Frau Guttenberg, eines der häufigsten Streitthemen zwischen Menschen, die unter einem Dach leben, ist die Unordnung im Haus. Sie sind Einrichtungsberaterin und Coach für ein nachhaltigeres Leben. Lässt sich denn mit der richtigen Einrichtung Streit vermeiden? Ich werde tatsächlich häufig gerufen, weil Kunden meinen, sie bräuchten einen größeren Kleiderschrank, einen Um- oder sogar Anbau, um Raum zu schaffen. Eine bauliche Veränderung oder auch ein neuer Schrank wäre aber oft keine Bekämpfung der Konfliktursachen, sondern nur ihrer Symptome. Bei meinen Hausbesuchen setze ich mich deshalb erst einmal mit allen Beteiligten hin, und wir versuchen gemeinsam herauszufinden, woran es denn eigentlich krankt. Wie gehen Sie vor? Die Einstiegsfragen sind immer dieselben: Wer wohnt hier? Welche Bedürfnisse und Zwickmühlen gibt es – und warum? Die Frage nach dem Warum ist sehr wichtig. Das ist vergleichbar mit einer Alltagssituation: Wir holen uns einen Kaffee, weil wir uns müde fühlen. Vielleicht sollten wir aber lieber Wasser trinken, weil uns Flüssigkeit fehlt. Die Frage nach dem Warum nennen Sie das Pippi-Langstrumpf-Prinzip. Das liegt natürlich auch daran, dass ich seit 22 Jahren in Schweden lebe. Die Methode der fünf Warums wurde ursprünglich von Sakichi Toyoda für Toyota entwickelt. Sie gilt als die effektivste Methode, um vom Symptom zum Kern eines Problems vorzudringen. Wenn man diese Fragetechnik anwendet, muss man auch nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen. Aber es stimmt schon: Pippi Langstrumpf hinterfragt Dinge – und sie ermutigt uns, sie zu ändern, gerne auch unkonventionell. Das ist das Erfrischende an Kindern, weshalb ich mir deren Vorschläge gern anhöre. Sie kommen auf Ideen, die wir Erwachsenen vielleicht gar nicht in Erwägung ziehen würden. Fällt Ihnen spontan ein Beispiel ein? Meine Tochter, sie ist jetzt fast 17, wollte als Sechsjährige ein richtiges Büro haben, um ihre Hausaufgaben zu machen. Mit einem großen Schreibtisch in der Mitte, außerdem eine Leseecke. So viel Platz hatten wir aber gar nicht, weil mein Schreibtisch auch noch in das Zimmer passen sollte. Plötzlich hat sie dann jede Menge Kissen angeschleppt und unter meinen Schreibtisch gelegt. Das war ihre Leseecke. An die kleine Höhle hätte ich gar nicht gedacht, sie genügte aber völlig ihren Bedürfnissen. Vermutlich hat jede Person in einem Haushalt recht konkrete Vorstellungen, wie die für sie ideale Situation herbeizuführen wäre. Was aber, wenn die anderen Bedürfnisse haben, die in eine völlig entgegengesetzte Richtung gehen? Das Wichtigste ist, dass alle sich ausdrücken dürfen und man sich der Bedürfnisse der anderen auch bewusst wird. Nachdem der Ist-Zustand geklärt ist, also das Problem oder was gerade nicht passt, knöpfen wir uns den Soll-Zustand vor. Wie wollen wir es haben? Der dritte Punkt ist, herauszufinden, wie man diesen Soll-Zustand einfach gestalten könnte. Ein großer Kleiderschrank nutzt zum Beispiel gar nichts, wenn man ihn nicht als Teil eines Wäschezirkels begreift. Es braucht in der Wohnung auch mehrere Wäschekörbe, einen für die weiße, einen für die bunte, einen für die dunkle. Damit man nicht erst alles zusammensuchen und sortieren muss. Wenn die Körbe so groß sind wie die Waschmaschinen-Füllmenge, dann ist auch klar, wann gewaschen werden muss. Dann ist das eine ziemlich schnelle Geschichte. Vorausgesetzt, jemand nimmt die Wäsche auch aus der Maschine, hängt sie auf und räumt sie auf . . . Ja, die Umsetzung in die Tat – Punkt vier – muss durchdacht sein. Am besten visualisiert man die Aufgaben, zum Beispiel auf einer Tafel an einem für alle sichtbaren Platz. Dann weiß jeder, woran er oder sie ist. Nach etwa 100 Tagen überprüft man: Klappt das jetzt? Kann ja sein, einer hat es vergessen (lacht), oder man hat an Bedürfnissen vorbeigearbeitet. Sie geben den Leuten 100 Tage Zeit? Manchmal sind es sogar 200. Nicht alles kann sich sofort ändern, man muss dem Verhalten auch eine Chance geben, sich einzuschleifen. Mit diesem Nachbearbeiten habe ich viele Probleme gelöst. Ich gehe oft eher wie eine Psychologin in meine Projekte rein, indem ich erst einmal zuhöre. Gibt es große Unterschiede zwischen Schweden und Deutschland? Das perfekte Zuhause in Deutschland ist eines, in dem man sich wohlfühlt und alle ihren Platz