FAZ 13.02.2026
12:46 Uhr

Olympia in Innsbruck 1976: Das deutsche Eishockey-Wunder


Das deutsche Eishockey-Team glaubt, wegen der schlechteren Tordifferenz gegenüber Finnland Bronze verpasst zu haben. Doch eine einzigartige Regel beschert der Auswahl das „Wunder von Innsbruck“.

Olympia in Innsbruck 1976: Das deutsche Eishockey-Wunder

Vor 50 Jahren war der Winter noch ein echter Winter und die Olympischen Winterspiele noch an einem einzigen Ort. Innsbruck 1976 brachte den Deutschen die „Gold-Rosi“, eine Bronzemedaille im Divisionsverfahren, und den Österreichern Gold für einen Nationalhelden. Wir blicken zurück. Tag 11 - Rechenwunder Im Winter vor fünfzig Jahren gilt das deutsche Eishockey als hoffnungsloser Fall. Nach Niederlagen in der Vorbereitung sprechen Medien von „Prügelknaben“, von „Blamage“, von „peinlich“. Selbst Deutschlands Sportchef Willi Daume rät, lieber daheim zu bleiben. Von der Mannschaft sei nichts anderes zu erwarten als „schlechte Leistungen und mieses Benehmen“. Doch die Auswahl von Bundestrainer Xaver Unsinn lässt sich nicht beirren. Nach zwei Siegen über die Schweiz und Polen und drei Niederlagen gegen die UdSSR, die CSSR und Finnland tut sich eine unerwartete Chance auf: Nach einer Niederlage der Finnen gegen die USA können die Deutschen im letzten Turniermacht um Bronze mitspielen. Ein Sieg mit vier Toren gegen die Amerikaner, so lautete die Rechnung, müsse her. Damals traten die Amerikaner ohne Profis aus der National Hockey League an, Kanada bliebt dem Turnier fern: Olympische Spiele waren (offiziell) ausschließlich Amateuren vorbehalten. Deutschland gewinnt 4:1 – zu wenig, glauben die Spieler. Es gab Unmutsäußerungen, weil Unsinn gegen Ende den Torwart nicht für einen weiteren Spieler vom Eis genommen hatte. In der Kabine herrscht gedrückte Stille, als Sportdirektor Roman Neumayer eintritt und verkündet: „Wir haben Bronze!“ Nicht die Tordifferenz gibt den Ausschlag, sondern der Torquotient. 7:6 Tore für Deutschland, 9:8 für Finnland – das ergibt 1,166 zu 1,125. Ein Vorsprung von 0,041. Die Männer, von denen niemand die Regel kannte, lassen ihrer Freude freien Lauf, springen sich in die Arme, manche tragen noch ihre Schlittschuhe. Dass danach „keinem die Zehen fehlten“, sagte Alois Schloder, sei die eigentliche Sensation dieses Tages gewesen. Der Kapitän von damals hat für diesen Samstag ein Heldentreffen in Landshut organisiert. Die Resonanz auf Schloders Einladung war überwältigend. Sie wollen wieder feiern und anstoßen – auch auf die neue Nachfolgegeneration, die in Mailand vieles benötigt, nur keinen Taschenrechner. Die Regelung wurde nach dem „Wunder von Innsbruck“ abgeschafft. (mah.) Tag 10 – Der Keilschnitt Dorothy Hamill war im Anflug auf Innsbruck, spätestens seit das „Time Magazine“ die Eiskunstläuferin in seine Vorschau-Ausgabe auf die Winterspiele in Tirols Hauptstadt genommen hatte. Es zeigte die Eiskunstläuferin in voller Flughöhe beim Spreizsprung, die Arme weit ausgebreitet: „Amerikas herausragende Künstlerin auf dem Eis“, nannte das Blatt sie. Noch heute, 50 Jahre später, schreibt der amerikanische Eiskunstlauf-Verband in einer Würdigung: „The press put the press in pressure“, frei übersetzt: „Der Druck entstand durch das gedruckte Wort.