FAZ 06.02.2026
11:05 Uhr

Palästinenserhilfswerk: Wie UNRWA aus Ostjerusalem verdrängt wird


Israel zwingt die Einrichtungen des Palästinenserhilfswerks zur Schließung. Ein Besuch in einer der letzten verbliebenen Schulen.

Palästinenserhilfswerk: Wie UNRWA aus Ostjerusalem verdrängt wird

Die Gänge der Berufsschule in Kalandia sind leer an diesem Vormittag. Direktor Baha Awad hat die Schüler nach Hause geschickt, denn nur zwei Straßen entfernt gibt es einen Einsatz der israelischen Polizei in Kufr Aqab, einem palästinensischen Viertel Ostjerusalems. Sicherheitskräfte zerstörten dort Gebäude nahe der Sperranlage. Das ist gerade aber nicht das hauptsächliche Problem des Direktors. „Wir erwarten jeden Augenblick, dass sie uns dichtmachen“, sagt Awad. „Sie“, das sind die israelischen Behörden. Die haben ihr Vorgehen gegen UNRWA, das Palästinenserhilfswerk der Vereinten Nationen, seit einigen Wochen auf eine neue Stufe gehoben. Einrichtungen in Ostjerusalem wurden von Sicherheitskräften gestürmt, Gebäude mit Baggern abgerissen. Auch das „Kalandia Training Center“ (KTC), die Berufsschule, wird von UNRWA betrieben – und ist damit im Visier geraten. Awad wirkt besorgt und hilflos. „Ich weiß wirklich nicht, was sie damit erreichen wollen“, sagt er mit Blick auf die möglicherweise bevorstehende Zwangsschließung. Damit wäre nichts gewonnen, gibt er zu verstehen – aber die Perspektiven Hunderter Schüler würden zerstört. Die israelische Regierung macht allerdings unmissverständlich klar, dass sie UNRWA nicht mehr dulden will. Eine Reihe von Gesetzen schränkt die Arbeit des Hilfswerks deutlich ein. Das neueste Gesetz soll UNRWA in Ostjerusalem endgültig lahmlegen – unter Verletzung der Privilegien als UN-Einrichtung. Damit hätte auch die Konfrontation zwischen Israel und den Vereinten Nationen insgesamt eine neue Stufe erreicht. Generalsekretär António Guterres hat gedroht, Israel vor dem Internationalen Gerichtshof zu verklagen. Mehr als 20.000 Absolventen seit 1953 Die Animosität hat eine lange Geschichte. UNRWA wurde 1949 ursprünglich als Hilfswerk sowohl für jüdische als auch für palästinensische Flüchtlinge und Vertriebene des Nahostkriegs von 1948 gegründet. Heute sind es aber nur Palästinenser, um deren Versorgung die UN-Agentur sich seit mittlerweile mehr als sieben Jahrzehnten kümmert. Etwa sechs Millionen Menschen, überwiegend Nachkommen der ursprünglichen Flüchtlinge, sind inzwischen registriert. Sie verteilen sich auf mehrere nahöstliche Länder und leben zum Teil in Flüchtlingslagern, die oft längst zu Stadtteilen geworden sind. Im Gazastreifen und im Westjordanland inklusive Ostjerusalem fallen rund 2,5 Millionen Menschen unter das Mandat. UNRWA betreibt Gesundheits- und Bildungseinrichtungen sowie Sozialdienste für diese Menschen und hilft ihnen mit Krediten. Im Gazastreifen leistet es auch humanitäre Hilfe. Im Kalandia Training Center können Jugendliche beispielsweise eine Berufsausbildung erhalten. Mehr als 20.000 Absolventen hat die 1953 gegründete Schule hervorgebracht. Aus Israel kommt seit langem Kritik an dem Hilfswerk, dessen Mandat regelmäßig von der UN-Generalversammlung verlängert wird. So heißt es, die in UNRWA-Schulen verwendeten Bücher enthielten antisemitische Inhalte. Eine weitere Kritik zielt auf das Hilfswerk generell: Es verstetige die „Flüchtlingsfrage“, indem es die Menschen in Abhängigkeit halte. Zudem nehme die Zahl der registrierten Flüchtlinge aufgrund der Statuten von UNRWA immer weiter zu. Dabei wird entgegen den Tatsachen oft behauptet, nur Palästinenser könnten ihren Flüchtlingsstatus vererben. Die wiederkehrenden Debatten folgten oft einer eigentümlichen Logik: Öffentlich geißelten Politiker, Aktivisten und Lobbyisten UNRWA und forderten westliche Länder dazu auf, Geld für das Hilfswerk zu streichen. Hinter den Kulissen baten Vertreter des Sicherheitsapparats und der Regierung