FAZ 30.01.2026
13:18 Uhr

Opernskandal in London: Ausfall eines Heldentenors


Roberto Alagna blieb in London am Opernhaus Covent Garden die Stimme weg. Die Notlösung löste vor allem einen Publikumstumult aus.

Opernskandal in London: Ausfall eines Heldentenors

Reiner Goldberg, Gott hab ihn selig, war, wie er hieß: ein echter Schatz. Man konnte ihn aus dem Bett klingeln oder – wie bei einem „Lohengrin“ Ende der Neunzigerjahre – aus der Badewanne: Er sprang ein, wenn an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin den Heldentenören des Jetsets, den Stars mit Galapreisaufschlag, die Stimme wegblieb. Kann ja auch schnell mal passieren. Solch eine Stimme ist wie ein scheues Reh: Was Falsches getrunken, was Schlechtes gegessen, vom fremden Baby im Flugzeug angeniest – schwupps, ist sie weg! Glücklich der Operndirektor, der dann auf ein stabiles Ensemble zurückgreifen kann, wenn die Gäste ausfallen. Soviel Glück hatte die Direktion der Königlichen Oper Covent Garden in London dieser Tage nicht. Der Tenor Roberto Alagna sang zwei Akte lag den Kalaf in Giacomo Puccinis „Turandot“ und kam für den dritten nicht mehr heraus. Ausgerechnet für den dritten, wo der Schlager „Nessun dorma“ kommt, die einzige Nummer, die in dem eisigen Stück der gemeinen Seele Nahrung ist. „Turandot“ ohne „Nessun dorma“ – das ist wie Advent ohne Weihnachten, wie Fußball ohne Ball oder Curry ohne Wurst. Der Musikdirektor Richard Hetherington sang die Vorstellung notdürftig zu Ende (ohne „Nessun dorma“), die Choreographin Kate Flatt spielte, das Publikum buhte und warf Gegenstände auf die Bühne. Hätten die Besucher Alagnas Geschichte gekannt – er ließ 2006 an der Mailänder Scala schon einmal während der Vorstellung eine „Aida“ platzen –, wären sie wohl keine so hohe Wette auf seine Stimme eingegangen: bis zu 900 Pfund Sterling für zwei Karten inklusive Abendessen. Was für ein Batzen! In Hartgeld fast ein reiner Goldberg.