Herr Spindler, was haben die Patientinnen, die zu Ihnen kommen, schon hinter sich? Häufig eine lange Zeit des Leidens. Am Anfang sind sie mit ihrer Identität im Zweifel. Dann, meist schon in der Pubertät, finden sie sich in einem anderen Geschlecht, können das aber am Anfang nicht nach außen transportieren. Die meisten Patientinnen haben bereits ein Outing hinter sich, leben schon seit einiger Zeit in ihrem neuen Geschlecht und haben eine Psychotherapie hinter sich. Das sieht auch der Gesetzgeber in seinen Regularien für die Bewilligung einer solchen Operation vor. Bewilligung bedeutet in diesem Fall die Übernahme durch die Krankenkasse? Ja. All diese Schritte haben die Patientinnen bereits durchlaufen. Sie haben sich im Umfeld geoutet, sie leben im empfundenen Geschlecht und befinden sich in hormoneller Behandlung. Der Psychotherapeut stellt die Indikation und prüft, ob eine Operation sinnvoll ist. Ich als plastischer Chirurg werde erst ganz am Schluss hinzugezogen. Wie alt sind ihre Patientinnen in der Regel? Die meisten Patientinnen sind eher jung, also Anfang 20. Und dann gibt es einen zweiten Peak mit Ende 40, Anfang 50, die vielleicht ein Familienleben hinter sich haben und sich dann doch noch outen. Aber die meisten leben schon in der Pubertät im anderen Geschlecht, tragen das nach außen und bekommen eine Hormontherapie. Da erkennt man oft schon, das ist eine Frau, die hier hereinkommt, und kein Mann mehr. Wie geht es den Patientinnen, wenn sie sich auf eine OP vorbereiten? Viele kommen mit Familie oder mit Partnern zur Vorbesprechung. Manche haben sich im Internet schon eingelesen und wissen genau, was auf sie zukommt. Andere kommen zum Erstgespräch. Denen erkläre ich, was sie erwartet, wie die Operation verläuft, wie lange sie dauert und wie lang der stationäre Aufenthalt dauert. Und welche Gefahren solch ein Eingriff nach sich ziehen kann. Sie bekommen einen Aufklärungsbogen, der auch Skizzen enthält. Manchen ist das dann erst einmal ein bisschen viel. Dann machen wir einen weiteren Termin aus, um uns noch einmal auszutauschen. Was umfassen diese Eingriffe genau? Das Erste, was die meisten Patientinnen wollen, ist die Entfernung des Penis und der Aufbau einer Neoklitoris und einer Neovagina. Dieser erste Operationsschritt umfasst meist das Entfernen der Hoden und der Schwellkörper. Dann wird aus der Haut des Penis – und manchmal noch mit etwas Haut aus dem Bein – die Auskleidung für die Neovagina gebildet. Aus der ehemaligen Eichel, die mit allen Nerven und allen Gefäßen abpräpariert wird, wird die neue Klitoris geformt. Sobald die Patientin aus der Narkose aufwacht, hat sie dort schon Gefühl. Wer nach dieser Beschreibung immer noch sagt, das will ich, der will es wirklich. Ich lege sehr viel Wert auf eine sehr ausführliche Aufklärung. Dann gehen die Patientinnen sicherer in die etwa dreieinhalb- bis vierstündige Operation. Wie sieht denn die Nachsorge aus? Wir setzen bei der Operation einen Platzhalter ein, sodass die Neovagina für die erste Zeit offen bleibt. Während des stationären Aufenthalts machen wir regelmäßig Verbandswechsel mit den Patientinnen, auch auf dem gynäkologischen Stuhl. Die Patientinnen kommen danach noch in meine Sprechstunde zur Nachsorge. Nach drei Monaten führen wir noch eine Zweitoperation durch, dann werden die Schamlippen mit etwas Fettgewebe aufgepolstert, und kleinere Korrekturen können durchgeführt werden. Das ist zur Vervollständigung des Bildes. Das sieht dann, wenn es abgeheilt ist, ganz normal aus. Wie riskant ist diese OP? Es gibt die normalen, allgemeinen Risiken, etwa Wundheilungsstörungen oder Nachblutungen. Das Hauptrisiko ist, den neuen Kanal entlang von Nachbarorganen zu präparieren, ohne etwas zu