“ Mag sein, aber die 19 Jahre alte Dorothy Hamill hatte eine Antwort: Ihre Kür bot die Kunst im Eiskunstlauf. Dorothy Hamill war zehn Jahre alt, als sie zwei zweifache Sprünge beherrschte. Auf dem Weg zum olympischen Gold kam kein Dreifachsprung hinzu. Bis heute und voraussichtlich auf alle Zeit ist Dorothy Hamill, aufgewachsen in Connecticut, die letzte Eisläuferin, die ohne Dreifachsprung Olympiasiegerin wurde. In Innsbruck wurde ihre Kür zu einem Zusammenschnitt von Musik aus alten Errol-Flynn-Filmen zu einem organischen Kunstwerk. Alles wirkte einfach, alles war im Fluss. „Ich wusste, dass ich nicht stürzen würde“, schrieb Dorothy Hamill später in einer Autobiographie. „Ich lief besser als je zuvor in meinem Leben. Alles passte zusammen. Ich war am anderen Ende des Regenbogens angekommen.“ Der Ausdruck, den die Kür transportierte, verließ das Olympia-Eisstadion, transzendierte bis nach Hollywood. Barbra Streisand rief bei Hamill an, empfahl der Eisläuferin ihren Manager. Dorothy Hamill nahm, gegen die Empfehlung ihres Trainers Carlo Fassi, noch an der Weltmeisterschaft am Ende der Saison teil (sie gewann) und machte Karriere in Eisshows. Derweil bekamen Friseure in Europa und Nordamerika millionenfach Besuch von Frauen, die von Dorothy Hamill inspiriert waren: „The ­Wedge“, „der Keilschnitt“, wurde durch Dorothy Hamill unsterblich. Dreifachsprünge kommen und gehen. Der Keilschnitt kehrt immer wieder zurück. Ein Teil von Dorothy Hamills Erbe liegt nur einen Friseurtermin entfernt. (chwb.) Tag 9 – Doping? Hier? Nein, nicht doch: Doping? Ja früher, da war das an der Tagesordnung, nicht wahr? Denkt der gemeine Sportfreund. Aber mal nachgelesen, vergilbte Artikel, auf Papier geklebt: Wie war das 1976 bei den Winterspielen in Innsbruck. Ach, nein, ohhh: zwei Dopingfälle! Nur zwei, offiziell, stand noch dabei. Galina Kulakowa, die sowjetische Langläuferin*, erwischten die Kontrolleure mit Ephedrin, den tschechoslowakischen Eishockeyspieler Frantisek Pospisil mit dem damals verbotenen Codein. Am 12. Februar kam es raus. Der F.A.Z.-Reporter schrieb ungläubig: „Wird tatsächlich in Innsbruck Drogenmissbrauch getrieben? Schließlich kennt doch jeder bei Olympia die strengen Kontrollen und die Konsequenzen.“ Ein etwas vornehmer Besserwisser, gesegnet von der Gnade der späten Geburt oder zum Beispiel aufgeklärt durch umfassende Stasi-Akten, wird sich räuspern. Da war doch was. Etwa der Staatsplan 14.25 der DDR von 1974, ein flächendeckendes, geheimes Doping – in fast jeder Sportart. Oder das Treiben von Anabolika-Doktoren im Westen. Und so stellt sich die Frage, ob die Erwischten 76 schlicht „nur“ die Dummen waren. Hmm, ja, ja, strenge Kontrollen! Und erst die Konsequenzen. Der nach dem 7:1 gegen Polen positiv getestete Mannschaftskapitän der Tschechoslowaken durfte weiterspielen, sein Team verlor Punkte und Tore, der Mannschaftsarzt die Zulassung für Olympische Spiele auf Lebenszeit raus. Die dauerte vier Tage, bis er, quicklebendig, nach einem erfolgreichen Protest wieder ins Spiel kam. Aber ja doch, die Affäre hatte Folgen. Das IOC ließ einen Briefkasten aufstellen. Damit Ärzte die Chance bekamen, die Vergabe verbotener Medikamente vor Enttarnung anzuzeigen. Von Geständnissen ist nichts überliefert. Wenige Monate später fand ein gewaltiges Dopingfestival in Montreal statt – bei den Sommerspielen. Der F.A.Z.-Reporter ahnte dann doch was in Innsbruck: „Leistung oder Pharmazie? Das ist hier die Frage.“ Womit wir, der Doping-Kontrollindustrie anno 2026 zumindest in manchen Ländern zum Trotz, in Italien, bei den Winterspielen der Gegenwart, landen: Sie stellt sich noch heute. Tag 8 – Geisterläuferin auf der Strecke! Axel Lesser fühlt sich an diesem 11. Februar 1976 bärenstark. Als zweiter Langläufer der DDR-Staffel hat er nach eineinhalb Kilometern die Führung erobert, ist trotz Neuschnee und schwankenden Temperaturen um den Gefrierpunkt schnell unterwegs. Er fährt die erste Abfahrt hinunter, und weil Lesser an deren tiefsten Punkt auf seine Skier schaut, sieht er nicht die Frau, die ihm auf seiner Spur entgegenkommt. Die beiden krachen ineinander. Lesser fällt zu Boden, rappelt sich auf, aber weil das rechte Knie schmerzt und ein paar Zähne locker sind, muss der Sportsoldat aus Oberhof aufgeben. Die DDR-Staffel, als Medaillenkandidatin gestartet, von einer Geisterläuferin gestoppt! Vom „ärgerlichsten Unfall“ der Winterspiele berichten Medien, von einer Skitouristin, die an einer Stelle, an der keine TV-Kameras platziert sind, durch „löcherige Absperrungen“ schlüpft und die nach der Kollision unerkannt im Wald von Seefeld verschwindet. Lesser äußert dreißig Jahre später einen Verdacht: Eine Russin war’s! Ein Sabotageakt der UdSSR, um die davoneilende Staffel des sozialistischen Bruderstaates DDR zu stoppen? So weit geht Lesser nicht. Er glaubt, dass die Frau mit dem Funkgerät herbeigeeilt sei, um einem Läufer der UdSSR-Staffel wegen eines defekten Schuhs zu helfen. Zwei andere Langläufer bestätigen Lessers Sicht auf den Vorfall. Aber seinen Verdacht öffentlich zu machen und die Sowjetunion anzuprangern, das traut sich der DDR-Sportler erst nach der Wende: „Das hätte ich nicht überlebt.“ ­Lesser ist nach der erlittenen Knieverletzung nie wieder ein Rennen gelaufen. Olympiamedaillen gewinnt in der Familie ein anderer: Sohn Erik als Biathlet bei den Olympischen Winterspielen 2014, Silber im Einzel und Gold mit der Staffel. Ihm kommt in Sotschi keiner in die Quere. Schnell wird klar, dass die Russen einen viel brutaleren Angriff im Sinn haben: auf die Ukraine. Tag 7 – Heiße Spur Diese Rennrodler. Kamen von der Wiese, pardon, der Naturbahn, 1976 erstmals in einen künstlichen Eiskanal zu den Winterspielen. Eine Zeitenwende! Der Beginn des Hightech-Sausens in Rückenlage. Gleich vermutete ein anonymer Briefeschreiber Betrug. Geheizte Kufen. Ach Gottchen. Ein alter Hut. Schon 1968 in Grenoble Mittelpunkt einer Ost-West-Schlacht mit Disqualifikation der Frauen aus der DDR. Ohne ordentliches Verfahren, höchst dubios, wie selbst die Stasi feststellte. So wie der Verdacht, die DDR habe nun in Innsbruck vor fünfzig Jahren Hohlräume in den Kufen geschaffen, um mittels eines chemischen Prozesses die Schienen während der Fahrt auf 80 Grad Celsius aufheizen zu können. James Bond im Eiskanal, die Episode hat’s ja wirklich gegeben. Nichts ist unmöglich. Aber nichts von dieser schönen Geschichte ließ sich beweisen, beteuerten die Kontrolleure. Eingeheizt wurde beim Rodeln allerdings immer wieder, Verbot hin oder her. Und sei es nur beim innerdeutschen Qualifikationswettbewerb vor den Spielen 2006 in Italien. Womit wir nicht nach Cortina d’Ampezzo in der Gegenwart gleiten, sondern erst mal beim eiskalten Wettrüsten des Kalten Krieges bleiben: Lackanzüge, Krallenhandschuhe