FAZ 06.03.2026
14:28 Uhr

Orbán gegen Selenskyj: Geiselnahme, Erpressung und ein lachender Dritter


In Ungarn ist ein ukrainischer Geldtransport festgesetzt worden. Nun verschärft sich der Ton zwischen Kiew und Budapest.

Orbán gegen Selenskyj: Geiselnahme, Erpressung und ein lachender Dritter

Der offene Streit zwischen der Ukraine und Ungarn hat eine weitere Eskalationsstufe erreicht. In der Nacht auf Freitag schrieb der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha, die ungarischen Behörden hätten am Donnerstag „sieben ukrainische Staatsbürger als Geiseln genommen“. Sybiha zufolge, dessen Erklärung auf der Facebook-Seite der ukrainischen Botschaft in Budapest verbreitet wurde, handelt es sich um Mitarbeiter der staatlichen ukrainischen Oschadbank, die zwei Geldtransporte aus Österreich in die Ukraine begleitet hätten. Der Außenminister bezeichnete die Aktion als „Geiselnahme“ und „Raub“. Nach Informationen des ungarischen Nachrichtenportals Telex sollen Spezialkräfte der ungarischen Antiterroreinheit TEK zwei Geldtransporter mit ukrainischen Nummernschildern an einer Autobahnraststätte festgesetzt haben. Augenzeugen zufolge seien mehrere schwarz gekleidete Personen aus den Autos gezogen und auf den Boden gezwungen worden, heißt es in dem Bericht. Die ukrainische Botschaft teilte in der Nacht mit, der Aufenthaltsort der Festgenommenen sei weiter unklar. GPS-Daten deuteten aber darauf hin, dass sich die Geldtransporter im Zentrum von Budapest befänden. Das Außenministerium in Kiew warnte zudem seine Bürger vor Reisen nach Ungarn. Die Bank fordert Freigabe ihres Eigentums Die betroffene Oschadbank selbst ließ in einer Stellungnahme verlauten, dass insgesamt 40 Millionen Dollar, 35 Millionen Euro und neun Kilogramm Gold „gestohlen“ worden seien, die im Rahmen eines ordentlich deklarierten Werttransports von der österreichischen Raiffeisenbank in die Ukraine gebracht werden sollten. Die Bank forderte die sofortige Freilassung der Mitarbeiter und die Freigabe ihres Eigentums. Aus Budapest gab es zunächst keine offizielle Reaktion. Am Freitag dann teilte das ungarische Finanzamt (NAV) auf seiner Website mit, die Maßnahme sei im Rahmen eines Strafverfahrens wegen des Verdachts auf Geldwäsche erfolgt. Später legte Außenminister Péter Szijjártó nach, indem er von Kiew sofortige Aufklärung über Bargeldtransfers durch Ungarn und mögliche Verbindungen zur „ukrainischen Kriegsmafia“ forderte. Allein seit Januar hätten 900 Millionen Dollar und 420 Millionen Euro in bar sowie 146 Kilogramm Gold das Land durchquert. Wenn das wirklich Transaktionen zwischen Banken seien, wieso würden sie nicht per Überweisung erledigt, fragte Szijjártó, obwohl derartige Transporte nach Auskunft von Banken gängige Praxis sind. Szijjártó fügte noch an, die Fahrzeuge seien nach Informationen der Finanzbehörden von einem früheren Geheimdienstgeneral begleitet worden. Selenskyj: Will kein russisches Öl für Orbán sichern Ministerpräsident Viktor Orbán erneuerte derweil im Morgenradio seine Vorwürfe in Richtung Kiew. In den vergangenen Tagen war der Streit zwischen beiden Staaten um die Druschba-Pipeline immer heftiger geworden. Die Ukraine ist aufgrund alter Verträge dazu verpflichtet, trotz des russischen Angriffskrieges weiter Öl aus Russland in Richtung Ungarn und Slowakei zu leiten. Seit einem russischen Drohnenangriff auf eine Pumpstation der Pipeline im zentralukrainischen Brody Ende Januar liegt der Betrieb jedoch still. Kiew verwies auf komplizierte technische Schäden, doch Ungarn und die Slowakei sprachen von einer politischen Entscheidung und „Erpressung“ durch die Ukraine. Am Donnerstag stellte Präsident Wolodymyr Selenskyj laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg schließlich klar: „Um ehrlich zu sein: Ich würde sie nicht wiederherstellen.