Es ist Olympia, und trotzdem meint es der Wettergott in diesen Tagen nicht gut mit Mailand. In den Regenpausen liegt eine dicke Wolkenschicht über der Stadt, und die Temperaturen sind, zumindest für italienische Verhältnisse, empfindlich kalt. Doch nun brennt am Arco della Pace das olympische Feuer und wird jeden Abend um 18 Uhr und danach zu jeder vollen Stunde mit einer Sound- und Lichtshow spektakulär in Szene gesetzt. Grund genug für viele Mailänder, doch noch einmal die Schuhe anzuziehen. Wer es nicht zu einer Wettkampfveranstaltung schafft, kann so wenigstens etwas von der olympischen Stimmung kosten. Der Knoten öffnet sich wie eine mechanische Blüte Jeden Abend versammeln sich Tausende von Menschen vor dem Torbogen und bewundern den olympischen Feuerkessel, der von Leonardo da Vincis komplexen Knotenmustern inspiriert ist. Man sieht Ältere und Junge; Familien mit ungeduldig quengelnden Kindern; Regenschirmverkäufer, die ihr Glück versuchen; außerdem Touristen, und an diesem Abend ist auch eine Gruppe asiatischer Athleten dort, die sofort von Olympia-Fans belagert wird. Auf den Jacken der Wettkampfgänger sind Mosaike aus Olympia-Pins geheftet – die Pins mit den Insignien Milano-Cortinas sind ein begehrtes Sammlerobjekt. Um 18 Uhr verstummt die Menschenmenge. Alle Augenpaare und unzählige Handys sind auf den Feuerkessel gerichtet, der zwischen den Seitenpfeilern des Friedensbogens hängt. Er wurde zu Ehren Napoleons erbaut, nachdem er die verhassten Habsburger aus Mailand vertrieben hatte. Im Hintergrund, am Ende des Sempione Parks, liegt angestrahlt das Castello Sforzesco, wo Leonardo da Vinci ab 1482 am Hofe Ludovico Moros wirkte, Deckengewölbe verzierte und für den Fürsten Bühnenbilder und Militärtechnik entwarf, bevor er im Kloster Santa Maria delle Grazie das letzte Abendmahl schuf. Besser könnte der Rahmen für die Show nicht sein. Tag und Nacht, Anstrengung und Ruhe Orchestermusik erklingt und verbindet sich mit elektronischen Klängen. Sie stammt von dem Komponisten Roberto Cacciapaglia und wurde vom Royal Philharmonic Orchestra eingespielt. Der Torbogen taucht in farbiges, pulsierendes Licht. Die olympische Flamme befindet sich in einem Glas-und-Metall-Behälter im Zentrum der Knotenstruktur. In geschlossenem Zustand misst sie etwas mehr als drei Meter. Als habe die Musik sie zum Leben erweckt, geraten ihre Verstrebungen in Bewegung, die Struktur öffnet sich wie eine mechanische Blüte und dehnt sich auf viereinhalb Meter aus. Aus der Knotenstruktur wird eine Kugel, die sich nach viereinhalb Minuten, wenn die Show endet, wieder schließen wird. Ein Symbol für Tag und Nacht, Anstrengung und Ruhe. Den Schlusspunkt bildet ein Lichter-Feuerwerk. Der Feuerkessel, ein elektromechanisches System aus 244 Gelenken und insgesamt 1440 Komponenten, wurde vom Schiffbauer Fincantieri entworfen, aber in Großbritannien aus Flugzeugaluminium hergestellt. So sollte verhindert werden, dass vorab Details in Italien publik werden, sagt Marco Balich, der das Projekt zusammen mit Lida Castelli und Paolo Fantin leitete und auch die olympische Eröffnungsfeier produziert hat. Aus Gründen der Nachhaltigkeit seien der Behälter der Flamme klein gehalten worden, um den Gasverbrauch für das Brennen der olympischen Flamme während der Spiele zu reduzieren. In Paris wird der Feuerkessel von 2024 in den Sommermonaten weiterhin im Jardin des Tuileries ausgestellt. Ob Ähnliches auch für Mailand geplant sei? „Ich würde mir wirklich wünschen, dass dieses Objekt als Erinnerung an die Spiele und deren viele schöne Momente erhalten bleibt“, sagte Balich. Einen identischen Feuerkessel gibt es auch in Cortina d’Ampezzo. Er hängt dort an einem speziell angefertigten Dreifuß. Während der Olympischen und Paralympischen Spiele ist auch dort täglich von 18 bis 23 Uhr die gleiche Show zu sehen. In Mailand leert sich die Piazza erst, nachdem der Da-Vinci-Knoten um 23 Uhr zum letzten Mal zum Leben erweckt wurde.
