Die Morgendämmerung hat die Nacht noch nicht besiegt. Vom wolkenlosen Himmel scheint der Mond. Es ist bitterkalt, minus 13 Grad. An der Baustelle der Talstation der neuen Gondelbahn, die von Apollonia im Süden von Cortina d’Ampezzo nach Socrepes führen soll, wird schon wieder gearbeitet. Oder noch immer? Unter gleißendem Flutlicht wird gehämmert, gesägt, gebohrt. Die zusätzliche Seilbahnbahnanlage vom Tal hinauf zum Alpinen Skizentrum Tofana werde rechtzeitig zum Beginn der Olympischen Winterspiele am 6. Februar in Dienst gestellt, sagen Organisatoren und Bauunternehmer in trotzigem Optimismus. Athleten und Angestellte würden mit der Gondelbahn statt mit Bussen zu ihrem Einsatzort gebracht, heißt es. Auch die Zuschauer sollen dann die ohnedies überlasteten schmalen Straßen zu den Wettkampfstätten nicht mit ihren Autos verstopfen, sondern die Seilbahn nehmen. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Und gegen geologische Widrigkeiten, denn der Untergrund ist porös und instabil. Gearbeitet wird fast rund um die Uhr, sofern es das Wetter zulässt. Immerhin, Niederschlag hat es in Cortina zuletzt kaum gegeben. Für die Bauarbeiten ist das günstig, vorausgesetzt, es wird nicht so klirrend kalt, dass man längere Zwangspausen einlegen muss. Für den Wintersport ist fehlender Schnee ein Problem. Ein lösbares freilich. Denn bei strengem Dauerfrost wie zuletzt kann man Kunstschnee produzieren, so viel wie die Wasserleitungen hergeben. Und die geben viel her. 98 Liter Wasser pro Sekunde werden derzeit aus dem Fluss Boite heraus- und zu den Beschneiungsanlagen hinaufgepumpt. Dezentrale Spiele Auf der Tofana haben die Pisten für die alpinen Wettbewerbe der Damen längst eine so dicke Kunstschneedecke, dass die Rennen auf jeden Fall bei guten Bedingungen stattfinden werden. Die Herren wetteifern im 300 Kilometer entfernten Bormio um alpine Medaillen. Auch dort hat es in diesem Winter wenig geschneit. Dafür hat das Aostatal, im äußersten Nordwesten Italiens gelegen, seit November tüchtig Schnee abbekommen. Nur finden dort bei den dezentral in ganz Norditalien ausgetragenen Spielen keine Wettbewerbe statt. Olympische Winterwetterkapriolen. In Cortina d’Ampezzo selbst gibt es dieser Tage jedenfalls keinen Schnee. Die selbst ernannte „Königin der Dolomiten“ liegt im breiten Talkessel des Boite auf gut 1220 Metern. Ringsum erheben sich, wie die Zacken der Krone, die Dreitausender – neben der Tofana der Monte Cristallo und der Pomagagnon, der Lagazuoi und der Sorapis, die Cinque Torri und die Croda da Lago. Wenige Wochen vor Beginn der Winterspiele herrscht gespannte Erwartung. An den vielen Baustellen in der Stadt und an den Zufahrtsstraßen wird so fieberhaft gearbeitet wie an der Seilbahnanlage Apollonia-Socrepes. Alle wollen fertig werden bis zur Eröffnung der Spiele. Aber bei Weitem nicht alle werden es schaffen. Es liegt aber auch eine festliche Atmosphäre über dem Städtchen von 5500 Einwohnern, namentlich über dem Corso Italia. Die Stadtverwaltung hat die Weihnachtsbeleuchtung über der noblen Einkaufsmeile einfach hängen lassen. Und die blitzt nun um die Wette mit der digitalen Uhr des offiziellen Zeitmessers der Spiele, die vor dem Campanile auf der Piazza Angelo Dibona die Tage, Stunden, Minuten