Die Veranstalter hatten mit 100.000 Demonstranten gerechnet – tatsächlich kamen rund 250.000. Diese Zahl nannte die Münchner Polizei, als sie am Samstagabend Bilanz zog. So viele Menschen waren aus Solidarität mit der iranischen Bevölkerung auf die Straße gegangen, hatten sich mit iranischen und deutschen Flaggen auf der Theresienwiese versammelt, hatten vor allem einem Mann zugejubelt: Reza Pahlavi, dem Sohn des 1979 vertriebenen Schahs von Persien. Pahlavi, 65 Jahre alt, ist die bekannteste Stimme der Revolutionsbewegung in Iran. Pahlavi hatte im Januar durchblicken lassen, dass er sich vorstellen könne, eine Übergangsregierung in Iran zu führen, wenn das derzeitige Regime gestürzt sei. In einem Interview mit dem amerikanischen Sender CBS hatte er gesagt, dass er es als Zeichen des Vertrauens sehe, dass Millionen Menschen auf der Straße seinen Namen riefen. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz, zu der Pahlavi aus seinem Exil in den Vereinigten Staaten angereist war, hatte Pahlavi alle Gegner des iranischen Regimes schon dazu ermutigt, zusammenzustehen. „Wenn man die Zukunft des Iran betrachtet, können wir heute alle Verbündete für ein gemeinsames Ziel sein, nämlich die Befreiung und die säkulare Demokratie als Alternative zu dieser diktatorischen Herrschaft. Ich denke, wir sitzen alle im selben Boot.“ Das bedeute nicht, dass künftig alle die gleichen Meinungen vertreten oder die gleichen Politiker wählen müssten. Pahlavi will Kritiker überzeugen Tatsächlich gibt es auch unter den Regime-Gegnern einige, die Pahlavi misstrauen. Sie fürchten, er nutze die Aufbruchstimmung der Regime-Gegner, um sich als strahlkräftiger Vorkämpfer zu inszenieren, später aber die Macht an sich zu ziehen. In München versuchte Pahlavi solche Mutmaßungen zu zerstreuen. Er strebe im Falle eines erfolgreichen Regimewechsels keine Führungsrolle an. „Ich habe keine persönlichen Ambitionen. Ich strebe nicht nach Macht. Ich möchte keine Krone auf dem Kopf oder einen Titel“, sagte er. Seine Mission sei, das Land so weit zu bringen, dass die Menschen dort ihre erste demokratische Regierung wählen könnten. Die Anwesenheit des berühmten Aktivisten in München dürfte maßgeblich dafür gewesen sein, dass eine Viertelmillion Menschen sich versammelten. Darunter waren viele Exil-Iraner aus ganz Deutschland, aber auch aus dem benachbarten Ausland angereist. In seiner Rede vor den Demonstranten bekräftigte Pahlavi, Iran in eine demokratische Zukunft führen zu wollen, und betonte, dass dafür die Hilfe anderer Länder nötig sei. Er dankte für die Solidarität vieler Nationen. „Wir sind nicht allein.“ Die Kundgebung sei eine Botschaft an die Führer der westlichen Demokratien, sich mit Iran zu solidarisieren. Das Schicksal seines Heimatlandes sei ein entscheidender Test für die globale Sicherheit unserer Zeit. „Der Kampf in meinem Land ist heute kein Kampf zwischen Reform und Revolution.“ Es sei ein Kampf zwischen Besatzung und Befreiung. Die Veranstalter der Kundgebung, der Verein „The Munich Circle“, teilte mit, der Zeitpunkt sei für die Großkundgebung mit Blick auf die Sicherheitskonferenz gewählt worden, da zu dieser politische und sicherheitspolitische Entscheidungsträger aus aller Welt anreisten. Die Polizei hob hervor, dass die Demonstration „zu den größten Kundgebungen der letzten Jahre, die in München stattfanden“, zählte. Tatsächlich finden in ganz Deutschland nur selten Kundgebungen in dieser Größenordnung statt. Zu den größten zählten in den vergangenen Jahren die Kundgebung in Solidarität mit der Ukraine am 27. Februar 2022 in Berlin. Die Polizei schätze die Teilnehmerzahl auf mehr als 100.000, die Veranstalter sprachen von 500.000. Im Februar 2024 gingen in Berlin rund 150.000 Bürger gegen Rechtsextremismus auf die Straße; Anlass waren Berichte über das „Potsdamer Geheimtreffen“. Im vergangenen Februar demonstrierten laut Polizei rund 150.000 Menschen gegen eine Zusammenarbeit von CDU und AfD; vorausgegangen war eine gemeinsame Abstimmung der Unionsfraktion mit der AfD im Bundestag. Es gab aber auch schon deutlich größere Kundgebungen, gerade in der Zeit vor der Einführung sozialer Netzwerke: 1992 demonstrierten 350.000 Menschen in Berlin gegen Ausländerhass, in München sogar 400.000 gegen Rechtsextremismus und Fremdenhass. Gegen den NATO-Doppelbeschluss gingen Anfang der Achtzigerjahre mehrfach um die 400.000 Menschen in Bonn oder auch Hamburg auf die Straße. Die Münchner Polizei betonte in ihrer Bilanz „die friedliche Stimmung trotz der hohen Anzahl von Versammlungsteilnehmern“. Die An- und Abreise der Demonstranten sei störungsfrei verlaufen. Einzig einige mehrere Verstöße gegen die Flugbeschränkung habe man festgestellt – zehn Drohnen. Die Verstöße seien zur Anzeige gebracht worden.
