Die Landesverwaltung von Schleswig-Holstein will in Zukunft auf ihren Computern keine Microsoft-Programme mehr benutzen, sondern Open-Source-Lösungen, also Programme, die mit offenem Quellcode entwickelt wurden. So will sich das Land unabhängig machen von amerikanischen Konzernen und dem Einfluss ihrer Regierung. Die Sorge lautet, dass Donald Trump die extreme Abhängigkeit der Deutschen von amerikanischen Firmen nutzen könnte, um seine Interessen durchzusetzen – von einer Ausspähung bis hin zur Abschaltung der Zugänge. Außerdem will das hoch verschuldete Bundesland weniger Geld für Lizenzgebühren ausgeben. Unterlagen mussten wieder gefaxt werden Die Umstellung läuft seit dem vergangenen Jahr, und schon im September gab es einen Brandbrief der schleswig-holsteinischen Generalstaatsanwaltschaft und des Gerichtspräsidenten des Landes. Die Umstellung komme zur Unzeit, hieß es dort. Sie sei eine erhebliche Belastung, nicht haltbar, ja „gefährdend“ für die Arbeit der Staatsanwaltschaften. Richter erzählten, sie könnten ihre E-Mails nicht öffnen, darunter Haftanträge von der Polizei. Das sei rechtsstaatsgefährdend. Unterlagen mussten wieder gefaxt werden. Vielfach kamen E-Mails in der Verwaltung nicht an oder wurden falsch zugestellt. Der zuständige Digitalisierungsminister Dirk Schrödter von der CDU geriet unter Druck. Aber Schrödter beruhigt. Die Probleme seien schnell behoben worden, sagt er. Ein halbes Jahr nach der Umstellung habe es rund zwei Wochen lang unerwartete Probleme gegeben. Schuld sei eine Fehlkonfiguration in den Rechenzentren gewesen. Mittlerweile sei die E-Mail-Infrastruktur mit 44.000 Postfächern der Landesverwaltung vollständig umgestellt worden auf Open Source. Schrödter sagt, das sei weltweit einzigartig, dafür gebe es keine Blaupause: „Wir machen das, um digital souverän zu werden.“ Die Souveränität eines Staats hänge nicht nur ab von militärischer Stärke, sondern auch davon, ob ein Staat seine digitale Infrastruktur verstehen und steuern könne. Oder ob er der monopolistischen Preisgestaltung einiger Digitalkonzerne ausgeliefert sei. Es geht Schrödter darum, den Staat aus seiner digitalen Abhängigkeit zu befreien. Open Source ist nicht kostenfrei, es werden Firmen für Support und Service bezahlt. Das Land spart aber die exorbitant steigenden Lizenzgebühren. Im vergangenen Jahr hat Schleswig-Holstein vermieden, 28.000 neue Microsoft-Lizenzen zu erwerben, und so rund 15 Millionen Euro gespart. In die Umstellung auf Open Source und die Migration der Konten sind einmalig neun Millionen Euro geflossen. Die E-Mail-Postfächer der Mitarbeiter der Landesverwaltung zogen von Microsoft zu Open Xchange um. Betroffen waren 141 Millionen Kalendereinträge und E-Mails. Mittlerweile haben 80 Prozent der Arbeitscomputer keine Office-Programme wie Word mehr. Nur die Steuerabteilung braucht es noch, weil sie mit anderen Bundesländern zusammenarbeitet. Viele andere benutzen jetzt LibreOffice. Rund die Hälfte der Mitarbeiter verzichtet schon auf Microsofts Zusammenarbeitsplattform Sharepoint und nutzt stattdessen die Open-Source-Plattform Nextcloud. Gerade wird eine Open-Source-Software zum Telefonieren entwickelt. Und in den nächsten Jahren sollen auch die Betriebssysteme von Microsoft auf Linux umgestellt werden. Mitarbeiter klagen über fehlende Funktionen Für Standard-Büroaufgaben gebe es schon genug Software von Open-Source-Anbietern, sagt Schrödter. Für einige Fachverfahren aber noch nicht. Da wird an Lösungen gearbeitet, etwa beim Einladungsmanagement des Protokolls. In einigen Fällen wird eine Zeit lang mit beiden Systemen gearbeitet. Aber der Minister ist trotzdem zufrieden. „Die Lösungen, die wir einsetzen, funktionieren hervorragend. Open Source funktioniert so gut wie kommerzielle Software“, sagt er. Es gibt Funktionen, an denen noch programmiert wird. Etwa das Übernehmen von Inhalten in das E-Akten-System per Drag and Drop aus der Weboberfläche. Schrödter sagt, die Funktion gebe es mittels einer anderen Software, aber man wolle es komfortabler gestalten. Andere sind weniger zufrieden. Mitarbeiter klagen über fehlende Funktionen. Oder dass seit der Umstellung mehr Arbeitsschritte nötig sind als vorher. Manche finden die Open-Source-Systeme nicht so gut wie die kommerziellen. Wichtigstes Werkzeug der Verwaltung ist in vielen Bereichen das E-Mail-Programm. Viele Mitarbeiter haben geteilte E-Mail-Konten. Sie teilen sich also die Aufgaben und markieren bestimmte Vorgänge. Das funktioniert laut einem Mitarbeiter nicht mehr so gut wie früher. Die Opposition unterstützt die Umstellung trotzdem. Nur für die praktische Umsetzung wird der Minister scharf kritisiert. Er habe sein „Prestigeprojekt mit ziemlicher Gewalt durchgedrückt“, sagt der digitalpolitische Sprecher der SPD, Kianusch Stender. Dadurch