Wer schon mal bei Eisglätte zu Fuß unterwegs war, weiß, wie schwer es mitunter fällt, sicher auf den Beinen zu bleiben. Ohne profiliertes Schuhwerk sind unfreiwillige Schlitterpartien programmiert. Aber wer noch weiß, welche Freude es als Kind machte, über glatt polierte Flächen zu schlittern, ahnt, wie spaßstörend sich allzu gutes Profil auswirken kann. Curling kann getrost als Spiel auf rutschigem Untergrund bezeichnet werden. Um erfolgreich zu sein, braucht er nicht nur ein gutes Auge und ein sicheres Händchen, sondern auch eine besondere Form der Beinfreiheit – die sich den üblichen Kriterien verweigert. Die Schuhe unterscheiden sich nicht nur in herkömmlichen Kategorien wie rechts und links – sondern auch in glatt und profiliert: es gibt Sliders und Grippers. „Im Endeffekt ist es kein Hexenwerk“ Auf dem einen Bein wird angerutscht beim Abspiel des Steins. Auf dem anderen sich abgestützt, wenn der Curl beim Wischen mit dem Besen beeinflusst wird. Wer rechts und links verwechselt, Slider und Gripper, liegt schnell auf der Nase. Was ein wahrer Könner ist, der überlässt nichts dem Zufall. Marc Muskatewitz, Skip der deutschen Nationalmannschaft, Europameister 2024, gehört zu der Kategorie Tüftler. Er kontrolliert gerne alle Variablen des Spiels. Vom Dreh des Steins über den Druck des Besens bis zur Beschaffenheit des Eises – und auch das Equipment. Seine Detailversessenheit führt so weit, dass der 28-Jährige, im Brotberuf Maschinenbau-Ingenieur, sogar seine Curling-Schuhe selbst herstellt. Zwar kann er keine Schuhmacherlehre vorweisen. Aber er verfügt über das nötige Fingerspitzengefühl. Sein Handwerkszeug gelernt hat er bei Benjamin Kapp, dem fünf Jahre jüngeren Ko-Skip seines Teams. Der wiederum übernahm das Wissen von seinem Vater. Andy Kapp war in den 1990er-Jahren selbst zweimal Europameister und nahm 2006 an Olympischen Spielen in Italien teil – seinerzeit in Turin als Skip des Teams Kapp, gemeinsam mit seinem Bruder Uli, der heute als Bundestrainer amtiert. „Für Curling-Schuhe gibt es keinen wirklichen Hersteller“, erklärt Muskatewitz, warum er selbst Hand anlegt. Klassische Anbieter von Curling-Equipment hätten zwar auch Schuhe im Sortiment. Doch seines Erachtens genügt das konventionelle Material nicht höchsten Ansprüchen. „Problem ist, dass die nicht so robust sind.“ Für Hobbyspieler ausreichend, aber nicht gemacht für Profis. „Bei uns sind die nach einer halben Saison kaputt.“ Daher Marke Eigenbau. Basismodell für die Muskatewitz-Treter sind klassische Tennisschuhe. „Weil Tennisschuhe für starke Belastungen hergestellt sind.“ Jeder, der sich schon mal mit Antritten und Stopps bei der Jagd nach Bällen auf Hartplätzen herumgetrieben hat, weiß: So ein Schuh muss einiges aushalten. „Im Endeffekt ist es kein Hexenwerk“, sagt Muskatewitz über seine Vorgehensweise. Für den Sliding-Schuh fixiert er eine zweiteilige Teflonplatte unter der Sohle. Für den Gripping-Schuh nutzt er Moosgummi als Haftgrund der Anti-Rutsch-Sole. Mitentscheidend sei das Verbindungsmaterial. „Es gibt einen speziellen Zwei-Komponenten-Kleber, der eine Schutzschicht über den Schuh zieht“, verrät Muskatewitz. So wenig Reibungswiderstand wie möglich ist das Ziel. Der Nachzieh-Schuh wird zudem mit einer robusten Kappe versehen, damit er sich nicht aufreibt. Bleibt noch die Frage, mit welchem Fuß gerutscht, mit welchem sich abgestützt wird. „Als Rechtshänder habe ich links Teflon drunter, weil ich mit dem linken Fuß vorausrutsche“, erklärt Muskatewitz: „Beim Linkshänder ist es der rechte Fuß, der rutscht.“ Gelerntes Verhalten, das von den Könnern aber schon mal aufgebrochen wird. In der Vorbereitungsphase „üben wir, verkehrt herum zu sliden“, erklärt Muskatewitz, „um das koordinative Niveau anzuheben.“ Vor dem Olympia-Turnier, das für das deutsche Team an diesem Mittwoch (19.05 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, in der ARD und bei Eurosport) mit dem Auftaktspiel gegen den Medaillenkandidaten Kanada beginnt, haben sich Muskatewitz und seine Mitspieler nicht mehr mit Varianten beschäftigt, sondern mit Routinen. Sie reisten nach der Eröffnungsfeier noch in ein Kurz-Trainingslager nach Kitzbühel, um sich auf die Spiele einzustimmen. Draw, Raise, Guard, Take-Out. Oder, um den Vergleich zum Tennis zu ziehen: „Vorhand, Rückhand, Longline, Cross.“ Wiederholungen festigen das körperliche Erinnern, um es in Drucksituationen abrufen zu können, egal in welcher Sportart. Immer den gleichen Ball, immer den gleichen Stein. Andersrum wird kein Schuh draus.
