FAZ 11.12.2025
19:30 Uhr

Oscar Wildes „Dorian Gray“: Die Freiheit, feminin zu sein


Der israelische Regisseur Ran Chai Bar-zvi inszeniert Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“.

Oscar Wildes „Dorian Gray“: Die Freiheit, feminin zu sein
„Wir machen den Umbau ja nicht für uns“, sagt Bahn-Chefin Evelyn Palla. (Foto: Friedrich Bungert)

Auf dem Boden der Probebühne im Schauspiel Frankfurt liegen silberne Kugeln, barock geschwungene Lüster in Silber stehen und liegen umher, dahinter eine schlichte bewegliche Holzwand, die den vorderen vom hinteren Bühnenraum abtrennt. Die Bühne aber, erklärt Regisseur Ran Chai Bar-zvi, bleibt ein nur zum Publikum hin geschlossener Raum, dem die drei Akteure (Stefan Graf, Miguel Klein Medina, Mitja Over) nie entkommen können, eine Art Gefängnis. Das Bühnenkonzept ist von Ran Chai Bar-zvi persönlich, denn der 1989 in Jerusalem geborene Künstler absolvierte zunächst die Jerusalem High School for the Arts, ein Gymnasium mit Kunstschwerpunkt, und studierte nach dem israelischen Militärdienst Kostüm- und Bühnenbild an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Sein Entschluss, nach Berlin zu ziehen, wurde 2007 auf einer Deutschlandreise durch eine Vorstellung von Jürgen Goschs „Ein Sommernachtstraum“ am Deutschen Theater ausgelöst. An den Abend erinnert er sich als glückhaften Schock. Danach wusste er, dass er in diesem Land, in dieser Stadt leben und studieren wollte. Noch während des Studiums, das er 2019 mit Diplom abschloss, arbeitete er am Schauspiel Köln, für das Staatstheater Stuttgart, das Münchner Volkstheater und die Ruhrtriennale, assistierte bei Rimini Protokoll. Sein Regiedebüt folgte im selben Jahr mit der Uraufführung von „Dark Room“ am Schauspiel Hannover, wo er auch „Blutbuch“ nach dem Roman von Kim de l’Horizon inszenierte und dafür 2024 mit dem Kurt-Hübner-Regiepreis ausgezeichnet wurde. Ein Spiel mit dem Schlüsseltext Im Gespräch ist Bar-zvi überaus lebhaft, redet sympathisch offen auch über Persönliches, mitunter fällt es schwer, dem begeisterten Redefluss des Mittdreißigers mit dem Lockenkopf zu folgen. Er sieht seine Bearbeitung von Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ als Studie über Macht und Leidenschaft in einer homosexuellen Konstellation. Die Geschichte des jungen Mannes Dorian Gray, dessen vom Maler Basil gestaltetes Porträt an seiner statt altert, während er ein ausschweifendes Leben führt und seine jugendliche Schönheit bewahrt, ist von Zeitgenossen trotz aller antiken Bezüge und seiner Auseinandersetzung mit Symbolismus und Ästhetizismus, ganz handfest auf seinen homoerotischen Kern reduziert, das Werk als amoralisch und anstößig wahrgenommen worden. Folgerichtig wurde der Roman im Unzucht-Prozess gegen Wilde als Beweismittel für die verwerfliche Haltung des Autors herangezogen. In Basils und Henrys Leidenschaft für Dorians Schönheit sah man Hinweise auf homoerotische Gefühle. 1895 wurde Oscar Wilde zu zwei Jahren Zuchthaus und Zwangsarbeit verurteilt, nach seiner Entlassung war er psychisch und physisch gebrochen und starb im Jahr 1900. Kein Wunder also, dass „Das Bildnis des Dorian Gray“ in der queeren Community als Schlüsseltext wahrgenommen wird, doch das, was Ran Chai Bar-zvi daran interessiert, beschränkt sich keineswegs auf einen homosexuellen Interpretationsansatz, sosehr dieser auch im Zentrum steht. Am Beginn der Auseinandersetzung stand die Zusammenarbeit mit dem Dramatiker Marcus Peter Tesch, der Monologe zum Bild verfassen sollte, doch wurde daraus eher eine Überschreibung über Schönheit, Begehren, reale