haben. In Schweden erlebe ich oft, dass viele darauf fixiert sind, was gerade in Mode ist. Auch auf das sogenannte Jantelagen. Das ist ein tief verwurzelter kultureller Verhaltenskodex, der Bescheidenheit und Gleichheit fördert. Was aber dazu führt, dass vieles gleich aussieht. Ich trage zum Beispiel häufig farbige Kleidung, richte mich auch gern farbiger ein als die Schweden. Da höre ich oft: Ach, so eine rote Hose habe ich auch zu Hause, aber ich traue mich nicht, sie zu tragen. Oder man entschuldigt sich dauernd, dass es nicht aufgeräumt ist. Obwohl alles tipptopp ist. Viele Menschen leben auf kleinem Raum. Sie können sich den vielen Raum, den sie gerne hätten oder bräuchten, gar nicht leisten. Man muss ganz unten anfangen. Essen, Schlafen, Sicherheit, Hygiene müssen erst einmal abgedeckt sein. Auch das ist individuell und kulturell unterschiedlich. Ob man zum Beispiel viel zu Hause kocht. Dann muss man schauen: Wo können wir Platz sparen und vor allem wo Stauraum gewinnen? Kann ich zum Beispiel ein hohes Bett haben und darunter viele Dinge unterbringen? Generell gilt es, ungenutzten Raum ausfindig zu machen. Welcher Raum ist denn oft ungenutzt? Die Decke oder auch der Platz hinter den Türen. Man kann Regale rundum schaffen und die Höhe nutzen. Oft richtet man sich nur auf halber Höhe ein. Da hängt höchstens mal ein Bild. Aber eigentlich sind die Wände ja auch noch Flächen. Ich habe eine Einzimmerwohnung eingerichtet mit 40 Quadratmetern. Das Mobiliar war dann aber so flexibel, dass die Bewohner sie entweder komplett als Schlafzimmer mit mehreren Betten nutzen konnten oder als Esszimmer, in dem man auch mal zehn Leute bewirten konnte. Oder es war Wohnzimmer mit Sofa. Einen Arbeitsplatz kann ich auch in einen Schrank einbauen – nachdem ich ihn ausgemistet habe. Dann ist vielleicht die Hälfte frei, und ich kann nach getaner Arbeit die Tür zumachen. Sie sagen, wir sollten uns nicht von der Architektur diktieren lassen, wie wir Dinge zu Hause tun. Was meinen Sie damit? Zum Beispiel wo das Schlafzimmer oder das Wohnzimmer liegen muss. Oft habe ich festgestellt, dass man ganz andere Lösungen schaffen kann. Ein Bekannter kann es sich im Moment nicht leisten, mit seinen zwei Kindern in eine größere Wohnung zu ziehen. Sie sollten aber die beiden Schlafzimmer bekommen, und er richtete sich mit einem Bett mit 90-Zentimeter-Matratze in der Besenkammer ein. Das genügt ihm, er muss nicht auf der Couch im Wohnzimmer schlafen. Lebens- und Wohnsituationen ändern sich ja beständig. Ein Paar zieht zusammen, Kinder kommen, werden größer, beanspruchen mehr Raum, ziehen schließlich aus et cetera. Wie häufig sollte man den Ist-Soll-Zustand abchecken? Viele meiner Kunden haben inzwischen verstanden, dass die eine richtige Lösung nur eine Momentaufnahme sein kann. Man muss immer wieder gucken, ob es noch passt, die Balance des Zusammenlebens stimmt. Man kann immer nachbessern und anpassen, weil das Leben sich verändert. Und es sammelt sich mit der Zeit auch viel an, was man nicht mehr braucht. Was vielleicht woanders ein besseres Leben finden kann. Aussortieren ist in Ihren Beratungen ein wichtiger Aspekt. Viele Menschen trennen sich nicht von Sachen, weil sie sie nicht wegschmeißen möchten. Das geht mir genauso, das ist übrigens auch ein Unterschied zwischen Deutschland und Schweden. Ich denke, das stammt noch aus der Kriegserinnerung. Man sagt, es dauere vier Generationen, bis ein Krieg nicht mehr in der Familie drinsteckt. In Deutschland behält man noch immer mehr Sachen, die noch für etwas gut sein könnten. Das wird hier in Schweden gar nicht so gesehen. Auch in China wird vor dem Neujahrsfest ein gründlicher Frühjahrsputz gemacht. Da stehen dann überall die Sachen draußen und werden weggeholt wie bei uns früher. In vielen deutschen Städten ist es inzwischen vielmehr ein Ärgernis, dass die Leute Sachen „zum Verschenken“ vor die Tür stellen, von denen viele in Wahrheit Müll sind. Die Sperrmüll-Abfuhr in der alten Form hielt ich für eine gute Idee. Alle wussten, wann Sperrmüll war. Dann hat man das richtig geplant und ist rumgegangen und hat geguckt wie auf einem Flohmarkt. Die Leute haben vielleicht auch gute Sachen rausgestellt, weil sie wussten, es holt sich jemand. Weniger kaufen wäre aber noch wichtiger, als danach auszusortieren.
