was kommt. Daran halte ich mich bis heute fest. Dazu gehört auch die ADHS-Diagnose, die Sie als Erwachsene irgendwann bekommen haben, nicht wahr? Diese Diagnose zu bekommen, war ein Segen, denn sie öffnete mir die Augen und half mir, mich selbst besser zu verstehen. In meiner Kindheit wurde noch nicht so viel über ADHS gesprochen. Oder wenn, dann nur bei Jungs, nicht mit Blick auf Mädchen. Schule war echt schwer für mich, egal wie sehr ich lernte und mich bemühte. Ich war unkonzentriert, abgelenkt und bekam ständig Ärger. Heute weiß ich, dass mein Gehirn nicht gemacht ist für solche Strukturen und Systeme, weil es eben anders funktioniert. Inzwischen bin ich mir sicher, dass ADHS verantwortlich ist für meine Neugier, meine Kreativität und meinen Tatendrang. Das, was dafür sorgte, dass man mich früher für dumm oder ein Problemkind hielt, ist eigentlich meine Superkraft und letztlich dafür verantwortlich, dass ich so eine erfolgreiche Unternehmerin bin, die auf den unterschiedlichsten Hochzeiten tanzt.