Körper und Körperbilder mit starken Gegenwartsbezügen. Leidenschaft, Liebe, Begehren und Macht Ran Chai Bar-zvi entwickelte auf dieser Grundlage gemeinsam mit dem Dramaturgen Lukas Schmelmer einen Theaterabend mit den drei Personen Dorian, Henry und Basil. Die drei Männer können als drei Seiten von Oscar Wildes Persönlichkeit gesehen werden, es gibt permanent Machtspiele zwischen den dreien, so entstehe „ein Dialog mit seiner eigenen Moralität“. Es gibt hier allerdings keine wertende Moral, „alle sind Opfer und teilweise auch Täter“. Für Ran Chai Bar-zvi hat die Arbeit an der Inszenierung auch eine autobiographische Komponente. Vieles in dem Roman kenne er aus seiner eigenen Biographie, „gerade auch das komplizierte Verhältnis junger Mann/älterer Mann“. Denn gerade hier gibt es eine Verschlingung von Leidenschaft, Liebe, Begehren und Macht. Das Bild, um das sich alles dreht, wird nicht explizit gezeigt, es gibt kein Gemälde oder eine hässliche Figur zu sehen, mehr wird nicht verraten, nur: „Man hört das Bild.“ Ein akustisches Bildnis aus Sound also? Man darf gespannt sein. Sehr sichtbar ist dagegen eine andere Motivspur des Romans, die Natur, die äußere wie die unterdrückte innere der Figuren: „Es gibt Natur in dem Stück, sie ist aber domestiziert. Das ist genau das, was Dorian Gray macht: Es ist ein Versuch, die Natur zu kontrollieren, seine Natur.“ Auf der Bühne wird das sichtbar durch die floralen Kostüme von Belle Santos, denn alle Figuren treten wechselweise als Blumen auf, sie verändern im Lauf des Stücks ihren Charakter, die Rosen sind nicht nur schön, sie haben Dornen. Berlin ist seine Wahlheimat geblieben, immer wieder freue er sich auf die Stadt, die für Freiheit stehe: „Und der lebendige Diskurs ist dort immer da.“ Dennoch habe sich in den vergangenen Jahren etwas verändert, mehrfach wurde er attackiert, auch angespuckt: „Ich habe seit einiger Zeit wieder existenzielle Angst als schwuler Mann in der Öffentlichkeit.“ Es sei unübersehbar, dass wir „noch immer in einer chauvinistischen Gesellschaft“ leben, hinter der Schwulenfeindlichkeit vieler Heteromänner verberge sich häufig auch Frauenfeindlichkeit, und an den Schwulen werde weibliches Verhalten abgelehnt. Doch eben dagegen begehrt Ran Chai Bar-zvi als Mensch und Künstler auf: „Für mich ist die Freiheit ganz wichtig, feminin sein zu dürfen!“ Natürlich kann man mit einem israelischen Künstler in diesen Zeiten kaum ein Gespräch führen, ohne auf die aktuelle politische Lage zu kommen. Ran Chai Bar-zvi blickt zugleich mit Pessimismus und Zukunftshoffnung auf Israel. Natürlich gebe es die immer weiter wachsende Gruppe der Siedler, gebe es die religiösen Fanatiker und die autoritären Rechten. Doch daneben auch immer noch die säkularen Linken, die sich einig sind, dass nur ohne Netanjahu und seine extrem rechten Verbündeten ein Frieden im Land und mit den Palästinensern möglich ist. Alles hänge von der Wahl im nächsten Jahr ab. Und da im Ausland lebende Israelis nicht wahlberechtigt sind, wird Ran Chai Bar-zvi dasselbe tun wie viele andere: „Einen Flug nach Tel-Aviv buchen, wählen und am nächsten Tag zurück.“ Zuvor aber wird ihn sein nächstes Engagement nach Wien führen, wo er am Volkstheater sein eigenes Stück „FOMO (Fear of Missing Out)“ zur Uraufführung bringen wird. Auf die Stadt freue er sich, und das, obwohl er sich gegenwärtig in Frankfurt sehr wohl fühlt: „Ich liebe es hier, die Hochhäuser erinnern mich an Tel Aviv.“ „Das Bildnis des Dorian Gray“, Premiere am 12. Dezember 2025 in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt