Ein Ringen um Distanz und Nähe zur Identitären Bewegung, wie es derzeit bei der AfD zu beobachten ist, hat deren rechte „Schwesterpartei“ FPÖ in Österreich hinter sich gelassen. Die FPÖ hatte, vor allem zu Zeiten ihrer Regierungsbeteiligung zwischen 2017 und 2019 versucht, die Identitären auf Abstand zu halten. Nach dem Sturz aus der Regierung infolge der Ibiza-Affäre des damaligen FPÖ-Chefs Heinz-Christian Strache war es damit aber bald vorbei. Heute gehen FPÖ-Leute und Identitäre offen miteinander für „Remigration“ auf die Straße, und der Parteivorsitzende Herbert Kickl macht sich in öffentlichen Reden für dieses Konzept stark, das im deutschen Sprachraum als erster der Identitären-Anführer Martin Sellner propagiert hat. Seit die Identitäre Bewegung Österreich (IBÖ) 2012 nach einem französischen Vorbild als aktivistischer Arm der sogenannten Neuen Rechten gegründet wurde, gab es eine deutliche Überlappung mit dem „blauen“ Milieu der FPÖ. Die rechte Partei wiederum hat ihre Wurzeln in einem Auffangbecken für Altnationalsozialisten in der Nachkriegszeit. Die Schnittstellen sind in erster Linie deutschnationale Burschenschaften, die seit je das schmale Reservoir der FPÖ an akademischem Nachwuchs bilden. Zugleich sind oder waren dort viele Identitäre biografisch beheimatet. Drei FPÖ-Funktionäre unter Identitären Ein später an Medien durchgereichter Bericht des Wiener Bundesamts für Verfassungsschutz von 2018 listete 364 angebliche Mitglieder der IBÖ namentlich auf, unter ihnen auch drei namentlich bekannte FPÖ-Funktionäre. Die IBÖ dementierte die Liste. Das könnte seine Grundlage darin haben, dass man zwischen Mitgliedern des Vereins und Aktivisten unterschied. Der eigentliche Verein habe nur drei Mitglieder, sagte Sellner 2021 in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Die Verflechtung im Vorfeld, also etwa bei der FPÖ-Jugendorganisation und in den einschlägigen Studentenverbindungen war und ist zweifellos dichter, lässt sich aber nicht in Zahlen erhärten. Sellner bezeichnete das Verhältnis in dem Gespräch damals folgendermaßen: „So wie Greenpeace zu den Grünen.“ Die Identitären seien eine Avantgarde. „Natürlicherweise hat eine Avantgarde die Aufgabe, einmal Grenzen auszuloten, auszutesten, an ihnen zu rütteln.“ Aber es gebe keine strukturelle Gleichheit. Die IBÖ trat von Anfang an mit Aktionen gegen Migranten in Erscheinung, die teils spektakulär waren, aber ohne physische Gewalt vonstattengingen. Als die FPÖ unter Strache eine Koalition mit der christdemokratischen ÖVP unter deren Jungstar Sebastian Kurz einging, hielt sie Abstand zur IBÖ. Die Christchurch-Spende Besonders, nachdem bekanntgeworden war, dass der rechtsextreme Massenmörder im neuseeländischen Christchurch vor seinem Attentat im März 2019 unter anderen Sellner 1500 Euro gespendet hatte. Sellner bestätigte die Überweisung, bestritt aber eine nähere Bekanntschaft. Der Verfassungsschutz veranlasste Hausdurchsuchungen (eine Beschwerde Sellners hatte später Erfolg), die Regierung prüfte ein Vereinsverbot. Das kam nicht, allerdings ein Verbot des Lambda-Logos der IB. Strache versprach 2019: „Es wird auch in Zukunft keine personellen, funktionellen oder aktionistischen Überschneidungen geben.“ Dieses „auch“ war, wie gezeigt, irreführend. Aber auch danach fiel der FPÖ die Abgrenzung schwer. Mal war es eine gemeinsam genutzte Immobilie, mal ein junger Funktionär, der sich hier wie dort betätigte. Auch Kickl ließ distanzieren, als er noch Minister war Der heutige Parteichef Kickl hatte schon 2016 an einem Kongress der „Verteidiger Europas“ teilgenommen, auf dem er die Teilnehmer begeistert als Gleichgesinnte begrüßte. Die IBÖ war zwar nicht im engeren Sinne Veranstalter, aber laut Medienberichten Aussteller. Nach der Christchurch-Affäre nahm die FPÖ ihren damaligen Innenminister Kickl mit der Beteuerung in Schutz, das sei 2016 keinesfalls ein Identitärenkongress gewesen. Straches kurzzeitiger Nachfolger Norbert Hofer, der die FPÖ durch gemäßigtes Auftreten in die bürgerliche Mitte auszudehnen versuchte (und damit 2016 beinahe Bundespräsident geworden wäre), versuchte noch, den Abstand zur IBÖ zu wahren. „Was extrem ist, soll keinen Platz haben. Bei den Identitären ist es nachvollziehbar, dass die ein Wahnsinn sind,“ sagte Hofer der Zeitschrift „Profil“. Identitäre dürften nicht Funktionäre der FPÖ sein, hieß es damals. Sellner begrüßte übrigens dieses Prinzip: „Man kann nicht Diener zweier Herren sein.“ Remigration im Repertoire Aber Kickl stürzte Hofer und beendete das Prinzip der Mäßigung. Sein Generalsekretär Schnedlitz sagte 2020, die FPÖ habe in der Regierung den Fehler gemacht zu glauben, „wir müssen in ein Rückzugsgefecht gehen und uns auf Zuruf von Sebastian Kurz distanzieren. Mit dieser Distanziererei ist es jetzt aber definitiv vorbei.“ Was das bedeutet, konnte man immer offener sehen. Kickl ging 2021 zusammen mit Identitären (und auch mit dem wegen NS-Wiederbetätigung verurteilten Gottfried Küssel) gegen Corona-Maßnahmen auf die Straße. Und den Begriff „Remigration“, um den in der AfD immer noch geeiert wird, hat er ins Repertoire aufgenommen. Auch die organisatorische Verflechtung wird nicht mehr vermieden. 2025 wurde bekannt, dass ein namhafter Identitärer beim „blauen“ Nationalratsabgeordneten Michael Oberlechner als parlamentarischer Mitarbeiter angestellt ist. Der verwies gegenüber dem „Standard“ darauf, dass sein Mitarbeiter rechtlich unbescholten sei und sich lediglich gegen die „verhängnisvolle“ Migrationspolitik engagiere. „Politischer Aktivismus ist – unabhängig von der konkreten Ausrichtung – ein Jugendphänomen.“ Die AfD-Vorsitzende Weidel fährt derzeit einen anderen Kurs zu den Identitären. Aber dass sie die FPÖ für ihre Partei als Gleichgesinnte ansieht, daran hat sie in Wien 2023 keinen Zweifel gelassen: Die AfD wolle den „Schulterschluss mit der FPÖ suchen“.
