FAZ 07.02.2026
16:54 Uhr

Olympiasieger von Allmen: Der besonders Angstbefreite unter den Angstlosen


Die Piste „Stelvio“ ist dafür bekannt, gefährlich zu sein. Franjo von Allmen krönt sich auf ihr zum Olympiasieger in der Abfahrt, weil er seine Stärke voll ausnutzen kann: das Risiko.

Olympiasieger von Allmen: Der besonders Angstbefreite unter den Angstlosen

Wer ruhig schlafen will, sollte sich kein Abfahrtsrennen von Franjo von Allmen anschauen. Wenn er die Piste runter rast, dann zucken seine Ski manchmal auseinander. Doch jedes Mal schafft er es, das auszutarieren. Sie wieder zusammen zu bringen, Haltung zu finden. Nur, um sich dann wieder ins nächste waghalsige Manöver zu stürzen. Wie macht dieser Franjo von Allmen das nur? Wie wird man so draufgängerisch wie er? „Ich versuche, die Grenzen zu suchen. Manchmal sieht es aus wie ein paar blöde Fehler. Aber ich versuche wirklich, meinen Weg an die Grenze zu finden“, hatte er zwei Tage vor dem Abfahrtsrennen gesagt. Die Piste lag da noch in der abendlichen Dämmerung. Nach dem Trainingssturz passt alles zusammen Am Samstag, als die Sonne die Piste in helles Licht taucht, zeigt von Allmen, was er damit gemeint hatte. Er stürzt sich hinab. Er kommt dabei auf bis zu 145 Kilometer pro Stunde. Er legt sich in die Kurve, fast berührt seine Hand den Schnee. Doch immer wieder findet er zurück in seine Fahrt. Er fährt seinen eigenen Film. Und irgendwann hebt er ab und man fragt sich kurz: Wann wird er wieder landen? 53 Meter trägt es ihn durch die Luft. Die Arme gehen kurz auseinander, dann setzt er auf, die Arme finden zusammen. Und danach beschleunigt er noch einmal. Am Ende macht er sich klein, holt auf den letzten Metern alles heraus. Am Tag zuvor, beim Training, zeigte sich, wie diese riskante Fahrweise auch ausgehen kann. Von Allmen stürzte und verschwand in einer Schneewolke. Doch diesmal passt alles zusammen. Der wilde junge Schweizer, 24 Jahre alt, fährt zu Gold. Auf der Piste „Stelvio“, die dafür bekannt ist, eisig und gefährlich zu sein. Und dafür, den Fahrern unten die Kraft zu rauben. Im Dezember, wenn sie noch frisch bestellt ist, ist sie besonders schwierig. Nun, im Februar, wenn es heller ist und die Sonne scheint, wird es etwas leichter. Zumindest für die, die dafür bekannt sind, Risiken einzugehen, ans Limit zu gehen. Und Abfahrer sind dafür bekannt. Doch auch unter ihnen gibt es Abstufungen. Und von Allmen gilt unter den Angstlosen als besonders angstbefreit. Sein Fahrstil wird von anderen als „crazy“ und „wild“ beschrieben. Goldfavorit Odermatt geschlagen Vor ihm stürzt sich den Teamkollege Marco Odermatt den Hang hinunter, der eigentlich als Goldfavorit galt. Er rast durch die Kurven, auf direkter Linie und macht sich beinahe die komplette Fahrt klein. Ihm passiert fast kein Fehler. Er rammt die Stöcke in den Schnee und grüßt seine Fans. Er wusste da noch nicht, was kommen sollte. Zuerst kommt von Allmen, Abfahrtsweltmeister 2025, dann Giovanni Franzoni, der in Kitzbühel den Abfahrtstitel gewann und schließlich auch noch Dominik Paris, der die Piste so gut kennt. Franzoni fährt den oberen Teil extrem schnell. Dominik Paris ist im oberen Teil sogar noch schneller und legt sich rasant in die Kurven. Den Sprung landet er glatt. Im hinteren Teil wird er aber etwas langsamer. Unten