Wie ein Student über seine Übungsaufgaben beugt sich der Angeklagte über den Schriftsatz, der vor ihm liegt. Die Stirn stützt er auf seine rechte Hand, das Gesicht zeigt keine Regung, als Staatsanwalt Christoph Limmer am Montagmorgen im Saal B173 des Landgerichts München beginnt, die Anklage zu verlesen. Die Liste der Vorwürfe gegen Zhongyi J. ist lang. Der 27 Jahre alte Chinese ist angeklagt wegen versuchten Mordes in sieben Fällen, wegen gefährlicher Körperverletzung, besonders schwerer Vergewaltigung, versuchter Vergewaltigung mit Todesfolge und Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs sowie von Persönlichkeitsrechten durch Bildaufnahmen. Betäubungsmittel soll er online bestellt haben Die Taten soll der Student an seiner Nachbarin verübt haben. Die beiden lebten im selben Haus im Zentrum von München und führten seit Februar 2023 eine sexuelle Beziehung. Ein Jahr später soll der Angeklagte begonnen haben, die Frau mit Betäubungsmitteln zu sedieren und sie zu vergewaltigen. Die Anklage listet insgesamt sieben Fälle auf, die sich zwischen 8. Februar und 6. Dezember 2024 ereignet haben. Ziel des Angeklagten war es, „seine Geschlechtslust ungestört ausüben zu können“. Die Betäubungsmittel soll der Angeklagte auf Online-Plattformen bestellt haben. Laut Staatsanwaltschaft wollte er damit erreichen, dass die Frau sich nicht gegen seine Übergriffe wehren konnte. Ihn errege die Vorstellung, dass „eine Frau ihm vollständig ausgeliefert ist und sexuelle Handlungen von ihm erdulden muss, ohne bei Bewusstsein zu sein oder zumindest ohne einen entgegenstehenden Willen bilden zu können“. Bei der Auswahl und Dosierung der Betäubungsmittel soll der Angeklagte den Tod der Frau in Kauf genommen haben. Sie habe sich in „einem Zustand tiefer Bewusstlosigkeit“ befunden, in dem die Schutzreflexe versagen und Erstickungsgefahr besteht. „Nur durch einen Zufall ist ein tödlicher Verlauf im Falle der Geschädigten ausgeblieben“, so steht es in der Anklage. Die Taten sind für die Ermittler nachvollziehbar, weil der Mann sie gefilmt hat. Auf einem Stativ positionierte er ein Aufnahmegerät. Auf das Bett, in dem er sich mit der Frau befand, legte er ein Tablet, auf das die Videoaufnahme übertragen wurde. Er beobachtete sich laut Anklage selbst dabei, wie er die Frau vergewaltigte. Bilder der Taten sendete er an eine Chat-Gruppe auf Telegram. Darin tauschte er sich mit anderen Männern darüber aus, wie man Frauen so betäubt, dass sie sich an nichts erinnern. Gegen mindestens einen weiteren Beschuldigten wird ermittelt. Seit Dezember 2024 sitzt der Angeklagte in Untersuchungshaft. Am ersten Verhandlungstag ließ er sich nicht ein. Für den Prozess sind Termine bis Ende März angesetzt.
