Als Julia Simons Kartenhaus in sich zusammengefallen war, saß die französische Biathletin in ihrer Heimatstadt Albertville vor Gericht. Sie gestand, was ihr vorgeworfen worden war: im Sommer 2022 Kreditkarten, unter anderem die ihrer Teamkollegin Justine Braisaz-Bouchet, für Einkäufe im Internet missbraucht zu haben. Das Gericht verurteilte sie Ende Oktober 2025 zu einer dreimonatigen Haftstrafe auf Bewährung und einer Geldstrafe in Höhe von 15.000 Euro. Der französische Skiverband erteilte der Neunundzwanzigjährigen daraufhin ein Wettkampfverbot für sechs Monate, davon fünf auf Bewährung. Erst beim zweiten Saison-Weltcup Mitte Dezember war die Athletin wieder startberechtigt. Zwei Monate später ist Julia Simon Olympiasiegerin. Bei den olympischen Biathlon-Wettbewerben in Südtirol gewann sie schon am Sonntag Gold mit der Mixed-Staffel, am Dienstag folgte der zweite Sieg, diesmal im Einzel über 15 Kilometer. Als sie die Ziellinie erreichte, drehte sie sich zur TV-Kamera um und legte den Zeigefinger an die Lippen. Ein Gruß an ihre Kritiker, nun endlich zu verstummen? Einer bestimmten Person habe diese Geste gegolten, erklärte Simon, und diese Person wisse, was damit gemeint sei. Mehr wolle sie dazu nicht sagen. Nicht nur ihren Kritikern hat sie gezeigt, wie gut sie im Schießen und Langlaufen ist, selbst nach Jahren der Unsicherheit, ob ihr Betrug auffliegen würde, und zermürbendem Warten auf das Urteil, als sie dann aufgeflogen war. „Ich fokussiere mich auf mich“ Umso bemerkenswerter ist ihre Leistung, im Kopf so klar zu bleiben, so fokussiert, dass ihre Munition in 19 von 20 Versuchen das Ziel traf. Andere waren noch besser am Schießstand, die Deutsche Vanessa Voigt zum Beispiel, die alle 20 Schuss ins Schwarze setzte und Vierte wurde. Ihr Rückstand auf die Siegerin betrug 1:17 Minuten. Simon lief schneller, pulverisierte selbst die Strafminute, die ihr der Schießfehler beschert hatte. Und sie schoss vor allem zügiger. Selbst beim finalen Stehendschießen, mit der Goldmedaille vor Augen, zögerte sie nicht. Wie schon in der Mixed-Staffel. „Ich fokussiere mich auf mich, auf den Sport, auf das Schießen und Laufen, was ich am meisten liebe“, antwortete Simon auf die Frage, wie sie alles andere habe ausblenden könne. „Darin stecke ich all meine Energie. Ich bin sehr stolz, dass mir das gelungen ist.“ Zehn Titel hatte Simon zuvor schon bei Weltmeisterschaften gesammelt. In Antholz bestreitet sie nun ihre zweiten Olympischen Spiele. Mit zwei Goldmedaillen ist sie schon jetzt eine der prägenden Athletinnen. „Es fühlt sich wie ein Traum an“, sagte sie nach dem Einzelrennen, „für diese Emotionen lebe ich, das motiviert mich jeden Tag.“ Auch Simons Staffelpartnerin Lou Jeanmonnot gewann bereits ihre zweite Medaille. Sie wurde mit zwei Schießfehlern Zweite, hatte in 36,23 Minuten aber die mit Abstand beste Laufzeit und platzierte sich vor der Bulgarin Lora Hristova, die wie Voigt viermal fehlerfrei geschossen hatte. Für die Deutsche wiederholte sich mit dem vierten Platz eine Geschichte, die sie vor vier Jahren schon einmal erlebt hat. Damals wurde sie bei den Olympischen Spielen ebenfalls Vierte im Einzelrennen. „Ich bin auf der einen Seite unheimlich stolz auf mich, dass ich in einem olympischen Rennen meine beste Saisonleistung ausgepackt habe“, sagte Voigt jetzt Antholz. Die Enttäuschung über die verlorene Medaille konnte sie andererseits aber nicht verbergen. Preuß patzt beim Schießen Und auch die deutsche Medaillenfavoritin Franziska Preuß erfüllte die Erwartungen an sich, endlich eine Einzelmedaille bei Olympischen Spielen zu gewinnen, noch nicht. Die Gesamtweltcupsiegerin und Verfolgungsweltmeisterin des Vorjahres startete zwar hervorragend in das Rennen, schoss dreimal fehlerfrei. Doch beim finalen Stehendschießen, wie schon in der Mixed-Staffel, gingen ihr die Treffer aus. Mit zwei Fehlern wurde sie Zehnte, noch hinter Janina Hettich-Walz, die ebenfalls zweimal patzte und Platz acht belegte. „Vorm letzten Schießen war ich noch optimistisch, nach dem letzten Schießen natürlich nicht mehr“, sagte Preuß. Es habe sie viel Energie gekostet, den Körper auf der vereisten Laufstrecke, auf den schmalen Langlauf-Ski, stabil zu halten, das habe es noch schwieriger gemacht, „im Kopf streng zu mir zu sein“, die Gedanken nicht vom Ziel abschweifen zu lassen. Aber: „Das Einzel ist extrem lang, da hat man viel Zeit zum Nachdenken. Bis zum ersten Schuss war ich im Plan, dann passiert der Fehler.“ Und dann sei noch etwas passiert, schloss Preuß den Satz: „Dann ist das Kartenhaus in sich zusammengefallen.“ Drei Chancen bleiben ihr noch, sich den Traum von der Einzelmedaille zu erfüllen. Viel Zeit zum Grübeln wolle sie nicht verschwenden. Am Samstag steht bereits das Sprintrennen an. Das positive Gefühl, ohne die verflixten Fehler mit den Besten mithalten zu können, wolle sie mitnehmen in den nächsten Wettkampf. Um das mühsam errichtete Kartenhaus vor dem nächsten Einsturz zu beschützen.
