Am Ruhetag vor ihrem letzten Gruppenspiel haben die deutschen Curler noch einmal Olympia-Atmosphäre aufgesogen. Sie schauten sich den Slalom der Alpin-Damen an, wollten die nach dem ersten Durchgang auf Silberkurs liegende Lena Dürr zum Medaillengewinn anfeuern. Doch nach dem ersten Tor im zweiten Lauf war Schluss. Eingefädelt. Dagegen war der Fehlschuss von Marc Muskatewitz im siebten End gegen die Tschechen am Vortag fast schon nicht mehr so schlimm. Die Deutschen führten 5:2, steuerten auf einen sicheren Sieg zu und hätten sich damit der Medaillenrunde angenähert. Doch dann vermasselte der deutsche Skip seinen Take-Out. Die Tschechen schrieben unerwartet drei Steine und waren wieder im Spiel. Im achten End konnten die Deutschen dann den „Hammer“ nicht nutzen, das Recht auf den letzten Stein. Auch dieser Schuss ging nach hinten los. Muskatewitz hatte seine Sicherheit verloren, agierte mit schwerem Arm statt locker aus dem Handgelenk. Am Ende gewannen die Tschechen 9:7 und die deutsche Hoffnung auf den Einzug ins Halbfinale war auf ein Minimum gesunken. Der Einzug ins Halbfinale wäre greifbar gewesen Zum Abschluss der Vorrunde besiegte das Team vom Curling Club Füssen dann immerhin noch die Chinesen 6:4 und beendete das Turnier nach vier Siegen und fünf Niederlagen auf Rang sieben, punktgleich hinter den USA und Italien. An der Spitze des Tableaus standen die ungeschlagenen Schweizer. Zudem erreichten die Kanadier (7:2 Siege) sowie die Norweger und die Schotten (je 5:4), die für Großbritannien antreten, die Medaillenrunde – ein Erfolg, der auch für die Deutschen machbar gewesen wäre. Das Fazit des jüngsten Teams im Turnier, das mit der Empfehlung des überraschenden Europameisterschaftstitels von 2024 angetreten war, fiel dennoch positiv aus. „Ich bin enorm stolz“, sagte Muskatewitz im Rückblick. Der 30-Jährige führte eine Gruppe sehr junger Spieler an, die sich erstaunlich schnell an den olympischen Trubel gewöhnt hatte. Benjamin Kapp und Johannes Scheuerl sind 23 Jahre alt, Felix Messenzehl 22. Auch Bundestrainer Uli Kapp, selbst dreimal Europameister in den 1990er Jahren und 2006 Olympia-Teilnehmer in Turin, zeigte sich insgesamt angetan. Kapp hatte seine Jungs, die sonst vor ein paar Dutzend Leuten im Allgäu Steine schieben, nicht nur technisch-taktisch auf das Turnier vorbereitet, sondern auch auf die Atmosphäre mit mehreren Tausend Zuschauern eingestimmt. „Kapp, Kapp, Kapp, Benny Kapp“ In der alten Eishockeyhalle von Cortina 1956, die für die Curling-Wettbewerbe 2026 umgerüstet wurde, aber ihren hölzernen Charme behalten hatte, konnten sich die Füssener stets der lautstarken Unterstützung aus ihrer Heimat erfreuen. „Kapp, Kapp, Kapp, Benny Kapp“, skandierten mit schwarz-rot-goldenen Perücken maskierte Allgäuer an Altweiberfastnacht im Duktus eines Karnevalsschlagers. Benny Kapp konnte sich während des Spiels auf dem Eis ein Grinsen nicht verkneifen – seiner Performance schadete die ungewohnte „Handball-Atmosphäre“ keineswegs: die Deutschen schlugen an diesem Tag Norwegen mit 5:4. Und auch gegen Gastgeber Italien gelang ihnen ein glanzvolles Spiel mit einem 6:5-Erfolg nach Extra End. Anschließend fühlte sich Muskatewitz „wie nach einem Rockkonzert“, wenn es in den Ohren noch pfeift, obwohl längst wieder Stille eingekehrt ist – und er musste erst mal einen nächtlichen Schneespaziergang einschieben. „Die deutschen Fans waren unglaublich“, bedankte sich Scheuerl für die Unterstützung: „Das ist für uns etwas extrem Besonderes, wir sind mega dankbar für alles.“ Und obwohl sie ausgeschieden sind, traten sie doch aus dem Schatten ans Licht, so Messenzehl, zumindest für ein paar olympische Tage: „Das werden wir alle nie vergessen.“
