Guglielmo Casalini sitzt ganz hinten im Lokal, vor sich zwei Telefone und ein Tablet, und grübelt über Gurken. „Quanti cetrioli?“, murmelt er, schreibt dann eine Zahl in das dicke Bestellbuch, das vor ihm liegt. Gleich wird er Massimo, der seit mehr als 40 Jahren für das Ristorante Al 34 auf den römischen Märkten unterwegs ist, die Bestellung für den nächsten Tag durchgeben – und Massimo wird hinausfahren aus der Innenstadt, um alles dort zu besorgen, wo die Einheimischen heute leben und einkaufen. Denn die Zeiten, in denen Restaurantbesitzer selbst von der Spanischen Treppe hinüber zum Campo de’ Fiori schlenderten, um die schönsten Artischocken und den frischesten Rucola auszusuchen, sind schon lange vorbei. „Oddio, no“, ruft Guglielmo, „der Campo de’ Fiori ist doch nur noch was für Touristen. Wir lassen liefern, wirklich einkaufen kannst du im Zentrum von Rom nicht mehr, weder auf einem Markt noch in einem Supermarkt.“ Dann springt er auf, denn die ersten Hungrigen drängen von der Straße herein, es ist halb eins, und Guglielmos Team, rund 30 Leute in wechselnder Besetzung, werden nun fast bis Mitternacht rennen und schwitzen, um allen die Schlager der römischen und italienischen Küche nahezubringen, frittierte Artischocken, Bombolotti alla carbonara, Kichererbsensuppe mit Tintenfisch, Saltimbocca mit Kartoffelpüree, und das sieben Tage die Woche. Dabei haben die Ahnungslosen Glück, die von der Via Mario de’ Fiori ins Al 34 hineinstolpern und nicht in eine der zahllosen Touristenfallen ringsum, die mit lautstarken Plakaten für Spritz für zehn Euro werben, die internationale Instagram-Trophäe der Urlaubenden. Auch wenn die goldenen Plastikstühle vor dem Eingang und der wilde Mix aus Landschaftsgemälden und Marilyn-Monroe-Plastiken im Inneren es nicht auf den ersten Blick vermuten lassen: Hier handelt es sich um ein Traditionslokal, hoch geschätzt bei den Einheimischen. „Meine Großeltern kamen 1968 aus der Emilia-Romagna nach Rom, sie hatten ihr renommiertes Hotel in Massa Marittima verkauft, um intelligent zu investieren“, erzählt Guglielmo, 38 Jahre alt, studierter Politikwissenschaftler. Früher war in dem Viertel die Unterwelt zu Hause Damals sei das Viertel um die Spanische Treppe, in dem heute Gucci, Prada und Dolce & Gabbana ihre neuesten Modelle in die Schaufenster drapieren, alles andere als schick gewesen, arm die Bewohner, die Unterwelt sei dort zu Hause gewesen. Die Casalinis kauften mutig den Palazzo in der Via Mario de’ Fiori, in dem einst ein berühmtes Bordell seinen Sitz hatte, „einige sehr alte Stammgäste erinnern sich noch daran“, lacht Guglielmo. Unten also: das Lokal, daneben ein Wein- und Ölhandel, dessen Räume heute zum Restaurant gehören, in den Stockwerken darüber lebte die Familie mit Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen, „meine Eltern wohnen heute noch hier“. Die Landsleute aus der Emilia-Romagna gelten in Italien als herzliche Gastgeber und gute Köche, weshalb sich das Lokal schnell großer Beliebtheit erfreute. Seit dem Tod der Großeltern ist Guglielmos Onkel Nicola Küchenchef, und auch sein Bruder Gabriele und er selbst entschieden sich, in den Familienbetrieb einzusteigen. „Ich bin im Restaurant aufgewachsen, mittags nach der Schule bin ich mit dem Schulranzen auf dem Rücken direkt hergekommen“, erzählt Guglielmo. „Jeden Morgen bin ich über die Spanische Treppe hinauf in die Schule gegangen, ins Collegio San Giuseppe de Merode, dann haben meine Brüder und ich daheim im Lokal bei Oma und Opa gegessen, und nachmittags haben wir Fußball gespielt in der Villa Borghese oder sind mit dem Fahrrad durch den Park gefahren.“ Eine Kindheit, wie sie römischer kaum sein könnte – und wie sie heute kaum noch ein Kind erlebt. Guglielmo nickt hinaus auf die Straße: „Die Römer sind alle weggezogen, das ganze Viertel besteht eigentlich nur noch aus Hotels, Ferienwohnungen und Souvenirshops. Siehst du den Laden mit den Kühlschrankmagneten da? Boooh ... Den Juwelier gegenüber gibt es immerhin schon seit zwanzig Jahren, alle anderen wechseln ständig, es ist hässlich. Und in der Villa Borghese spielen keine römischen Kinder mehr, da sind nur noch Leute aus aller Welt auf Elektrorollern unterwegs.