FAZ 13.02.2026
17:39 Uhr

Operation „Iceworm“: Warum Washingtons Atompläne in Grönland scheiterten


4000 Kilometer Tunnel unter dem Eis und Atomwaffen: In den 1960er Jahren hatten die USA große Pläne in Grönland. An Dänemark scheiterten sie nicht.

Operation „Iceworm“: Warum Washingtons Atompläne in Grönland scheiterten

Der amerikanische Präsident Donald Trump wollte die Arktis-Insel Grönland haben, doch die bleibt erst einmal bei Dänemark. Allerdings steht der nächste Streit zwischen Dänemark und den Vereinigten Staaten um die größte Insel der Welt schon ins Haus. Dieses Mal wird es aber nicht um die Zukunft gehen, sondern um die Vergangenheit. Um die Hinterlassenschaften eines riesenhaften Projekts und die Frage, wer diese beseitigen muss. 1951 verabschiedeten die NATO-Partner Vereinigte Staaten und Dänemark ein Abkommen, das es den USA erlaubte, Stützpunkte auf Grönland einzurichten. In der Folge wurden drei Luftwaffenstützpunkte eröffnet. Der nördlichste war die Thule Air Base, die auch heute noch unter dem Namen Pituffik Space Base in Betrieb ist. 1959 begannen dann rund 240 Kilometer westlich von Thule die Arbeiten für einen weiteren Stützpunkt: Camp Century. Diese fanden unter extremen Bedingungen statt. Krankenhaus unter dem Eis Die Temperaturen sanken nachts auf bis zu minus 50 Grad Celsius, der Wind konnte den Schnee mit Geschwindigkeiten von bis zu 200 Kilometern in der Stunde über das Eisplateau treiben. Sämtliches Baumaterial musste über das Eis hinweg dorthin gebracht werden. Die Konvois aus Schneefahrzeugen und Anhängern brauchten dafür rund siebzig Stunden von Thule aus. Dennoch gingen die Ingenieure der amerikanischen Armee ans Werk. Mit riesigen Schneefräsen sägten sie Tunnel ins Eis. Darüber wurden runde Halbprofile aus Metall gelegt und diese wiederum mit Schnee und Eis bedeckt. So entstanden mitten im Gletscher 26 Tunnel mit einer Länge von rund drei Kilometern. In den Tunneln errichteten die Männer Fertigteilhäuser. Jene, die als Unterkünfte dienten, waren mehr als dreißig Meter lang und bestanden aus einem Gemeinschaftsraum sowie fünf weiteren Stuben. Sie standen auf Holzfundamenten, um direkten Kontakt mit dem Eis und damit das Schmelzen zu vermeiden. Neben den Unterkünften entstanden unter anderem ein Krankenhaus, ein Friseurladen, eine Apotheke, eine Wäscherei und eine Kapelle. Trotz dieser Annehmlichkeiten war das Leben unter dem Eis anspruchsvoll. Es gab kein Tageslicht, keine Windbewegung, keine Geräusche wie Blätterrauschen oder Vogelgezwitscher. Zur Ablenkung stand den rund 200 Mann, die dort lebten und arbeiteten, eine Bibliothek zur Verfügung. Einmal in der Woche wurde im Kino ein Film gezeigt. Im Oktober 1960 wurde Camp Century, zumindest was die Energieversorgung anging, unabhängig von der Außenwelt. Erstmals wurde ein teilmobiler Atomreaktor in Betrieb genommen. Er hatte einer Leistung von zwei Megawatt und hätte ausgereicht, 500 Haushalte in den Vereinigten Staaten mit Strom zu versorgen. Strom vom Atomreaktor Das alles lief vor den Augen der Öffentlichkeit ab. Die Armee drehte einen Film über das ganze Unterfangen und lud Journalisten ein. Camp Century sollte der ganzen Welt und besonders der Sowjetunion die amerikanische Überlegenheit auf technischem Gebiet vor Augen führen, sollte zeigen, wozu amerikanische Ingenieure in der Lage waren, wenn sie sich ein Ziel gesetzt hatten und mit Entschlossenheit und Erfindungsreichtum ans Werk gingen. Doch nach geheimen Plänen, die erst Jahrzehnte später ans Licht kamen, sollte das nur der Anfang eines viel größeren Projekts sein, das den Namen „Iceworm“ trug. Die Armee plante, weitere 4000 Kilometer Tunnel, verbunden durch ein Schienensystem, unter dem arktischen Eis zu errichten. Zweck sollte die Stationierung atomarer Interkontinentalraketen sein. Den Plänen zufolge sollten neben den Tunneln 60 Kontrollzentren und mehr als 2000 Raketensilos entstehen, um rund 600 Raketen aufzunehmen. Washington war durchaus klar, dass es Probleme mit den Dänen hätte geben können. So wandte sich der amerikanische Botschafter in Kopenhagen 1958 mit der Frage an den dänischen Ministerpräsidenten Hansen, ob man über die mögliche Stationierung von Atomwaffen auf Grönland sprechen könne. Die Antwort: Da der Botschafter kein konkretes Vorhaben vorgebracht habe, sehe er nicht die Notwendigkeit, dazu einen Kommentar abzugeben. Die Amerikaner verstanden diese Nichtantwort so, wie sie vermutlich auch gemeint war: als Zustimmung, solange man die Dänen damit in Ruhe ließe. Dass aus Project Iceworm nichts wurde, lag vor allem an der Natur. Die Erbauer hatten nicht in Betracht gezogen, dass das Gletschereis in steter Bewegung ist. Die Tunnelwände mussten wegen eindringenden Schnees und Eises stetig nachgefräst werden, und die Decke senkte sich unter dem Gewicht des Neuschnees. 1964 wurde es so unsicher, dass der Atomreaktor abgeschaltet, ausgebaut und zurück in die Vereinigten Staaten gebracht wurde. Camp Century wurde zu einem reinen Sommerstützpunkt. Nur zwei Jahre später wurde der Stützpunkt endgültig geräumt. Mittlerweile hat das Eis Camp Century verschlungen. Laut Untersuchungen liegt es heute rund 30 Meter unter der Oberfläche. Zu sehen ist dort nichts mehr. Problematisch ist das, was unter der Oberfläche liegt. Die Amerikaner haben beim Abzug alles, was noch da war – Abfälle, die gesamte Ausrüstung, rund 200.000 Liter Dieselkraftstoff, giftige Schadstoffe und Zehntausende Liter Abwasser, einiges davon schwach radioaktiv –, am Ort gelassen. Damals ging man davon aus, dass es im ewigen Eis gut aufgehoben sei. Aufgrund des Klimawandels und der zunehmenden Eisschmelze könnten diese Dinge jedoch noch in diesem Jahrhundert wieder ans Licht kommen. Die Debatte, wer dies dann beseitigen soll, hat schon begonnen.