FAZ 20.02.2026
09:25 Uhr

Olympiasiegerin Alysa Liu: Der Epochenwechsel trägt ein goldenes Paillettenkleid


Die märchenhafte Rückkehr von Eiskunstläuferin Alysa Liu verändert die Machtverhältnisse im Damen-Einzel. Die US-Amerikanerin gewinnt Gold, weil ihr Lächeln mit jedem Sprung breiter wird.

Olympiasiegerin Alysa Liu: Der Epochenwechsel trägt ein goldenes Paillettenkleid

Der Epochenwechsel trägt ein goldenes Paillettenkleid und tanzt zu Donna Summer. Der Epochenwechsel kommt aus Kalifornien. Der Epochenwechsel heißt Alysa Liu. Alysa Liu, Tochter eines Einwanderers aus China, aufgewachsen in Oakland, Kalifornien, ist Eiskunstlauf-Olympiasiegerin geworden mit einer Kür, die in Erinnerung bleiben wird, weil die Freude, mit der Alysa Liu zu Donna Summers Disco-Hymne „MacArthur Park“ lief, in Erinnerung bleiben wird. MacArthur Park ist ein großer öffentlicher Park in Los Angeles; wie gesagt: Der Epochenwechsel im Eiskunstlaufen der Frauen kommt aus Kalifornien. Und er könnte schon deswegen nicht auffälliger sein, weil Alysa Liu, 20 Jahre alt, am Abend zuvor noch einmal hatte nachfärben lassen. Sie trägt die Haare in Querstreifen so breit wie auf dem Jersey eines Rugbyspielers, goldblond und dunkelbraun, irgendwo zwischen Königstiger und Skunk. Alysa Liu ist kein Eiskunstlaufmädchen, Alysa Liu, 20 Jahre, aus Oakland, Kalifornien, dem „schrabbeligen Oakland“, wie ihr Trainer sagt, ist der Epochenwechsel. Eine knappe Stunde ist vergangen, da steht Phillip Di Guglielmo in den Katakomben des Forums von Assago, und die Worte perlen aus ihm heraus wie die Kohlensäurebläschen in dem Champagnerglas, den er nach eigenen Angaben mit seinem Kollegen Massimo Scali geleert hatte, bevor sich die beiden am Nachmittag Richtung Eishalle aufgemacht hatten. Di Guglielmo redet und redet darüber, wie aus Alysa Liu aus Oakland, Kalifornien, eine Olympiasiegerin geworden ist. Wie aus Alysa Liu die erste amerikanische Olympiasiegerin im Einzel seit 2002 geworden ist. Und was das nun bedeutet, für Alysa Liu, für ihn, für das Eiskunstlaufen. Für ihn, um das vorwegzunehmen, bedeutet es: „Ich kann meinen Stundensatz anheben“, sagt Phillip Di Guglielmo. Ihm gefällt die Situation sehr, die seine Läuferin geschaffen hat; die Reporter hören ihm zu, weil es unterhaltsam ist, was er zu erzählen hat, und weil es verdeutlicht, was hier gerade geschehen ist. Geschlagene Japanerin zeigt Größe Denn wenn die Epoche wechselt im Eiskunstlauf, dann ist auch etwas zu Ende gegangen. Kaori Sakamoto, die große Künstlerin aus Japan, dreimal Weltmeisterin zwischen 2022 und 2024, steht etwas tiefer im Raum als Di Guglielmo und weint und weint und weint, aus Enttäuschung über sich selbst. 