“ Auch das Ristorante Al 34 hat sich an die Bedürfnisse der Touristen angepasst – hier kann man Pasta al cacio e pepe und Ochsenschwanz nachmittags um vier bestellen, entgegen der heiligen italienischen Essenszeiten. Die Speisekarte gibt es auf Englisch, Russisch und Japanisch, auf den Exemplaren, die draußen auf den Tischen liegen, wird vor Taschendieben gewarnt. Und auch die Casalinis vermieten inzwischen: den ersten Stock über dem Lokal, in dem der Vater seine erste Praxis als Gynäkologe hatte und wo später der Großvater sein Mittagsschläfchen hielt. Guglielmo hat sich mit seiner Frau eine Wohnung weiter draußen gekauft, „den Tumult hier hält man auf die Dauer nicht aus“. Römer sind Pragmatiker, und doch sagt er mit leiser Wehmut: „Ich gehöre zur letzten Generation, die das Rom von früher noch erlebt hat.“ Grölender Gesang zum Junggesellenabschied Rom ist im Frühjahr voller Menschenmassen. Nur eine Viertelstunde braucht man zu Fuß von der Spanischen Treppe zur Bar Tazza d’oro am Pantheon, zu der die Einheimischen früher gingen, um einen Espresso zu trinken oder sich eine Granita di caffè con panna zu genehmigen. Eigentlich. Heute ist fast kein Durchkommen mehr, und die Schlange vor der Traditionsbar wirkt endlos, Reiseführerinnen drängeln sich dezent vor und knallen ihre Kreditkarten auf den Tresen, um ihre Gruppen aus den USA, aus Australien und Asien möglichst rasch zu versorgen. „Das ist jetzt immer so“, sagt mit einem resignierten Schulterzucken der Barista: „Immerhin verdienen wir dran.“ Auf dem Weg zum Campo de’ Fiori wird es noch schlimmer. Wo früher Schuster, Schneider, Bäcker und Metzger ihre Läden hatten, wo auf kleinstem Raum Autos repariert und Schrauben verkauft wurden, ist heute in fast jedem Haus ein Lokal, eine Eisdiele, ein Souvenirladen. Touristen sitzen auf dem Boden und essen Pizzastücke oder Eis, und auf dem Campo de’ Fiori wird gerade unter grölendem Gesang ein Junggesellenabschied zelebriert. Die Statue des Giordano Bruno schaut finster über die Piazza, auf der einst römische Hausfrauen ihre Zwiebeln kauften. Heute gibt es noch zwei Stände mit Obst und Gemüse, einer gehört der über 90 Jahre alten Franca, einer Legende des Viertels, die jetzt am Nachmittag schon heimgegangen ist. Ansonsten ist der Markt fest in der Hand der Bangladescher, die den Touristen Limoncello und das Fertigrisotto „Antiqua Roma“ im Plastikbeutel, Handtaschen und Sparschäler verkaufen. Allerdings sind da auch noch die Nicosias, die mit ihrem Blumenstand dem Wandel trotzen. Pippo Nicosia sitzt auf einem Plastikstuhl und hat mit einem freundlichen Lächeln in seinem sonnengebräunten Gesicht das Geschehen auf der Piazza und seine zwei herumtobenden Dackel fest im Blick, während Tochter Anastasia gerade einem Kunden eine prächtige Hortensie als Geschenk verpackt. 72 Jahre ist Pippo alt und, wie er erzählt, Sohn einer sizilianischen Bauernfamilie, der in Rom zunächst Polizist war und dann seinen Traum verwirklichte, einen Blumenkiosk zu eröffnen. Seit mehr als 40 Jahren hat er fast jeden Tag seines Lebens auf dem Campo de’ Fiori verbracht: „Früher wohnten hier römische Familien, und wo Familien sind, da wird gegessen.“ Pippo deutet über die Piazza: „Damals gab es hier allein vier Metzger, mit köstlichem Lamm, Ferkel, Huhn. Dann eine ganze Reihe mit Obst und Gemüse. Die Römer haben täglich auf dem Markt eingekauft und gekocht. Aber wo keine Familien sind, da kann sich auch kein Markt mehr halten.“ Blumen dagegen, die gingen immer noch: Heute wohnten um die Piazza herum viele ausländische Journalisten, Künstler, die würden durchaus einen Blumenstrauß mit nach Hause nehmen, und sogar die Touristen in den vielen Ferienwohnungen kauften Ranunkeln oder Rosen. An Kundschaft jedenfalls scheint es nicht zu mangeln, Tochter Anastasia, blond, zierlich, energisch, wirbelt zwischen den Eimern mit Blumen herum und hat alle Hände voll zu tun: „Wir beliefern die vielen Hotels und Restaurants, das sind unsere Hauptabnehmer.“ 38 Jahre ist Anastasia alt, früher hat sie bei der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen gearbeitet. Während der Corona-Pandemie verlor sie ihren Job und führt jetzt den Blumenstand, sie beklagt sich nicht: „Das hier ist mein Wohnzimmer, und die Welt ist, wie sie ist, der Tourismus ist, wie er ist. Wir können ohnehin nichts machen.“ Pippo wiegt das Haupt: „Ich bin gerne hier, aber unsere Wohnung im ehemaligen jüdischen Ghetto haben wir aufgegeben. Es ist zu anstrengend, im Zentrum zu leben, immer der Lärm, die vielen Menschen, man kann sich nie ausruhen.“ Dann sagt Pippo noch, dass er die Blumen von früher vermisse. „Die Veilchen, die Vergissmeinnicht, die man sich schenkte, wenn man sich gern hatte. Diese bescheidenen Blumen sind verschwunden. Die Poesie ist verschwunden, aus dem Leben und aus der Stadt.“ Und dann fängt er die Dackel ein, denn es ist Zeit, nach Hause zu fahren, nach Hause in die römische Peripherie.
