Vor vier Jahren in Peking erlebte der Nordische Kombinierer Vinzenz Geiger einen spektakulären Olympia-Moment und mit ihm seine ganze Sportart. Nach dem Springen war Geiger Elfter, sein Rückstand auf die Spitze war enorm: 1:26 Minuten. Es folgte der Ausflug in die Loipe, zehn Kilometer, und dort machte Geiger sein Meisterstück auf Skiern. „Ich hatte gedacht, das hier sind Olympische Spiele, jetzt riskierst du alles, egal, ob du dann einbrichst. Aber ich spürte schnell, dass ich nicht eingehen würde im Langlauf“, sagt Geiger im Gespräch mit der F.A.Z. „Das war wirklich krass“ Nun sind wieder Olympische Spiele, für die Kombinierer beginnen sie am Mittwoch (10.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Olympia 2026, in der ARD und bei Eurosport) mit dem Wettkampf von der Normalschanze in Predazzo und einem 10-Kilometer-Langlauf im nahegelegenen Tesero. Am Montag war das erste Training mit drei Sprüngen angesetzt, Geiger belegte im finalen Durchgang Rang sechs und war insgesamt zufrieden: „Das ist richtig cool hier, der erste Eindruck ist sehr positiv.“ Das gelte auch für die Langlaufstrecke: „Ich kenne diese Loipen bereits, ich freue mich sehr darauf. Ich bin bereit.“ Bei den Spielen 2022 war Geigers Schlussspurt einen Hügel hinauf aus deutscher Sicht einer der prägenden olympischen Momente von Peking. Geiger sprang förmlich mit einer irren Geschwindigkeit nach oben und an allen vorbei: „Das war wirklich krass.“ Und obwohl dieses erst auf den letzten Metern entschiedene Rennen einen spektakulären Spannungsbogen bot, droht der klassischen Mischung aus den traditionellen Wintersportarten Skispringen und Langlaufen das Olympia-Aus. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) bemängelt, dass gegenwärtig nur wenige Nationen, konkret Norwegen, Deutschland und Österreich, die Sieger stellen. Das sei das Gegenteil von ausgewogen und abwechslungsreich. Tatsächlich gab es in der olympischen Geschichte dieser Sportart – sie ist seit der ersten Ausgabe der Winterspiele 1924 im Programm – auch Sieger aus Finnland, den USA und Frankreich. Doch aus diesen Regionen kommen derzeit keine Gold-Anwärter. Die Favoriten für die drei Wettkämpfe im italienischen Val di Fiemme kommen in der Tat aus Norwegen, Österreich und Deutschland. Diese Länder stellen alle Sieger der bisher 14 Weltcup-Konkurrenzen dieser Saison. Gleichwohl überraschte das IOC mit der Volte, nach 2022 auch 2026 keine Frauen für die Kombination zuzulassen, obwohl sie seit Jahren im Weltcup-Modus unterwegs sind. Nathalie Armbruster, die beste deutsche Athletin, klagte darüber bereits mehrmals öffentlich, allerdings verhallten ihre Anklagen stets, ohne dass sich etwas geändert hätte. Auch Geiger kann diesen Schritt nicht nachvollziehen. Das IOC fordert für 2030 allerdings eine Gleichstellung der Geschlechter, bisher ist die Kombination die einzige Sportart im olympischen Wintersport-Programm, bei der es keine Frauen-Wettbewerbe gibt. Es gebe allerdings eine klare Regelung, sagt Sandra Spitz, die Sport- und Eventdirektorin des Weltverbandes Fis: „Entweder die Kombiniererinnen kommen bei Olympia 2030 rein – oder die Nordische Kombination ist ganz draußen.“ Die Fis kämpfe vehement um den Erhalt dieser Sportart, sie hat das IOC mit allen denkbaren Fakten versorgt. Die Entscheidung fällt im Juni. Das IOC möchte noch die Wettkämpfe in Cortina abwarten. Sie schickt am Mittwoch für eine Evaluierung eigens eine Delegation zu den Wettkämpfen nach Predazzo und Tesero. Geiger gilt als meinungsstarker Vertreter seiner Sportart. Der Gedanke an ein mögliches Verschwinden der Kombination aus dem olympischen Programm „belastet und frustriert“ ihn: „Bei einem Olympia-Aus besteht die Gefahr, dass die gesamte Sportart verschwindet. Es wird weniger Förderung geben, Fernsehzeiten wären unsicher, woher soll dann der Nachwuchs kommen? Ich kann daher nur an das IOC appellieren, diese traditionelle Sportart nicht sterben zu lassen.“ Diese Gedanken flankierten die Vorbereitung des 28 Jahre alten Oberstdorfers auf seine dritten Olympischen Spiele. Bisher hatte er 2018 und 2022 jeweils eine Goldmedaille gewonnen, 2018 in Pyeongchang (Südkorea) gewann er mit dem Viererteam. Das wird es 2026 nicht mehr geben, dort bilden nur noch zwei Kombinierer eine Mannschaft, denn bereits jetzt hat das IOC die Kombinations-Konkurrenzen auf zwei Einzel mit nur noch 36 Startern und einen reduzierten Teamwettbewerb beschnitten. Österreich, Deutschland und Norwegen dürfen drei Teilnehmer stellen, vor vier Jahren waren es noch vier. Neben Geiger, 28 Jahre alt, sind für den DSV noch seine Oberstdorfer Kollegen Julian Schmid, 26 Jahre, und Johannes Rydzek, 34 Jahre, bei den Winterspielen dabei. Geigers Saisonstart verlief verhalten, nachdem er sich in der Vorbereitung beim Fußballspielen verletzt hatte, zwei Bänder am Mittelfußknochen waren angerissen. Er verpasste deshalb die ersten beiden Weltcup-Wettbewerbe des Winters. Beim Seefeld-Triple Ende Januar aber passte punktgenau wieder Vieles für ihn zusammen: Er gewann eines der drei Rennen und belegte insgesamt Rang drei. Am Montag sagte er: „Wenn ich gut springe, kann ich gewinnen. Egal, wer am Start steht.“