“ Während Russland Ukrainer töte, müsse sich Kiew darum kümmern, russisches Öl „für Orbán“ zu sichern. Das wolle er nicht mehr, was er den EU-Staaten nun mitgeteilt habe. Für Orbán ist dieser Schritt heikel. In seinem Wahlkampf setzt er offenkundig darauf, die Angst vieler Ungarn vor einem Ausgreifen des Ukrainekriegs zu schüren und damit von den zahlreichen Problemen im Land abzulenken, die die Wähler zur Opposition treiben. Orbán stellt sich als der Garant für Sicherheit dar – und für billige Rohstoffe aus Russland. Der zweite Punkt wäre jedoch in Gefahr, wenn die Ukraine trotz vertraglicher Pflichten den Ölhahn zudreht. Hier hat der Streit auch eine europäische Dimension: Orbán reklamiert immer wieder, dass die Ukraine durch ihre Vereinbarungen mit der EU verpflichtet sei, die Energiesicherheit der Mitgliedstaaten nicht zu gefährden. Das ist für ihn Grund genug, wegen des Druschba-Streits das für die Ukraine überlebenswichtige 90-Milliarden-Euro-Darlehen der EU zu blockieren. Szijjártó spricht von Bedrohung Beide Seiten setzen hier auf maximale Konfrontation: Nachdem Orbán in dieser Woche vor seiner heimischen Handelskammer angekündigt hatte, die Ölblockade der Ukrainer notfalls mit Gewalt zu brechen, sagte Selenskyj dem Video einer ukrainischen Nachrichtenagentur zufolge in Richtung des ungarischen Ministerpräsidenten: „Wir hoffen, dass eine bestimmte Person in der EU die 90 Milliarden oder deren erste Tranche nicht blockiert, damit ukrainische Soldaten ihre Waffen bekommen können. Andernfalls werden wir die Adresse dieser Person den Streitkräften mitteilen, damit sie ihn anrufen und mit ihm in ihrer Sprache reden.“ Orbán nahm diese Vorlage dankend an und deklamierte, er werde die Blockade brechen, „keine Drohung gegen mein Leben wird mich davon abhalten“. Es gehe hier nicht um ihn, sondern um Ungarn. Außenminister Szijjártó sprang ihm wie viele andere Politiker bei und nannte es „jenseits aller Normen“, dass Selenskyj Ungarns Ministerpräsidenten „praktisch mit dem Tod bedrohe“. Kann Magyar am Ende profitieren? Doch sosehr Orbán die Eskalation im Wahlkampf offensichtlich nutzen will, könnte sie ihm nun auf die Füße fallen. Denn Seleskyjs Drohung war so unverblümt, dass auch Oppositionsführer Péter Magyar die Gelegenheit ergriff, sich auf Orbáns Seite zu stellen und den Ungarn zu demonstrieren, dass er nicht im Ansatz so „proukrainisch“ ist, wie ihn die Orbán-nahe Presse gerne darstellt. Magyar steht zwar für ein besseres, partnerschaftliches Verhältnis zu Brüssel und verurteilt Russlands Krieg, achtet aber auf deutliche Distanz zu Kiew. Direkte Waffenhilfe für die Ukraine und eine schnelle EU-Aufnahme des angegriffenen Nachbarlandes lehnt auch Magyar entschieden ab, wenngleich er von der Regierungspropaganda als Marionette Kiews dargestellt wird. Am Donnerstag griff Magyar den Streit gleich auf mehreren Wahlkampfkundgebungen auf: „Kein ausländisches Staatsoberhaupt darf einen Ungarn bedrohen“, sagte der Tisza-Chef und forderte Selenskyj zu einer Klarstellung und Entschuldigung auf. Weder die Ukraine noch Russland könnten das souveräne EU- und NATO-Mitglied Ungarn erpressen, denn das sei ein freies Land. Doch ob Magyar mit dieser Botschaft bis in die regierungsnahe Presse durchdringen wird, steht auf einem anderen Blatt.