verletzen. Da sind links und rechts Strukturen, die man respektieren muss, da sind Muskelgruppen und Gefäße. Hier in unserem Krankenhaus haben wir aber mit unserer Intensivstation eine gute Möglichkeit, Patienten bei Komplikationen adäquat zu betreuen. Gehört auch ein Brustaufbau dazu? Das ist ganz unterschiedlich, weil die Patientinnen auch unterschiedlich auf die Hormontherapie reagieren. Einige haben schon eine gut ausgebildete Brust, bei anderen hat das Hormon den Aufbau noch nicht so verstärkt, wie man sich das vorstellen würde. Hier können wir die Brust mit Implantaten vergrößern. Bei manchen kommt auch eine Feminisierung im Gesicht dazu, eine Verkleinerung des Adamsapfels, oder eine Anpassung der Stirn oder der Nase. Und das ist keine ästhetische Chirurgie, das ist Rekonstruktionschirurgie. Wie fühlen sich die Patientinnen nach der Operation? Erleichtert? Ja. Sie fühlen sich erleichtert, weil der Schritt gemacht ist und das, was nicht zu ihnen gehört und nicht passt, nicht mehr vorhanden ist. Das ist oft das Ende einer Leidensgeschichte und der letzte Schritt, um sagen zu können, jetzt fühle ich mich in meinem Körper richtig zu Hause. Wie lange bieten Sie denn diese Operation schon an? In Bad Soden habe ich letztes Jahr damit begonnen. Vor drei Jahren habe ich die Leitung der Klinik übernommen. In den ersten Jahren standen zunächst das Einfinden in die Strukturen sowie die Organisation der Klinik im Vordergrund. Davor war ich an der Uniklinik Leipzig und habe dort das Angebot für geschlechtsangleichende Operationen mit meinem Chef zusammen aufgebaut. Ich habe das gerne gemacht und möchte das auch hier anbieten. Transgeschlechtlichkeit wird gegenwärtig sehr stark politisiert, etwa in der amerikanischen Rechten, oder als Modediagnose abgetan. Wir sehen einen deutlichen Anstieg der Patientenzahlen, weil wir offener mit der Situation umgehen und die Patientinnen zu ihrem Geschlecht stehen können. Anders als in Amerika ist die Gesellschaft hier sehr viel offener für jemanden, der sagt, ich bin im falschen Körper geboren. Und es gibt nicht nur Transmann oder Transfrau, sondern auch viele Zwischenformen, zu denen man sich zugehörig fühlen kann. Die meisten Patientinnen, die ich sehe, sagen aber ganz eindeutig: Ich bin eine Frau. Die meisten leben in einer Partnerschaft und werden darin auch begleitet. Haben Sie jemals erlebt, dass jemand die OP bereut hat? Ich persönlich noch nicht. Es gab einen Fall, der wollte sich wieder umoperieren lassen, aber das ist wohl ein Einzelfall. Geschlechtsangleichung ist keine Modeerscheinung, die Patientinnen gehen einen langen Weg und leben das auch, die meisten schon seit ihrer Pubertät. Am 11. Februar bieten Sie in der Klinik Bad Soden ein Patientenforum zum Thema geschlechtsangleichende Operationen an. Wen wollen Sie damit erreichen? Zunächst möchten wir sichtbar machen, dass wir dieses Leistungsspektrum anbieten, da es in Deutschland nur wenige spezialisierte Kliniken in diesem Bereich gibt. Viele Patientinnen holen sich auch Zweitmeinungen ein. Bisher bieten Sie nur Operationen für Transfrauen an. Warum nicht auch für Transmänner? Das habe ich in meiner Zeit in Leipzig auch gelernt. Allerdings liegt meine Stärke in der Umwandlung von Mann zu Frau, weshalb ich mich darauf fokussiert habe. Ich biete inzwischen auch Spezialsprechstunden für die Frauen an, damit sie hier in einer geschützten Umgebung sind. Meine Kollegen assistieren mir, lernen die Schritte und werden entsprechend geschult, wenn sie das möchten. Zur üblichen Ausbildung eines Mediziners gehört der Eingriff nicht. Haben Sie schon Anfeindungen bekommen? Nein, nie. Im Gegenteil, wir haben das Angebot auf die Homepage gestellt, und sofort kamen die ersten Anfragen.