25 Jahre ist sie alt, sie wird ihre Karriere nun bald beenden. Kaori Sakamoto war mit einem kleinen Vorsprung auf Alysa Liu aus dem Kurzprogramm gekommen am Dienstag, aber in ihre Kür hatten sich zwei, drei kleine Fehlerchen geschlichen, Fehlerchen, die sich Alysa Liu im glitzernd goldenen Paillettenkleid nicht erlaubt hatte, während sie zu Donna Summer über das Eis stürmte. Kaori Sakamoto wird nicht mehr Olympiasiegerin werden. Kaori Sakamoto ist unheimlich enttäuscht von sich selbst. Aber sie steht da, vor elf Kameras japanischer Reporter, und weicht nicht; die Tränen rinnen ihr aus den Augen, aber sie reckt den Kopf und antwortet leise und mit Trotz in der Stimme auf jede einzelne Frage, so schwer ihr das fällt, während die Tränen einen Glanz auf ihre Wangen zeichnen. Es ist eine Lektion in Anstand, eine Lektion in Respekt, zu der sich Kaori Sakamoto hier zwingt. Falls je zutraf, dass sich Größe nach einer Niederlage zeigt, wird Kaori Sakamoto nun auch deshalb als eine der Größten ihres Sports in Erinnerung bleiben. Die Vormacht von Eteri Tutberidse ist Geschichte Einige Zeit zuvor war die eigentliche Verliererin des Abends wortlos und wütend durch die Mixed Zone gestürmt. Adelija Petrossjan, 18 Jahre alt, aus Eteri Tutberidses Schule Sambo-70 in Moskau, hatte die nächste Russin werden wollen, die olympisches Gold gewinnt. Seit 2014 waren es stets Russinnen gewesen, 2018 und 2022 Tutberidse-Schülerinnen, Teenagerinnen, gedrillt auf Erfolg und Härte, die mit einer Goldmedaille für sich und Ruhm für Russland von Olympischen Spielen kamen. Sie durften auf Einladungen zu Wladimir Putin in den Kreml hoffen. Adelija Petrossjan, offiziell individuelle neutrale Athletin, inoffiziell Läuferin der Moskauer Schule, war beim vierfachen Toeloop zur Eröffnung gestürzt, und angesichts der Qualität der Darbietungen an diesem Abend war klar, dass sie sich nicht würde von Platz fünf verbessern können. Der Epochenwechsel lässt sich auch unter diesem Satz subsumieren: Die Vormacht von Eteri Tutberidse ist erst einmal Geschichte. Ob der Erfolg seiner Läuferin mehr wert ist, weil sie Adelija Petrossjan geschlagen hat, wird Phillip Di Guglielmo gefragt. „Das ist mir egal“, sagt er. „Alysa ist eine wunderbare Läuferin. Sie ist gar nicht in derselben Klasse. Im Eiskunstlauf fließen Sport und Kunst zusammen. Das zeigen die besten fünf hier heute Abend. Die Ausnahme ist mir egal.“ Nirgends wird Rache kälter serviert als im Eiskunstlaufen. Adelija Petrossjan wurde Sechste. Auch Alysa Liu hatte einst als Wunderkind gegolten. Als Teenagerin sollte sie Amerikas Antwort auf die russischen Überfliegerinnen werden. Das Vorhaben gelang nicht. Bevor sie als 16-Jährige zu den Olympischen Spielen 2022 nach Peking gereist war, hatte China sie und ihren Vater ins Visier genommen. Arthur Liu hatte seine Heimat als Dissident nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz 1989 verlassen und war nach Kalifornien gegangen. Als sich abzeichnete, dass seine Tochter als Sportlerin nach China zurückkehren würde, setzte, so stellte es das amerikanische Außenministerium im März 2022 dar, Agenten auf Vater und Tochter an. In Peking wurde Alysa Liu Siebte, bald darauf erklärte sie das Ende ihrer Karriere. Sie verfolge nun andere Ziele. Zwei Jahre blieb sie dem Eiskunstlaufen fern, Alysa Liu schrieb sich an der University of California, Los Angeles, ein, und Phillip Di Guglielmo, der als Trainer dreimal gefeuert wurde, als Alysa Liu noch nicht ihre eigenen Entscheidungen treffen durfte, erzählt am Donnerstagabend, dass sie ohne die