FAZ 11.01.2026
08:06 Uhr

Osterhammel zu Trump: Das Weiche unterliegt


Joseph Nye, Professor in Harvard und Berater von Bill Clinton, prägte das politikwissenschaftliche Konzept der „soft power“. Der Historiker Jürgen Osterhammel blickt durch die Brille von Nyes Kategorien auf die zweite Präsidentschaft von Donald Trump.

Osterhammel zu Trump: Das Weiche unterliegt

Am 6. Mai 2025 starb Joseph S. Nye im Alter von 88 Jahren. Ist mit dem Politikgelehrten der Harvard-Universität auch seine Vorstellung von „soft power“ verstorben? Dieser Eindruck liegt – zumindest mit Blick auf die Vereinigten Staaten – nahe nach dem ersten Jahr der erneuten Präsidentschaft von Donald Trump. Zumal auch Nye noch wahrgenommen haben soll, was nicht nur ihm unvorstellbar schien: dass einem amerikanischen Präsidenten die „freundliche Seite der Macht“ egal sein könnte – so bringt Jürgen Osterhammel im „Merkur“ („Bye, Bye Soft Power“, Heft 915, 2025) die jüngere Entwicklung im Weißen Haus auf den Punkt. Ob Trump sich stattdessen von Machiavelli leiten lässt? Dem Fürsten riet der Florentiner, es sei besser für ihn, wenn er gefürchtet, als wenn er geliebt werde? Osterhammel erinnert daran, dass 1589 der Römer Giovanni Botero – „einer der klügsten Kritiker Machiavellis“ – geantwortet habe, der Staat müsse sich aber auch um seinen guten Ruf kümmern, um „la riputazione“. Kann Trump all das wirklich egal sein? Osterhammel gibt skeptisch zu bedenken, dass das Furchteinflößen seine eigene Geschichte habe, die eine Geschichte begrenzter Wirkung sei. Die wahnsinnigsten Cäsaren und die brutalsten Despoten seien selten die effektivsten Herrscher gewesen. Und im Zeitalter nu­klearer Hochrüstung sei es eine überlebenssichernde Regel, den Gegner nicht zu sehr zu erschrecken – er könne in eine Panikreaktion getrieben werden. Auch hier bleibt die eigene Reputation in den Augen von Osterhammel wichtig. Für ihn besteht sie in der begründeten Minimalvermutung der anderen, eine Supermacht sei nicht bereit, ihre Gewaltmittel bis zum Äußersten einzusetzen. Abschreckung funktioniere nicht ohne dieses Minimalvertrauen. Eine Rating-Tabelle für Präsidenten Osterhammel zitiert den letzten Satz der 2024 publizierten Memoiren von Nye: „Selbst wenn seine äußere Macht weiterhin dominant bleibt, kann ein Land seine innere Tugend und Attraktivität für andere verlieren.“ Das sei auf Trump gemünzt gewesen, schließt Osterhammel, der Nye attestiert, die erste Amtszeit vom heutigen Präsidenten genau studiert zu haben. Nye habe eine Art „rating system“ für amerikanische Präsidenten entwickelt, bei dem es vor allem um deren ethische Qualitäten und einige benachbarte kognitive Eigenschaften gegangen sei. Während Roosevelt, Truman, Eisenhower, Bush senior und Clinton den Test ordentlich bestanden hätten, habe Trump noch die magere Punktzahl des jüngeren Bush unterboten. Gut schneidet Trump bei Nye allein beim Kriterium moralfreien Machthandwerks ab, wie Osterhammel feststellt. Verheerend falle die Bewertung dort aus, wo es um „moral vision“, Wahrhaftigkeit und ein Verständnis für die Auswirkung des eigenen Handelns auf andere („contextual intelligence“) gehe – Kriterien, mit denen Nye in seinem Spätwerk ein bloß instrumentelles Verständnis von sanfter Macht zu korrigieren versucht habe. Bereits 2020 sah Nye laut Osterhammel den damals amtierenden Präsidenten als „Vernichter von soft power“. Den Beginn der zweiten Präsidentschaft Trumps habe er nicht mehr schriftlich kommentiert. Doch wird für Osterhammel durch eine „Nyesche Brille“ sichtbar, wie sich innerhalb weniger Monate der Machtmix in den Vereinigten Staaten verändert habe: Durch einen gefügigen Kongress von allen Begrenzungen der Staatsverschuldung befreit, habe Trump eine riesige Aufrüstungswelle gestartet. Diese Anhäufung neuer „hard power“ diene nicht länger dem Zweck, den sie seit den späten Vierzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts gehabt habe: der Abschreckung und auch Einschüchterung der Sowjetunion und ihres russischen Nachfolgestaats. Der Feind sitze nicht länger im Kreml. Auch bestreite Trump als „guter Isolationist“, neue Kriege führen zu wollen, vielleicht mit Ausnahme kleiner imperialer Aktionen – wie bereits im Fall Irans oder jetzt auch im Fall Venezuelas. Die neue Rüstung der Vereinigten Staaten unter Trump sei ausschließlich gegen China gerichtet. Parallel zerstört der amerikanische Präsident in der Wahrnehmung von Osterhammel mit ideologischen Begründungen, die jeder außenpolitischen Rationalität spotteten, bestehende Quellen von „soft power“. Nichts wiege dabei schwerer als die Einstellung fast aller Formen von Hilfe, gerade auch von medizinischer Unterstützung, für arme Länder. Die Vereinigten Staaten scherten sich nicht länger um ihr Ansehen im Globalen Süden, gegen den zugleich das „Hard-Power-Instrument“ des „Strafzolls“ willkürlich eingesetzt werde. Hier erkennt Osterhammel auch einen Gegensatz zwischen Trump und dessen republikanischem Vorgänger Bush junior. Trump wolle die Demokratie nicht verbreiten. Er schütze sie noch nicht einmal dort, wo es sie schon gebe, da er Auslandssender schließe, Menschenrechtspolitik und Cyberabwehr einstelle und seinen Helfern gestatte, antidemokratische Kräfte in anderen Ländern zu stärken. Osterhammel bringt die Entwicklung auf eine Formel, der Nye melancholisch zugestimmt hätte: „Neben drohender Macht wird werbende Macht ersatzlos gestrichen.“