Die deutsche Wirtschaft tritt auf der Stelle. Doch nicht alle Branchen hierzulande stecken in einer Wachstumskrise. Der Onlinehandel konnte im vergangenen Jahr real um 3,9 Prozent auf 92,3 Milliarden Euro zulegen, das hat der Handelsverband Deutschland (HDE) zusammen mit dem Kölner Handelsinstitut IFH am Mittwoch mitgeteilt. „Die Branche hat es angesichts der schlechten Konsumstimmung nicht leicht, behauptet sich aber als Wachstumstreiber für den gesamten Einzelhandel“, äußert sich Stephan Tromp, stellvertretender HDE-Hauptgeschäftsführer. Was der Verband betont: Die Zahl der Onlinekäuferinnen und -käufer kletterte über alle Altersgruppen um 1,2 Prozent nach oben. In der Gruppe der über Fünfundfünfzigjährigen betrug das Plus sogar 3,1 Prozent. Champagnerlaune kommt bei Digitalfachmann und Investor Philipp Klöckner aber nicht auf. „Es ist erst mal positiv, dass der Onlinehandel schneller wächst als die Gesamtwirtschaft“, sagt der ehemalige Marketingchef der Preisvergleichsplattform idealo.de. Die bittere Wahrheit aus seiner Sicht: „Vom Wachstum profitieren vor allem ausländische Shops.“ HDE: „Da muss von der Politik noch deutlich mehr kommen“ Amazon behauptet mit deutlichem Abstand zur Konkurrenz seine Spitzenposition und kommt auf einen Marktanteil in Deutschland von sagenhaften 63,3 Prozent. Insgesamt steigerte der Onlinehandel seinen Anteil am gesamten Einzelhandel geringfügig auf 13,5 Prozent. Klöckner schätzt das Potential langfristig auf 20 bis 30 Prozent. Die Frage sei allerdings, ob die deutschen Unternehmen davon profitieren können: „Ich fürchte, dass auch in Zukunft vor allem die großen ausländischen Shops zulegen werden.“ Er sorgt sich fernab von Amazon und den Onlinemarktplätzen um den Rest der Branche, dessen Marktanteil laut HDE um 0,8 Prozentpunkte auf 25,9 Prozent gefallen ist. Ähnlich wie dem HDE bereiten ihm die gestiegenen Marktanteile von umstrittenen Billigshops mit chinesischem Ursprung Bauchschmerzen. Der Verband beziffert den Marktanteil von Temu und Shein auf fünf Prozent. Gegen beide Onlinemarktplätze laufen Verfahren der EU. Erst vergangene Woche verhängte die Europäische Kommission gegen Temu eine Geldbuße von 200 Millionen Euro – unter anderem weil das Unternehmen nicht konsequent genug gegen illegale Produkte vorgehe. „Da muss von der Politik noch deutlich mehr kommen. Es braucht konsequente und spürbare Strafen. Aber eben auch klar kontrollierbare Regelungen, damit jeder Beteiligte davon ausgehen muss, dass er auch erwischt wird“, fordert der stellvertretende HDE-Chef Tromp. Klöckner entgegnet: „Den fairen Wettbewerb in Deutschland untergräbt vor allem Amazon durch seine unglaubliche Handelsmacht.“ Kein Händler könne ehrlich behaupten, dass er ohne Amazon noch überleben kann. Der Unterschied zu den asiatischen Shops sei, dass sich die Branche mit den unfairen Vorteilen des US-Giganten abgefunden habe. Die außergewöhnliche Wachstumsgeschichte von Amazon könnte noch weitergehen. Die beste Zeit der chinesischen Shops hingegen ist aus seiner Sicht vorbei: „Temu und Shein haben ihren Zenit überschritten.“ Er begründet das unter anderem mit gesunkenen Google-Suchanfragen. Auf F.A.Z-Nachfrage teilt der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland (BEVH) zur Entwicklung von Shein und Temu mit: „Von Januar bis Ende März zeigt sich ein Knick, der statistisch aber noch kein eindeutiger Kipppunkt ist.“ Neue Daten kommen Anfang Juli, dann zeige sich, ob das ein Trend wird, erklärte ein Sprecher. Ähnlich wie Klöckner glaubt der Verband: „Auch mit extrem billigen Preisen ist das Ramschladenkonzept irgendwann ausgereizt.“ Kein Vorbeikommen an Temu? Dörte Kaschdailis widerspricht. Die Gründerin der Digitalberatung Opexxia sieht das möglicherweise geringere Wachstum der Chinesen als Normalisierung – und nicht als Schwäche. „Wenn ein Shop wie Temu erst 2023 in Deutschland startet, wollen fast alle ihn mal ausprobieren“, sagt sie. Anders als der BEVH geht sie nicht davon aus, dass das „Ramschladenkonzept“ in naher Zukunft ein Auslaufmodell sein wird. Ganz im Gegenteil: „Temu könnte ein Onlinemarktplatz werden, an dem kein deutscher Händler vorbeikommt.“ Klöckner hingegen meint: „Spätestens wenn die Produkte zu Hause angekommen sind, setzt oft die Enttäuschung ein, weil die Qualität als nicht besonders gut empfunden wird.“ Zwar gibt es aus seiner Sicht eine gewisse Klientel, die das nicht stört. Aber: „Einen Zugewinn von Marktanteilen halte ich mittelfristig für unrealistisch, zumindest solange die Vorwürfe rund um Produktfälschungen und mangelnde Produktsicherheit bestehen.“ So schnell werden die asiatischen Shops nicht mehr verschwinden, darin sind sich Branchenkenner zumindest einig.