Pause von zwei Jahren nie im Leben Olympiasiegerin geworden wäre. Wie soll man ihm da widersprechen, kontrafaktische Lebensläufe machen sich nie gut, schon gar nicht auf Schlittschuhen, aber es stimmt ja: Die Alysa Liu, die Mailand zu sehen bekommt, hat mit der Teenagerin, die in Peking auf dem Eis stand, offensichtlich kaum noch etwas zu tun. „Ganz gleich, was im Leben passiert“, sagt die Olympiasiegerin, „ich habe eine wunderbare Lebensgeschichte, und ich habe das Gefühl, dass ich großes Glück gehabt habe. Ich bin froh, dass mir so viele Menschen zuschauen, wenn ich die Ideen vorführen kann, die ich mir in meinem Hirn ausdenke. Ich kann meine Geschichten teilen, ich bin eine Art Geschichtenerzählerin“, erzählt Alysa Liu. „Warum schicken wir Kinder zum Sport?“ „Freude ist ihre Marke“, sagt Phillip Di Guglielmo. „Sie zieht die Leute auf das Eis. Man kann ihre Kür mitleben. Ich weiß, was das für das Eiskunstlaufen in den Vereinigten Staaten bedeuten kann. So viele kleine Kinder werden im ganzen Land wegen Alysa in Eislaufschulen kommen. 1976 wurde Dorothy Hamill Olympiasiegerin. Sie machte den Haarschnitt (The Wedge; s. F.A.Z. vom 13. Februar 2026, d. Red.) berühmt, und sie hat eine ganze Generation Eisläuferinnen geprägt. Ich hoffe, dass die Welt das alles hier sieht – und sich an den Haarschnitt erinnert. Na ja, gut, die Haare … mal sehen.“ Der Humor bildete sich aus einer Melange überschießenden Adrenalins und immenser Freude. Aber der Blick in die Zukunft war durchaus von Ernst getragen. Vielleicht ist Alysa Liu die Eiskunstlauf-Olympiasiegerin, der Kinder nacheifern, ohne auf Erfolg gedrillt zu werden. Alysa Liu lebe im Augenblick. Alle Welt wisse, dass sie ein Aufmerksamkeitsdefizit habe, sagte Di Guglielmo noch. Aber es gehe doch darum, zu erkennen, dass Defizite Stärken sein können. „Warum schicken wir Kinder zum Sport? Sie sollen für das Leben lernen im Sport. Aber wenn dir dein Sport keinen Spaß macht, warum machst du ihn dann? Für deine Eltern? Deine Trainer? Nein, mach es für dich selbst. Sie zieht aus jedem Sprung Freude, sie sagt: Das hat sich wirklich gut angefühlt. Statt für dein Land zu laufen – in diesem Wettkampf sind Läuferinnen für ihr Land gelaufen, für ihre Eltern gelaufen. Ich will sie nicht herabsetzen, sie wären nicht hier ohne Drive. Aber Alysa läuft, weil es ihr Spaß macht.“ Als Alysa Liu spät am Abend, es ist nach Mitternacht, im Pressekonferenzraum sitzt, sagt sie, die COVID-Pandemie habe ihr Leben verändert: „Ich war alleine, hatte nur mich, und ich ging durch die Pubertät. Also hatte ich viel Zeit, nachzudenken, wer ich sein will. Mir ist da ein Licht aufgegangen. In vier Jahren ist eine Menge passiert.“ Freude sei ihre Marke, sagt ihr Trainer, und die beiden Worte, die Alysa Liu an diesem Abend am häufigsten gebraucht, sind „joy“ und „fun“. Alle Welt, das ist ihre Botschaft, soll ihre Freude sehen: „Alles, was ich will im Leben, sind menschliche Bindungen. Verdammt, gerade bin ich mit irre vielen Leuten verbunden.“ Wir leben in schwierigen Zeiten, hatte Phillip Di Guglielmo noch gesagt. Ein bisschen mehr Freude könne nicht schaden.