Wer das Cover von Otfried Höffes neuem Buch für bare Münze nimmt, muss sich auf drei Enttäuschungen gefasst machen: Weder erwartet den Leser darin eine wutbürgerliche Abrechnung mit hypertropher Staatlichkeit, wie das reißerische „gierig“ suggeriert. Noch fügen sich die im Untertitel angekündigten „Bausteine für eine gerechte Wirtschaft“ zu einem wohlgeordneten Gebäude. Und der Herrscher über Schornsteine, Hochhäuser und Kirchtürme, der uns mit einem Zepter in der linken und einem Bündel Scheine in der rechten Hand über einer Laubbaum-gesäumten Hügellandschaft angrinst, sieht nicht nur so aus, als sei er KI-generiert, er ist es auch (immerhin macht der Verlag dies in der Titelei kenntlich). Anders als sein berühmtes Vorbild auf dem Frontispiz von Thomas Hobbes’ neuzeitlichem Klassiker rationaler Staatsbegründung besteht der Torso dieses offenbar als Allegorie des „gierigen Staats“ zu deutenden Souveräns nicht aus Menschen, die sich ihm qua Gesellschaftsvertrag freiwillig unterworfen haben, sondern aus herzblattförmigen Läppchen, die entweder als idiosynkratische Fiktion archaischer Vorläufer des Bargelds „gemeint“ sind oder als Verfallsformen des Subjekts unter den Bedingungen der Hypermoderne. Der ausgewiesene Rawls-, Kant- und Aristoteles-Interpret, der auch als renommierter Gerechtigkeitstheoretiker hervorgetreten ist, findet seine „Bausteine“ in der Ideengeschichte von der Antike über die Neuzeit bis in die Moderne, um sie zu Argumenten für teils zeitlose, teils aktuelle Themen zusammenzufügen: die Frage nach der moralischen Vernunft in der ökonomischen Rationalität oder die anhaltende Relevanz des Prinzips der Tauschgerechtigkeit als Leitbild der Weltwirtschaft auf der einen Seite, die Diskussion um Managergehälter, „Reichensteuer“ und „Bürgerlohn“ auf der anderen. Fast keine Originalbeiträge Streng genommen ist das neue Werk Höffes weniger Monographie als Anthologie. Höffe schreibt selbst, dass jedes der 20 Kapitel auch für sich gelesen werden kann. Zwar ist der Inhalt des Buchs systematisch in drei Teile gegliedert, die vom Abstrakten („Markt-Rationalität“) über das Konkrete („Unternehmer – mit Verantwortung“) zum abstrakt Konkreten des „lieben Geldes“ führen. Von zwei Originalbeiträgen abgesehen, bestehen die Kapitel aber aus überarbeiteten Vortragsmanuskripten und Feuilletons von 2004 bis 2022 (einige davon sind auch in dieser Zeitung erschienen), abgerundet durch ein langes Interview mit der „Süddeutschen“, das sich jedoch auch nach 13 Jahren noch mit Gewinn lesen lässt. In diesem fällt das Wort vom Staat als „einer der gierigsten Instanzen der Weltgeschichte“. Dass die Blattmacher daraus in der Überschrift „die gierigste Instanz“ gemacht haben, mag der damals verfügbaren Seitenbreite geschuldet sein. Dass es in dem Buch so stehen geblieben ist, zeigt Höffes Lust an der Provokation, die gelegentlich das enge Netz seiner begrifflichen Differenzierungen durchbricht. Umgehend relativiert er seine Hyperbel aber, indem er daran anschließend die progressive Einkommensteuer und die Mehrwertsteuer verteidigt und eine moderate Erbschaftsteuer befürwortet – unter der Bedingung, dass der Staat auch selbst mit seinen Ausgaben steuermoralisch haushaltet. Etwas altväterlich fordert er Pars pro Toto das „Scherflein der armen Witwe“, durch das die Armen ihrer Dankbarkeit über die auch ihnen mögliche Inanspruchnahme öffentlicher Güter im