FAZ 05.02.2026
12:56 Uhr

Olympia in Innsbruck 1976: „Wenn ich gut fahre, haben sie ohnehin alle keine Chance“


1976 fiebern die Österreicher dem Rennen ihres Helden entgegen: Es gibt „Olympiaabfahrtsferien“, Schimpfe für Kritiker und den ersehnten Sieg. Franz Klammer aber schwant die Rückkehr ins Landleben.

Olympia in Innsbruck 1976: „Wenn ich gut fahre, haben sie ohnehin alle keine Chance“

Vor 50 Jahren war der Winter noch ein echter Winter und die Olympischen Winterspiele noch an einem einzigen Ort. Innsbruck 1976 brachte den Deutschen die „Gold-Rosi“, eine Bronzemedaille im Divisionsverfahren, und den Österreichern Gold für einen Nationalhelden. Wir blicken zurück. Tag 2 – Vom Gold zur Mistgabel Alles ist vorbereitet, nichts darf schiefgehen an diesem Donnerstag, dem 5. Februar 1976: Franz Klammer muss Gold gewinnen! Droben auf der Bergstation des Patscherkofel hat das Team Austria ein Zimmer gemietet, damit der schnellste Skirennfahrer der Welt zwischen Warmlaufen und Rennstart besser zur Ruhe kommt als drunten in Innsbruck, wo ihm ständig irgendwer auflauert. Funktionäre, Hostessen, Reinigungskräfte und alle möglichen anderen Leute kommen für ein Auto­gramm oder eine Aufmunterung. Einmal hat sogar jemand versucht, Klammer in seinem Quartier ans Telefon zu kriegen – um Mitternacht. Danach wurde der Anschluss stillgelegt. Österreichs Schüler sollen das Ski-Idol von 12.30 Uhr an live im Fernsehen verfolgen dürfen. Sofern sie nicht in Tirol leben und sowieso Ferien haben, dürfen sie deshalb am zweiten Olympiatag um elf Uhr nach Hause in die „Olympiaabfahrtsferien“. Wer als Ausländer den Verdacht äußert, sogar die olympischen Pistenmacher seien Parteigänger und hätten die 3020 Meter lange Abfahrtsstrecke und ihre 26 Tore auf Klammers Stärken ausgerichtet, wird böse beschimpft. „Ich brauche keine Klammer-Strecke“, sagt der Zweiundzwanzigjährige, „wenn ich gut fahre, haben sie ohnehin alle keine Chance.“ Doch Klammer ist in den vorolympischen Rennen nicht gut gefahren, sondern verkrampft. Wird es gut gehen mit dem Gold? Als Klammer mit der Nummer 15 an den Start geht, muss er Bernard Russi übertrumpfen. Der Schweizer führt souverän. Bei der ersten Zwischenzeit, so sehen 70.000 Österreicher an der Piste und Millionen vor den TV-Geräten erschreckt, ist Klammer langsamer, ebenso bei der zweiten. Aber ins Ziel kommt Österreichs Liebling am schnellsten (1:45,73 Minuten). Die Zuschauer bedrängen und knuffen ihn und klopfen auf die Schulter. „Schlimm ist das“, sagt der Landwirt, der in Diensten seines Vaters Heinrich steht und sich nun Olympiasieger nennen darf: „Aber wenn es vorbei ist, ist es doch schön.“ Zu den stolzesten Österreichern gehört Bundespräsident Rudolf Kirchschläger. Er fragt Franz Klammer, wie sein Leben nach der Goldmedaille weitergehe. „Der Vater“, sagt Klammer, „wird mir gleich die Mistgabel in die Hand drücken.“ (kle.) Tag 1 – Harte Nächte in Innsbruck Im Jahre 1976 n. Chr. redet ganz Innsbruck von den Olympischen Winterspielen. Ganz Innsbruck? Nein! Ein von empfindsamen Athleten bevölkertes Olympisches Dorf hört nicht auf, Widerstand zu leisten gegen die Gastgeber. Bewohner beschweren sich, dass die Militärbetten, die ihnen hingestellt wurden, viel zu hart seien. Die deutschen Eissportler lassen dem Meckern Taten folgen und besorgen sich zusätzliche Kopfkissen. Gewisse deutsche Funktionäre und Boulevardblätter heizen die Stimmung an, indem sie behaupten, der Gastgeber bekämpfe Olympiateilnehmer anderer Länder mit unfairen Mitteln. Die in Linz erscheinenden „Oberösterreichischen Nachrichten“ bezichtigen die Piefkes daraufhin einer „Hetzoffensive“. Allerdings ist auch der Bobpilot Werner Delle Karth unzufrieden mit dem Bettenlager in seiner Heimatstadt. „Morgens ist mir ganz schwindlig“, sagt der Innsbrucker und lässt sich von daheim eigenes Bettzeug bringen. Den olympischen Eid spricht Delle Karth am Mittwoch, 4. Februar 1976, bei frühlingshaftem Wetter recht ausgeruht. Die Militärbetten passen zu Innsbrucks Motto, sich dem aufgekommenen Gigantismus der Olympiastädte zu widersetzen und „einfache Spiele“ zu veranstalten. Von der scheinbaren Bescheidenheit zeugt auch das schlichte Maskottchen: „Schneemandl“ trägt roten Tirolerhut zur Karottennase. Außer einfach sollten die XII. Olympischen Winterspiele auch billig sein. Hatte die Hauptstadt Tirols doch schon als Ausrichterstadt 1964 viel Geld in Sportstätten investiert. 1976 ist Innsbruck für Denver eingesprungen, nachdem die auserwählte US-Stadt hingeschmissen hatte. Nicht gekleckert, sondern geklotzt wird bei der Sicherheit. 2500 Polizisten bewachen die 1261 Olympiateilnehmer und ihren Tross. In Alarmstimmung versetzt hat Innsbruck der Terroranschlag bei den Sommerspielen 1972 in München sowie die Geiselnahme bei der Ministerkonferenz erdölexportierender Länder in Wien sechs Wochen vor der Eröffnungsfeier. Dass von Terroristen mehr Gefahr für Leib und Leben ausgeht als von harten Matratzen, sehen selbst die sensibelsten Wintersportler ein. (kle.)