und Sekunden bis zur Eröffnungsfeier herunterzählt. Cortina ist nur einer von einer ganzen Handvoll Austragungsorte der Wettbewerbe, die offiziell „Olympische Winterspiele Mailand Cortina 2026“ heißen. Neben Mailand sowie Bormio und Livigno in der Lombardei, Cortina in der Region Venetien sind zudem Antholz in Südtirol und Val di Fiemme im Trentino Gastgeber für verschiedene Disziplinen. Wenn nicht alles täuscht, dürfte keine Destination so sehr vom „Katalysatoreffekt“ der Olympischen Spiele profitieren wie Cortina. So war es auch 1956 gewesen, als Cortina d’Ampezzo schon einmal – und zwar allein – Austragungsort der Winterspiele war. Ein neuer Eiskanal Unmittelbar danach begann der Aufstieg Cortinas zur internationalen Jetset-Destination und bevorzugten Winter-Location Hollywoods. 1963 wurde hier „Der rosarote Panther“ mit David Niven und Peter Sellars gedreht. 1973 folgte „Die Rivalin“ mit Elizabeth Taylor und Henry Fonda. Als spektakulärer Höhepunkt dieser Epoche entstand im Winter 1980/81 der Thriller „In tödlicher Mission“ der James-Bond-Reihe. Darin fährt Roger Moore als 007 mit der Gondel zur Tofana hinauf und rast hernach, auf der Flucht vor wild ballernden Verfolgern, auf Skiern zu Tal – den letzten Kilometer durch den berühmten Eiskanal am Stadtrand von Cortina. Zu dieser ikonischen Verfolgungsjagd der Filmgeschichte gehört aber auch der tragische Unfall am letzten Drehtag in der Bobbahn: Moores 23 Jahre alter Stuntman Paolo Rigon geriet dabei unter einen Rennschlitten, auf dem eine der Kameras montiert war, und wurde tödlich verletzt. Die legendäre „Pista Olimpica Eugenio Monti“ für Bob- und Rennrodelwettbewerbe sollte auch zum zentralen Zankapfel der Winterspiele 2026 werden. Der alte Eiskanal, errichtet 1923, mehrfach umgebaut und modernisiert, zumal für die Olympischen Spiele von 1956 sowie für diverse Weltmeisterschaften in den Jahrzehnten danach, wurde 2008 geschlossen. In den Jahren danach zerfiel die Anlage. Nachdem Mailand und Cortina im Juni 2019 den Zuschlag für die Austragung der Winterspiele 2026 erhalten hatten, begann der Streit über Sinn und Zweck eines neuen Eiskanals in Cortina. Der würde viel Geld kosten, erhebliche Umweltbelastungen mit sich bringen und nach Abschluss der Wettbewerbe meist nutzlos herumstehen und weitere Millionen für Wartung verschlingen, sagten die zahlreichen Kritiker. Doch die Regierung in Rom bestand auf dem Neubau, gegen die ausdrückliche Empfehlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), dessen neue Vergaberichtlinien die Nutzung vorhandener Sportanlagen empfiehlt, wo immer dies möglich ist. In der Rekordzeit von 13 Monaten wurde dennoch ein neuer Eiskanal gebaut. Die Kosten schossen von ursprünglich veranschlagten knapp 42 auf rund 120 Millionen Euro in die Höhe. Doch rasch wurde das neue „Sliding Center“ für Bob, Rodel und Skeleton zum bevorzugten Eiskanal vieler internationaler Athleten. Die schätzen das Ambiente der harmonisch in einen Berghang eingefügten Anlage ebenso wie deren technische Ausgereiftheit. Heute sind die meisten Leute in Cortina und zumal die italienischen Sportfunktionäre stolz auf „ihren“ neuen Eiskanal. Die Anlage soll nach dem Willen der Betreiber zu einem Herzstück des internationalen