FAZ 23.01.2026
15:47 Uhr

Oscar-Nominierungen: So politisch sind die Oscars 2026


Dass der deutsche Oscar-Kandidat aus dem Rennen ist, spricht nicht gegen den wichtigsten Filmpreis der Welt. Dafür reflektieren gleich mehrere nominierte Filme Amerikas dunkle Gegenwart.

Oscar-Nominierungen: So politisch sind die Oscars 2026

Die Erregung ist groß. Deutschlands Hoffnung auf einen Oscar ist geplatzt. Mascha Schilinskis Filmdrama „In die Sonne schauen“ aus dem Jahr 2025 hat es beim wichtigsten Filmpreis der Welt nicht in die Endrunde geschafft. Prompt wird die Nase gerümpft über Hollywood im Allgemeinen und die Oscars im Speziellen. Mit Filmkunst hätten die eh wenig am Hut, heißt es dann. Wie praktisch, dass sich der Empörungsgrad in diesem Jahr noch heißer drehen lässt: Unpolitisch sei die Auswahl, Hollywood knicke vor Trump ein und befinde sich gera­dewegs auf Biedermeier-Kurs. Mehr Missbilligung geht derzeit nicht. Und es sagt sich so leicht, selbst wenn es nicht stimmt. Denn wer „Blood & Sinners“ mit Michael B. Jordan für eine simple Vampirgeschichte hält, kann ihn nicht gesehen haben. Der in Rekordzahl für den Oscar nominierte Spielfilm über die Klassenunterschiede im Mississippi-Delta der Dreißigerjahre ist ja gerade eine Antwort des Kinos auf Trumps neu entfachten Rassismus. Ebenso lässt sich die Terrorgeschichte „One Battle After Ano­ther“ als Reflexion auf die Gegenwart lesen, und selbst auf „Marty Supreme“ über einen jüdischen Hochstapler im New York der Fünfzigerjahre trifft das in Teilen zu. Biedermeier ist dagegen die deutsche Oscarbewerbung „In die Sonne schauen“. Das Filmdrama über vier Mädchen, vier Generationen und gut hundert Jahre auf einem altmär­kischen Bauernhof bebt vor Kunstwillen und ist doch vor allem betulich und von sich selbst ergriffen. Die Regie tut gerade so, als seien Kunstgriffe wie Zeitsprünge oder Stream of Consciousness eine neue, gewagte Erfindung, dabei sind sie so alt wie das Kino selbst – nur eben hier allzu lang­atmig geraten. Die Kunstanstrengung steht in den drei Filmstunden herum wie ein Grabstein, der nicht verwittert. Man kann langweilig oder aufregend in die Sonne schauen Die Oscarjuroren taten gut daran, sich von ihren Cannes-Kollegen nicht beeindrucken zu lassen, die den Film voriges Jahr mit ihrem Preis ausgezeichnet haben. Hollywood und der klassische Spielfilm stehen seit Längerem unter Druck. Das hat mit Künstlicher Intelligenz, dem Niedergang der Blockbuster und veränderten Sehgewohnheiten zu tun. Manche sehen die Zukunft der Filmstadt im Arthouse-Kino. Neben „Marty Supreme“, der die Geschichte eines Tischtennisspielers als Sittenbild erzählt, zeigt die Oscarauswahl auch mit Chloé Zhaos „Hamnet“ über William und Agnes Shakespeare und ihren Sohn ein Filmjuwel, das in diese Richtung weist. Der Literaturadaption nach dem Roman von Maggie O’Donnell gelingt es auf faszinierende Weise, Kunstwillen mit intellektuellem und sinnlichem Vergnügen zu verbinden. Auch in diesem Film wird viel in die Sonne geschaut und wenig gesprochen – doch ist er dabei so vielsagend und in jeder Hinsicht schillernd, bis hin zur Musik des in Hameln geborenen Max Richter, dass man auf die Oscars am 15. März nur gespannt sein kann.