kann Odermatt nur noch klatschen und einen Blick auf die Anzeigetafel werfen. Da stehen Franzoni mit 1:51,81 Minuten und Paris mit 1:52,11 Minuten nun vor ihm. Am Ende stehen sie auf dem Podium, von Allmen mit 1:51,61 Minuten und Gold, Silber gibt es für Franzoni und Bronze für Paris. Der Tag hat für von Allmen schon so gut angefangen. Eigentlich ist er kein Morgenmensch. Er macht in der Regel seine Mobilisationsübungen und frühstückt. „Ich bin dann nicht immer in bester Stimmung“, hatte er am Donnerstag gesagt. Aber an diesem Morgen war etwas anders. „Ich habe mich sehr entspannt gefühlt am Morgen. Ich konnte alles zusammenbringen.“ Er konnte seine Stärke voll ausnutzen: das Risiko. Wie macht er das? Er müsse seinen eigenen Weg finden, sagt er. Er kann nicht so fahren wie ein Marco Odermatt. Er muss seine eigene Linie finden. Mit zwei Jahren stand von Allmen das erste Mal auf Ski. Auch nach der Schule fuhr er direkt mit dem Bus ins Skigebiet. Er hatte vor allem Spaß am Skifahren. Und den, hat er sich bis heute beibehalten. Von Allmen könnte auch Snowboarder sein. Er wirkt immer lässig und locker, hat oft ein Lächeln auf den Lippen. Giovanni Franzoni sagt über ihn: „Er inspiriert mich. Er genießt jedes Rennen mit einem Lächeln.“ Und das, obwohl es auch eine dunklere Zeit in seinem Leben gab. Über die er heute nicht mehr gerne redet. Mit 17 Jahren starb sein Vater plötzlich. Seine Karriere stand auf der Kippe. Unklar war, wie er die nächste Saison finanzieren sollte. Am Samstag bei der Pressekonferenz hält von Allmen kurz inne, als ihm dazu eine Frage gestellt wird. Dann sagt er: „Das ist eine Zeit, die vorbei ist. Einige Athleten haben Zeiten, wo es einfacher ist oder nicht. Ich habe dieses Kapitel abgeschlossen.“ Von Allmen machte weiter. Aber er konzentrierte sich nicht nur auf dem Sport. Er absolvierte eine Lehre als Zimmermann und holte das Konditionstraining am Abend nach. Auf der Piste war er da häufig allein unterwegs. Es beruhige ihn, einen Beruf erlernt zu haben. Auch wenn ihm heute die Zeit fehlt, sich damit intensiv zu beschäftigen. Aber er weiß, dass das seinem Leben Normalität gebracht hat. Eine Normalität, die er in Zukunft vielleicht kurz vermissen wird. Als er nach der Siegerehrung mit der Medaille um den Hals durch den Schnee stapft, rufen die Schweizer Fans „Franjo, Franjo“ und wedeln mit den Fahnen für ihn. Von Allmen läuft immer wieder vor und zurück, fast wirkt es, als ob er den Zielbereich ungern verlassen will. Den Bereich, in den er mit so schneller Geschwindigkeit gerauscht war. So ein Rennen geht ja auch viel zu schnell vorbei. Gerade noch fliegt er 53 Meter durch die Luft, schon steht er unten und jubelt den Fans zu. Doch noch einmal zurück zu diesen 53 Metern. Wie fühlt sich das an, da oben in der Luft? Vor dem Sprung, sagt von Allmen, da sei ihm schon etwas mulmig. „Aber wenn du weißt, wie du das kontrollieren kannst, dann macht das schon Spaß“, sagt er. „Und wenn du danach noch einmal beschleunigen kannst.“ Was von Allmen da macht, sieht übrigens nicht nur für die Zuschauer beeindruckend aus. Auch der deutsche Abfahrer Simon Jocher findet seinen Fahrstil wild, entschlossen und beeindruckend. Und wenn er sich Fahrten von Franjo von Allmen anschaue, dann sei das nicht gerade etwas, was ihn beruhige.