sozialen Rechtsstaat Ausdruck verleihen könnten. „Das Leben ist ungerecht“ Auch zur Finanzierung des Gesundheitswesens äußert sich Höffe. Ausgehend von einem zehn Jahre alten Vortrag demonstriert er, was es heißt, durch philosophische Begriffsanalyse die geschuldete „Gerechtigkeit“ von der verdienstlichen „Wohltätigkeit“ abzugrenzen und den Begriff der „Solidarität“ dazwischen anzusiedeln. Letzteren führt er auf das Prinzip der Familienhaftung im altrömischen Recht – „Einer für alle und alle für einen“ – sowie auf den „geheimen Bruderkult der Freimaurer“ zurück, bevor er ihn in vier Teilbegriffe aufteilt. Mit seinem Vorschlag zur Vergabe von Organspenden nach dem „Club“-Prinzip und dessen Variante des „Ringtauschs“ wagt er sich bei einem sehr ernsten Thema sehr weit in die Welt der angewandten Ethik. Nach einer erhellenden Unterscheidung zwischen dem „Recht auf Gesundheit“ und auf „Gesundheitsversorgung“, das er sogleich als Idealisierung qualifiziert, schließt er dann aber eher bescheiden: „Einem Anwalt der Gerechtigkeit ist jede eilfertige Antwort verdächtig.“ Gewollt trivial und trotz Anführungszeichen zu einer zynischen Lesart einladend ist allerdings auch hier der Titel: „Das Leben ist ungerecht“. Höffe inszeniert seine Rolle als Philosoph im Gegensatz zum „Moralisten“. Urteile, die ihm emotional überladen erscheinen, kontert er mit dem Verweis, sie seien ihm „zu pathetisch“. Höffe will analysieren, Begriffe schärfen, rationale Gründe ökonomisch aus einem Minimum plausibler Prämissen ableiten. Er hütet sich davor, die Logik des Marktes pauschal von der hohen ethischen Warte zu verurteilen, und verteidigt ökonomische Effizienz, nicht ruinösen Wettbewerb und schöpferisch-zerstörerisches Unternehmertum. Zugleich weist er aber einen disziplinären Imperialismus zurück, der meint, mit dem ökonomischen Prinzip der Optimierung den Generalschlüssel nicht nur zur Erklärung, sondern auch zur Rechtfertigung gesellschaftlicher Verhältnisse gefunden zu haben. Was Geld nicht kaufen darf Als guter Kantianer weist Höffe etwa die Bildung, die Kunst oder das Familienleben als Handlungssphären aus, in denen nicht der Preis regieren sollte, sondern das Prinzip der Achtung von Tätigkeiten, Objekten und Personen um ihrer selbst willen. Eine gerechte Gesellschaft ebenso wie ein gelingendes Leben zeichnen sich für ihn dadurch aus, dass sie imstande sein müssen, die Welt der Wirtschaft und die der Ethik beiderseits gewinnbringend zu vereinen. Höffes Mixtur aus Provokation, Differenzierung und Vermittlung hat Charme. Dass er auf Themen wie die wettbewerbsfremde Logik der Netzwerkökonomie, die Erzeugung von Süchten als Geschäftsmodell oder die Möglichkeit kognitiver Entmündigung durch KI allenfalls am Rande eingeht, offenbart allerdings Lücken in seinem Bausatz zur Beantwortung der Frage nach der gerechten Wirtschaft. Etwas weniger Ökonomie in der Rettung inspirierender Feuilletons und Vortragsmanuskripte durch den Transfer in die gediegene Form des gebundenen Buchs hätte dieser Textsammlung ebenfalls gutgetan. Doch glücklicherweise darf man bei einem so produktiven Autor wie Höffe gespannt sein, was er zu Themen der ökonomischen Gegenwart mit der ihn auszeichnenden Klarheit, Systematik und Pointiertheit noch zu sagen haben wird. Otfried Höffe: „Der gierige Staat“. Bausteine für eine gerechte Wirtschaft. Verlag Karl Alber, Baden-Baden 2026. 220 S., br., 29,– €.