empfänden viele Beschäftigte Open Source heute als Belastung. Am Anfang seien vertrauliche Daten falsch zugestellt worden, Mitarbeiter konnten nicht erreicht, Strafbefehle nur mit großer Verzögerung zugestellt werden. „Eine so große Umstellung muss langsamer erfolgen“, sagt Stender. Es hätte mehr Schulungen und mehr Rücksprache mit den Betroffenen geben müssen. Stattdessen seien die Mitarbeiter mit ihren Problemen alleingelassen worden. Aus diesen Fehlern sollten andere Bundesländer lernen, die auch umstellen wollten, sagt Stender. Das Experiment in Schleswig-Holstein wird bundesweit beobachtet Bei der FDP reden sie genauso. Man dürfe eine Idee nicht so umsetzen, dass man die Beschäftigten verprelle, sagt der Sprecher für Wirtschaft und Digitalisierung der FDP-Fraktion, Bernd Buchholz. Der Minister habe die Systeme „Knall auf Fall“ umgestellt. Bis heute gebe es bei den Open-Source-Produkten nicht alle erforderlichen Funktionen. Bei Amtsgerichten gebe es deswegen 20 Prozent mehr Arbeitsaufwand. „Bei Massenverfahren ist das eine Katastrophe.“ Mit der anstehenden Umstellung der Betriebssysteme von Windows auf Linux drohe ein weiteres „Desaster“, sagt Buchholz. Schrödter, der in Schleswig-Holstein auch die Staatskanzlei leitet, beeindruckt das nicht. Er rät anderen Bundesländern zur Umstellung und will seine Erfahrungen teilen. Das Experiment in Schleswig-Holstein wird bundesweit beobachtet. Auch Berlin hat gerade eine Open-Source-Strategie beschlossen. Wirklich umgestellt hat aber bisher nur Schleswig-Holstein, was auch an den gemischten Erfahrungen dort liegt. Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) zum Beispiel beschreibt den Schritt der Nachbarn als „mutig“. Es sei richtig, stärker auf die Unabhängigkeit von amerikanischen Anbietern zu setzen. Bisher gebe es in Hamburg aber keine Überlegungen, die Landesverwaltung auf Open-Source-Software umzustellen. Grote hält die weltpolitische Lage für unvorhersehbar. Es könne sein, „dass wir in einem Jahr ganz anders darüber sprechen“. Auch in Hamburg hat sich schon manches geändert, etwa beim technischen Einkauf. Beispielsweise nutzt Hamburg nicht die Software Palantir. Diese ermöglicht das rasche Durchforsten riesiger Datenmengen mittels KI und erleichtert so die Ermittlungsarbeit erheblich. Sie wird von vielen Polizeien und Militärs genutzt. Grote aber stören die engen Verflechtungen von Palantir mit der amerikanischen Regierung. So entstünden Risiken und Abhängigkeiten. Die Amerikaner könnten die technische Unterstützung verweigern oder Daten ausleiten. „Niemand hat eine Illusion darüber, dass die US-Administration jedes Mittel einsetzen wird, um ihre Interessen durchzusetzen“, sagt Grote. Auch Dänemark will digitale Souveränität stärken Darüber macht sich auch Dänemark große Sorgen. Das Königreich will Donald Trump davon abbringen, sich Grönland einzuverleiben, zum Beispiel durch eine militärische Invasion. Die Sorge ist auch, dass Trump die extreme Abhängigkeit Dänemarks von amerikanischen Computerkonzernen nutzen könnte, um Dänemark zu erpressen. Das Königreich ist viel stärker digitalisiert als Deutschland, alle möglichen öffentlichen und privaten Leistungen werden über Handy-Apps abgerufen, von Arztunterlagen bis hin zum Führerschein. Ohne amerikanische Konzerne gehen in Dänemark rasch die Lichter aus, so die Befürchtung. Mehrfach haben dänische Fachleute schon gewarnt, dass die USA dänische Computer auch abhören könnten. Schließlich stünden die Chefs der Techkonzerne Trump nahe. Die dänische Regierung hat rund zehn Millionen Euro bereitgestellt, um die digitale Souveränität Dänemarks zu stärken. Ziel ist, einen Aktionsplan für die nationale digitale Souveränität sowohl für die kurze als auch für die lange Frist zu formulieren. „Wir gehen davon aus, dass bis Ende 2026 relevante politische Empfehlungen und Vorschläge für den Plan vorgelegt werden“, sagt ein Sprecher des dänischen Digitalisierungsministeriums. Wie genau der Plan aussehen soll, ist aber unklar. Es gibt keine Entscheidung, sich von Microsoft und Windows zu verabschieden. Nur im Rahmen eines kleinen Pilotprojekts wird getestet, wie andere Programme funktionieren. Dabei nutzen einige Ministeriumsmitarbeiter die Open-Source-Plattform Collabora, die auf LibreOffice basiert, anstelle von Microsoft. Schleswig-Holsteins Digitalisierungsminister Schrödter war zuletzt öfter in Dänemark, um über seine Erfahrungen zu berichten. Es sei selten, dass Deutschland Vorbild für Dänemark bei der Digitalisierung sei, sagt er lachend. Aber auch in Deutschland erregt sein Bundesland viel Interesse. An dem Tag, als bekannt wurde, dass Schleswig-Holstein 44.000 E-Mail-Postfächer in ein Open-Source-Programm übertragen hat, meldeten sich mehrere Dax-Konzerne bei ihm, um zu fragen, wie das geklappt hat.