in Israel darum, dies nicht zu tun: Das Hilfswerk sei wichtig, um die Stabilität in den besetzten Gebieten aufrechtzuerhalten, argumentierten sie. Israel zog die Daumenschrauben weiter an Diese Einschätzung hat sich nach dem 7. Oktober komplett geändert. Während des Gazakriegs wurde UNRWA Ziel von immer heftigeren Angriffen – sowohl politisch als auch militärisch. Einrichtungen des Hilfswerks im Gazastreifen würden von der Hamas benutzt, heißt es vonseiten Israels seither immer wieder. Auch das Personal sei unterwandert. Von UNRWA eingeleitete Untersuchungen ergaben, dass es Reformbedarf gebe und dass eine kleine Zahl von Mitarbeitern sich am 7. Oktober beteiligt habe. Die weitergehenden Vorwürfe, dass zehn Prozent der Mitarbeiter im Gazastreifen militanten Gruppen angehörten, bestätigten die Berichte jedoch nicht. Die Kritik in Israel nahm gleichwohl immer weiter zu. Im Oktober 2024 erließ die Knesset zwei Gesetze: Eines untersagte israelischen Behörden die Zusammenarbeit mit UNRWA. Das hat vor allem die Arbeit des Hilfswerks im Gazastreifen erschwert. Das zweite Gesetz verbietet UNRWA die Tätigkeit auf israelischem Staatsgebiet. Das betrifft faktisch die Handvoll von Einrichtungen, die UNRWA im Ostteil Jerusalems unterhält – den Israel nach der Eroberung 1967 annektiert hat, der in den Augen der Vereinten Nationen aber Teil der besetzten Gebiete ist. Nach und nach mussten mehrere Einrichtungen dort schließen, vor allem Schulen. Das Hilfswerk versuchte aber, seine Arbeit in Ostjerusalem nach Möglichkeit aufrechtzuerhalten – der Auftrag der UN-Generalversammlung schreibe das vor, sagten Mitarbeiter. Auch die Berufsschule in Kalandia arbeitete trotz Schließungsanordnungen weiter. Daraufhin zog Israel die Daumenschrauben weiter an. Im Dezember drangen israelische Beamte auf das Gelände des regionalen UNRWA-Hauptquartiers vor, das ebenfalls in Ostjerusalem liegt. Die Polizei gab an, UNRWA habe Steuern in Millionenhöhe nicht bezahlt. Die Agentur bestreitet das – UN-Einrichtungen seien von Steuern befreit. Aus dem Hauptquartier hatte UNRWA die allermeisten Mitarbeiter schon Anfang 2025 abgezogen. Ende Dezember wurde auch ein drittes Gesetz verabschiedet. Es schreibt vor, dass UNRWA-Einrichtungen in Israel kein Wasser oder Strom mehr geliefert werden darf. Zudem wird der Regierung erlaubt, bestimmte UNRWA-Liegenschaften zu beschlagnahmen. Das betrifft auch die Berufsschule. Israel begründet dies damit, dass das Land dem Staat gehöre. UNRWA bezeichnet diese Behauptung als „falsch und illegal“. Die Areale würden seit 1952 von Jordanien gemietet – der damaligen Besatzungsmacht im Westjordanland und in Ostjerusalem. Israel übe dort „keine souveränen Rechte“ aus. „Wir sind nur eine Berufsschule“ Israel sieht das im Fall des annektierten Ostjerusalems anders. Mitte Januar erhielt UNRWA Schreiben mit der Ankündigung, dass den Einrichtungen in Ostjerusalem bald Strom und Wasser abgestellt würden. Kurz darauf drangen Sicherheitskräfte in das Gesundheitszentrum in der Altstadt ein. Am 20. Januar kamen Bagger in das stillgelegte Hauptquartier. Polizeiminister Itamar Ben-Gvir tauchte persönlich auf und ließ sich filmen, während hinter ihm Gebäude eingerissen wurden. Er sprach von einem „historischen Tag“. Andere israelische Politiker äußerten sich an jenem Tag noch wesentlich drastischer. Israel habe heute „den Feind besiegt“, sagte der stellvertretende Bürgermeister von Jerusalem, Arieh King, in einem Facebook-Video vom UNRWA-Gelände. „Er wurde aus Jerusalem vertrieben, und mit Gottes Hilfe werden wir ihn aus allen Teilen des Landes Israel vertreiben.“ Weiter sagte King: „Mit Gottes Hilfe werden wir alle UNRWA-Mitarbeiter vernichten, beseitigen und auslöschen.