FAZ 18.02.2026
13:42 Uhr

Opferschutz: Wie Frauen den Weg aus der Zwangsprostitution finden


Frauen, die sich aus der Zwangsprostitution befreien, geraten nicht selten in Schulden und tragen körperliche sowie seelische Verletzungen davon. Neue EU-Vorgaben versprechen mehr Opferschutz, aber es fehlt an der Umsetzung.

Opferschutz: Wie Frauen den Weg aus der Zwangsprostitution finden

Sexuelle Ausbeutung ist in Hessen traurige Realität: Beratungsstellen wie FIM („Frauenrecht ist Menschenrecht“) betreuen jedes Jahr zahlreiche Frauen, die von Menschenhändlern nach Deutschland gebracht, bedroht und zu sexuellen Dienstleistungen gezwungen werden. Die angeworbenen Frauen werden häufig über die eigentlichen Arbeitsbedingungen getäuscht, oder sie werden von einem vermeintlichen „Loverboy“ geködert, der sie in eine emotionale Abhängigkeit drängt. Auch Prostitution, die zunächst freiwillig geschieht, kann in Ausbeutung kippen – durch psychische Gewalt, Manipulation, Isolation und erzwungene Bedingungen, die einen Ausstieg verhindern. „Zwang geht immer mit Gewalt einher“, sagt FIM-Geschäftsführerin Elvira Niesner. FIM ist die hessenweite Fach- und Koordinierungsstelle für Opferschutz gegen Menschenhandel. Die Beratung richtet sich vor allem an Frauen, die sexuelle Gewalt und Zwang in der Prostitution erfahren; viele kommen aus Osteuropa oder auch Lateinamerika. Einzeltäter und internationale Netzwerke üben Druck aus Neben Einzeltätern agieren internationale Netzwerke, die Druck auf im Ausland lebende Angehörige der Frauen ausüben. Das Dunkelfeld gilt als zehnmal größer als das Hellfeld, das sind die durch Strafverfolgung bekannt gewordenen Taten. Im vergangenen Jahr suchten knapp 150 Opfer von Menschenhandel Hilfe bei FIM in Frankfurt, rund 100 waren Opfer sexueller Ausbeutung. Täter seien fast immer Männer, die Frauen zu ihren Opfern machten. Ermittlungen seien in vielen Fällen eingeleitet worden, der Weg bis zur Verurteilung der Täter dauere jedoch lange, sei komplex und ressourcenintensiv, berichtet die Geschäftsführerin. Hier von der Hilfe beim „Ausstieg“ aus der Sexarbeit zu sprechen, greift aus Sicht Niesners zu kurz: Viele Frauen hätten nie freiwillig in der Prostitution gearbeitet. Entscheidend sei konsequenter Opferschutz, den FIM leistet und voranbringen will. Zahlreiche Betroffene seien mittellos, ohne verlässliche Strukturen, oft nicht gemeldet und hätten keinen Zugang zu medizinischer Grundversorgung. Dem gegenüber steht ihr Recht auf Schutz, Unterstützung und Entschädigung, wie es in deutschem und europäischem Recht verankert ist. Um die Opfer zu schützen und die Prävention, Betreuung und Strafverfolgung zu koordinieren, wurde in Hessen ein Runder Tisch ins Leben gerufen, ein Koordinationsgremium, in dem Polizei, Staatsanwaltschaft, Behörden und Fachberatungsstellen wie FIM zusammenarbeiten. Erst durch die Zusammenarbeit könne die Hilfe die betroffenen Frauen auch erreichen, so Niesner. Dazu zählten eine Fachberatung, sichere Unterkünfte, medizinische und psychologische Hilfe, Information über Rechte, eine kostenfreie rechtliche Vertretung und psychosoziale Prozessbegleitung sowie – für Drittstaatsangehörige – eine vorübergehende Aufenthaltsduldung während des Strafverfahrens. In der Praxis stünden diesen Ansprüchen jedoch häufig Verzögerungen, bürokratische Barrieren und unzureichende Strukturen entgegen. Auf EU-Ebene wurde bereits seit Ende 2022 die Menschenhandelsrichtlinie überarbeitet. Die neue Richtlinie trat im Juli 2024 in Kraft und muss bis Mitte Juli 2026 von den Mitgliedstaaten umgesetzt werden. Ziel ist es vor allem, die Rechte von Betroffenen zu stärken, indem Opfer früher identifiziert, bestehende Hilfen wie Unterkunft, medizinische und psychologische Betreuung sowie rechtliche Unterstützung umfassender und koordinierter bereitgestellt werden und auch bisher oft übersehene Opfergruppen Zugang zu diesen Leistungen erhalten. Ziele, auf die der Runde Tisch in Hessen bereits abzielt. Kritik am Nordischen Modell Parallel dazu wird in Deutschland das sogenannte Nordische Modell diskutiert, das den Kauf sexueller Dienstleistungen verbietet, Prostituierte selbst aber weiterhin legal arbeiten lässt. Die Fachberatungsstelle FIM sieht darin Risiken. Ein Sexkaufverbot könne Prostitution weiter in den Untergrund drängen, die Frauen stärker gefährden und ihren Zugang zu Hilfe erschweren. Zudem gebe es auch Frauen, die freiwillig in der Prostitution arbeiteten und sich als Sexarbeiterinnen verstünden. „Schon heute werden vorhandene rechtliche Möglichkeiten der Strafverfolgung und des Opferschutzes bei Menschenhandel nicht verlässlich umgesetzt. Woher nehmen dann die Befürworter des Nordischen Modells das Vertrauen, dass sich mit dem weitreichenden Verbot der Schutz der Betroffenen verbessern könnte?“, fragt Niesner. FIM begrüßt jedoch den stärkeren Fokus auf die Opferrechte, empfiehlt aber, sie zügig und vor allem praxistauglich umzusetzen. Als Beispiel für die Schwierigkeiten, die für die Betroffenen entstehen können, nennt sie die dreimonatige Bedenkzeit, die Zwangsprostituierten ohne Aufenthaltsrecht nach einer Beratung bei FIM zur Stabilisierung gewährt werde. Diese Pause soll den Betroffenen ermöglichen, über rechtliche Schritte und Unterstützungsangebote nachzudenken, bevor sie sich zu einer Anzeige mit all ihren Konsequenzen durchringen müssen. Doch die Idee einer behördenfreien Zeit, in der die Frauen zur Ruhe kommen können, sei in der Realität nicht gegeben. Stattdessen fielen in diese drei Monate Termine bei der Polizei oder der Ausländerbehörde, sodass die Opfer nicht in Ruhe stabilisiert werden könnten, sagt Niesner. Die Folgen sexueller Ausbeutung sind gravierend und langanhaltend: Viele Betroffene bleiben ohne Schadenersatz, geraten in Schulden, tragen teils schwere körperliche und seelische Verletzungen davon, entwickeln Abhängigkeiten von Drogen oder Medikamenten und schwere Traumata – Faktoren, die den Weg in ein sicheres, selbstbestimmtes Leben massiv erschweren. Ohne verlässlichen Opferschutz, konkrete Unterstützungsangebote und Zugang zu Entschädigung bleiben sie in einem Kreislauf aus Gewalt, Ausbeutung und Abhängigkeit gefangen. Der Weg, den die betroffenen Frauen gehen müssen, ist lang und voller bürokratischer Hürden: „Es geht immer darum, ein komplett neues Leben aufzubauen“, sagt Elvira Niesner.