Welche Rolle spielen Entscheidungsträger in Unternehmen für die Stärkung demokratischer Werte? Sollen sie sich raushalten oder Position beziehen? Diese Fragen hat sich im Januar ein Kreis von knapp 40 Vorstandsvorsitzenden und Geschäftsführern ostdeutscher Unternehmen gestellt, der sich zum ersten Mal vor zwei Jahren auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum in Bad Saarow traf. Katrin Leonhardt, Vorstandsvorsitzende der Sächsischen Aufbaubank und Mitinitiatorin des CEO-Kreises des Ostdeutschen Wirtschaftsforums, hat für sich die Antwort gefunden. „Wir haben eine Verantwortung, denn Unternehmen sind Orte, wo Menschen zusammenkommen und miteinander diskutieren“, sagt sie. Henning Banthien, Geschäftsführer der Strategie- und Kommunikationsberatung Ifok, sieht das ähnlich. „Unternehmen sind ein Raum für das Miteinander, den wir gezielt für das Trainieren des Demokratiemuskels bespielen können“, sagt er. Banthien und Leonhardt gehören zu den gut zwei Dutzend Erstunterzeichnern der neuen Initiative „Unternehmen für Demokratie“, die sich am Montag auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum vorgestellt hat. Die Initiatoren wollen mehr Aufmerksamkeit für das Thema schaffen, sich mit anderen Unternehmen vernetzen und von Best-Practice-Beispielen lernen. Dass die Zukunft der Demokratie die Beschäftigten in den Unternehmen umtreibt, zeigt eine Studie des Wittenberg-Zentrums für Globale Ethik (WZGE) und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, die im Rahmen des Ostdeutschen Wirtschaftsforums vorgestellt wurde. „Wir wollten wissen, was die Beschäftigten von den Unternehmen erwarten“, sagt Martin von Broock, Vorstandsvorsitzender des WZGE und Mitautor der Studie. Sorgen um die Demokratie sind weit verbreitet Befragt wurden für die Studie bundesweit mehr als 2000 Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen zwischen 16 und 67 Jahren, mehr als 500 davon mit Führungsverantwortung. Die überwiegende Mehrheit von ihnen sieht demnach die Demokratie gefährdet. Extremismus, wirtschaftliche Ungleichheit und populistische Bewegungen werden am häufigsten als Gefahren genannt. Nur zwei Prozent der Befragten machen sich keine Sorgen um die Demokratie. „Das ist kein Randthema, das ist auch in den Belegschaften sehr stark verankert“, sagt von Broock. Die Erwartungen an die Unternehmen fallen unterschiedlich aus. Zwei Fünftel der Beschäftigten sprechen sich für gesellschaftspolitisches Engagement aus, 30 Prozent sind dagegen, und noch einmal 30 Prozent äußern sich unentschlossen. Dort, wo die Belegschaft gesellschaftspolitisches Engagement im Unternehmen erlebt, stärkt das die Bindung. Nur 16 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sich danach weniger mit ihrem Arbeitgeber identifizieren. Entscheidend ist, wie sich die Unternehmen für Demokratie einsetzen. Fast zwei Drittel der Befragten lehnen Wahlempfehlungen ab, und zwei Fünftel wollen von ihrem Unternehmen keine Stellungnahmen hören, die sich gegen einzelne Parteien richten. Dieser Wert sinkt auf 27 Prozent, wenn es sich um Parteien handelt, die extremistische Positionen vertreten oder vom Verfassungsschutz beobachtet werden. „Raushalten liegt nicht im Trend“, fasst von Broock die Studienergebnisse zusammen. Es gehe für die Unternehmen um die Verbindung von Haltung und Handeln, also jenseits von kommunikativen Anstrengungen auch um konkrete Investitionen in die Förderung von demokratischen Werten. Verein will Haltung in Handeln verwandeln Das neue Engagement aus der Mitte des CEO-Kreises des Ostdeutschen Wirtschaftsforums reiht sich ein in eine lange Liste ähnlicher Initiativen zum Thema Demokratie und Unternehmen. „Haltung in Handeln zu verwandeln, das machen wir seit zehn Jahren, und das ist ein schwieriges Geschäft“, sagt Sylvia Pfefferkorn, die Gründerin des Vereins Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen. Derzeit ist der Verein dabei, unter dem neuen Dach von Wirtschaft für ein weltoffenes Deutschland bundesweit die Initiativen zu bündeln. Die Aufmerksamkeit für das Thema werde größer, und die Studienergebnisse des WZGE seien eine Bestätigung für das, was der Verein in der täglichen Praxis in den Unternehmen erlebe, sagt Pfefferkorn. Auch die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Staatssekretärin Elisabeth Kaiser (SPD), begrüßte die neue Initiative. „Eine leistungsfähige Wirtschaft benötigt eine funktionierende Demokratie und eine starke Zivilgesellschaft als Fundament“, sagte Kaiser. Gerade in Ostdeutschland spielten Unternehmerinnen und Unternehmer eine wichtige Rolle als Vorbilder in der Zivilgesellschaft. „Deshalb ist ihre klare, öffentliche Positionierung für eine plurale Demokratie und eine offene Gesellschaft so wichtig“, sagte sie. Das schätzt man am WZGE ähnlich ein. Das Vertrauen in die Entscheidungsträger der Wirtschaft sei in den Belegschaften immer noch groß, sagte von Broock. Unternehmer würden deshalb auch Gehör bei Menschen finden, zu denen die Politik keinen Zugang mehr hat. Wenn Beschäftigte zu Demokratiegegnern würden, gefährdete das auch die politische Stabilität und Planungssicherheit für Unternehmen. „Wer sich raushält, riskiert also auch die Wettbewerbsfähigkeit“, sagte von Broock.