“ Später löschte er das Video. Auf Kings Seite auf der Plattform X ist dagegen bis heute nachzulesen, wie der Vizebürgermeister auch gegen die UNRWA-Präsenz in Kalandia hetzt. Das Anwesen der Berufsschule sei „jüdisches Eigentum“, schrieb er Ende Januar und kündigte an, die „Nazi-Terrororganisation“ UNRWA werde bald von dort vertrieben werden. „Für Nazis gibt es in Israel keinen Platz.“ Ein paar Tage später steht Baha Awad in den Gängen des Kalandia Training Center und sagt halb verzweifelt: „Wir sind nur eine Berufsschule.“ Auch mit den kritisierten Curricula an UNRWA-Schulen habe das KTC nichts zu tun; hier würden Automechanik, Elektrotechnik und IT sowie Bau- und Metalltechnik unterrichtet. Viel Frustration unter den Schülern Der 50 Jahre alte Direktor, ein schmaler, distinguierter Mann mit Anzug und Krawatte, arbeitet seit 2002 an der Berufsschule, erst als Lehrer und seit 2022 als Direktor. Wenn er erläutert, wie er die Chancen palästinensischer Jugendlicher verbessern will, ist er kaum zu stoppen. Ausführlich spricht Awad von geplanten neuen Spezialisierungen und erklärt, wie sie trotz Geldmangel das Ausbildungsniveau zu verbessern versuchen. Er kann auch viel von Erfolgen berichten: Mehr als 80 Prozent der Absolventen fänden einen Job, angesichts der Wirtschaftskrise und der angespannten Sicherheitslage keine Selbstverständlichkeit. Das Renommee des KTC ist so groß, dass Bewerbungen aus dem ganzen Westjordanland kommen – weit mehr als es Plätze gibt. Knapp die Hälfte der derzeit 325 Schüler im Alter von 15 bis 19 Jahren stammt nicht aus der Umgebung, sie wohnen während der Ausbildungszeit daher auf dem Gelände. Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien werden bevorzugt aufgenommen. Die Ausbildung ist kostenlos. Derzeit gebe es aber viel Stress und Frustration unter den Schülern, sagt Awad. Die israelischen Drohungen machten ihnen zu schaffen. Schon das vergangene Jahr über habe es mehr Militäraktionen in der Gegend gegeben. Sie wollten die Arbeit aber aufrechterhalten, so lange es geht, sagt Awad. Jugendliche auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten, damit sie ein menschenwürdiges Leben führen können, sei „der nachhaltigste Dienst, den UNRWA anbietet“. „Was sollen die Kinder jetzt machen?“ Während Awad in seinem Büro sitzt, kommt ein Anruf. Angestellte der Elektrizitätsfirma sind draußen – gekommen, um den Strom abzuschalten. Der Direktor geht über das weitläufige Gelände bis zu der nordwestlichen Ecke, wo das Stromhäuschen steht. Ein Auto mit dem Logo der Elektrizitätsgesellschaft JDECO steht davor. Zwei Mitarbeiter hantieren etwas herum, dann ist es passiert: Das KTC wurde vom Stromnetz abgeklemmt. Mit einem lauten Brummen springt der Generator der Schule an. Vorerst können sie so einen Grundbetrieb aufrechterhalten, erklärt ein Mitarbeiter, aber auf Dauer sei es teuer, den Generator zu betreiben; außerdem könne er nur sechs Stunden am Stück laufen. Wenn auch noch das Wasser abgestellt werde, gebe es keine Chance mehr, die Schule offenzuhalten. Awad hat derweil ein bitteres Lächeln auf den Lippen. Er kenne einen der beiden Mitarbeiter der Elektrizitätsfirma, sagt er: „Er ist ein Absolvent unserer Schule.“ Er habe keine andere Wahl, habe der junge Menn erklärt. Er selbst sei froh, dass die Sache friedlich abgelaufen sei, fügt Awad hinzu. Die Sicherheit des Personals stehe an erster Stelle. Dann redet er darüber, was das für Folgen für die Schüler habe, mitten im Schuljahr, und welche Optionen es gebe. Aber als die Frage kommt, ob er überhaupt noch Hoffnung habe für den Fortbestand des KTC, dreht er sich rasch um und geht drei Meter weg. Mit geröteten Augen kehrt er nach kurzer Zeit zurück und fragt: „Warum konnten sie nicht wenigstens bis zum Schuljahresende warten? Was sollen die Kinder jetzt machen?“ Unmoralisch sei das, sagt Awad. Dann fängt er sich wieder und sagt: „Wir werden hier so lange bleiben, bis sie uns rausschmeißen.“ Das sei ihre Pflicht, und das sei auch die Botschaft, die sie den Kindern vermitteln wollten.