Sliding-Sports werden, soll Sportlern aus aller Welt die besten Voraussetzungen für Trainings- und Wettkampffahrten bieten. Auch die Wohneinheiten des Olympischen Dorfes von Cortina für 1400 Sportler sollen eine nacholympische Zukunft haben – etwa als luxuriöse Bungalows auf Campingplätzen an der Adria. Es ist der Geist des neuen Eiskanals, beim Aufpolieren des verblassten Glanzes der „Königin der Dolomiten“ zu klotzen, statt zu kleckern, der sich an vielen Restaurierungs- und Neubauprojekten, auch an großen Infrastrukturmaßnahmen in und um Cortina ablesen lässt. Dass manches dann doch nicht rechtzeitig zu den Spielen abgeschlossen werden kann – etwa die umfassende Renovierung des historischen Cristallo-Hotels durch die Mandarin-Oriental-Gruppe –, muss den olympischen Impuls für Cortina nicht schwächen. Bis die Wettbewerber mit dem Cristallo sowie andere internationale Ketten mit ihren Angeboten bereit sind, besetzt vorerst das ebenfalls von Grund auf renovierte Hotel Ancora den Rang des ersten Hauses am Platze. Renzo Rosso, Gründer und Chef der Modegruppe OTB mit Marken wie Diesel, Jil Sander, Maison Margiela, Marni, Victor & Rolf und Amiri, hat nach eigenen Angaben 60 Millionen Euro in das 1826 eröffnete Haus direkt am Corso Italia investiert. Die Interieurs der 35 individuell eingerichteten Zimmer und Suiten, der Lobby und der Gastronomieräume hat die britische Designerin Vicky Charles gestaltet – in warmen Farben und üppigen Formen. Seit dem „soft opening“ vom Juni 2025 hat sich das Haus, dank seines Restaurants, seiner ganztägig geöffneten Bar und der famosen Terrasse mit Blick auf den Corso Italia und die Tofana, zum Treffpunkt im Herzen Cortinas entwickelt. Man spricht bevorzugt Englisch, und unter den Gästen ist eher Arabisch als Italienisch oder Deutsch zu hören. In allen Zimmern, in der Lobby und in der Bar hat Renzo Rosso großformatige Bildbände verteilen lassen, mehr als 500 sollen es im ganzen Haus sein. Zum gut 200 Quadratmeter großen Spa gehören eine Sauna, ein Dampfbad und ein Raum für Kryotherapie – der einzige in ganz Cortina, wie man versichert. Auch ein Technogym-Fitnessstudio und einen Raum „für Yoga und Atemtechniken“ gibt es. Über die Weihnachtsfeiertage war das Haus ausgebucht, heißt es, für die Zeit der Olympischen Spiele sei auch nichts mehr zu haben. Als die Olympischen Winterspiele 1956 zum ersten Mal nach Cortina kamen, entwickelte sich das Städtchen im Hochtal des Boite hernach zum Zentrum des alpinen Wintersports Italiens schlechthin. In Cortina trugen Sternchen der italienischen Unterhaltungsindustrie, der Geldadel aus Mailand, Turin und Rom sowie internationale Stars ihre Berühmtheit und ihren Wohlstand zur Schau. Nebenbei ging man Ski- oder auch Schlittschuhlaufen, anschließend Shoppen. 70 Jahre später schickt sich die „Königin der Dolomiten“ an, durch den Glanz der Spiele den zuletzt verblassten eigenen wiederzuerlangen. Ob ein Haus wie das Ancora Schule macht bei der Suche nach der Klientel für die künftige Destination Cortina? Nicht Gesehenwerden ist das Ziel, sondern Nichtgesehenwerden. In der Bar „The Brave“ im Untergeschoß des Ancora müssen Handys vor dem Eingang abgegeben werden, wo sie in einem wuchtigen Holzschrank verwahrt bleiben.