trugen die Wessis erstmals und dazu einen aerodynamischen Helm, der aussah wie eine steif gefrorene Schlumpfmütze. So sausten sie als „Bundeseierköpfe“ zu Tale. Erfolgreich, aber doch langsamer als die Honecker-Riege: dreimal Gold für die DDR mit dem Sieg im Doppelsitzer am 10. Februar. Wer damals einen gesamtdeutschen Blick wagte, sah schon etwas von der Zukunft: Acht von neun vergebenen Medaillen hingen um deutsche Hälse. Den Rekord für die Ewigkeit aber stellte Hwang Liu-chong. Der Debütant aus Taiwan brauchte für die vier Läufe fünf Minuten und 22,646 Sekunden – zwei Minuten länger als Olympiasieger Dettlef Günther. Das ließ sich erklären: Hwang Liu-chong hatte seinen Rennrodel erst in Innsbruck in Besitz genommen. (ahe.) Tag 6 – Illusionskünstler auf dem Eis Man kann die Geschichte des Eistanzes als olympische Disziplin von ihrem Anfang erzählen. Der liegt lange vor diesem 9. Februar 1976, an dem Ljudmilla Pachomowa und Alexander Gorschkow aus der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken die ersten Olympiasieger dieser Disziplin wurden. Dann beginnt sie nicht weit entfernt von Innsbruck, in der Hauptstadt der Habsburger Monarchie. Eistanz ist ein Gesellschaftsvergnügen in Wien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Wiener Eislauf-Verein hatte sich 1867 gegründet, um die Jahrhundertwende stellte der Architekt Ludwig Baumann den Eisläufern einen Jugendstilpalast auf dem Heumarkt im Dritten Bezirk zur Verfügung. Die Wienerinnen und Wiener tanzten im Walzertakt, und wenn es kalt genug wurde, zogen sie dafür die Schlittschuhe an. Man kann die Geschichte der ersten Goldmedaille im Eistanz, auf die die Eistänzer noch etliche Jahrzehnte warten mussten, aber auch aus einer ganz anderen Perspektive erzählen. Im All kreist der Asteroid (3231) Mila um die Sonne; seit 1988 ist er nach Ljudmilla Pachomowa benannt, die zwei Jahre zuvor im Alter von 39 Jahren an Leukämie gestorben war. Wenn die Eistanz-Geschichte aber den 9. Februar 1976 erreicht, ganz gleich aus welcher Richtung, dann muss Enrico Nicola Mancini genannt werden. Er hat als Henry Mancini der Welt nicht nur den Soundtrack zu „Pink Panther“ geschenkt, sondern auch den Soundtrack zur ersten Goldmedaille im Eistanz. Ljudmilla Pachomowa und Alexander Gorschkow laufen zu Mancinis „Sunflower“, der Filmmusik der italienisch-sowjetischen Koproduktion, in der Sophia Loren und Marcello Mastroianni „eine Frau, geboren für die Liebe, einen Mann, geboren, sie zu lieben“ darstellen, in „einem zeitlosen Moment in einer wahnsinnig gewordenen Welt“. Eine tragische Romanze in der Kulisse des Horrors, den die Deutschen im Zweiten Weltkrieg in den Sowjetrepubliken Ukraine, Belarus und Russland entfachten. Und damit die perfekte Vorlage liefern, das Leitmotiv für die erste und alle folgenden Goldmedaillen im Eistanz: Vergeben werden sie an die Illusionskünstler unter den Sportlern, deren Aufgabe es ist, ein paar Minuten die Zeit anzuhalten, um ihr Publikum zu täuschen und zu verzaubern – ganz gleich, wie wahnsinnig die Welt da draußen auch sein mag. (chwb.) Tag 5 – Rosis Rausch Am fünften Tag der XII. Olympischen Winterspiele von 1976 gewann das deutsche Team erstmals Gold. Es war ein Sonntag – und Rosi Mittermaier siegte überraschend im Abfahrtslauf der Damen. Die damals 25-Jährige von der Winklmoos-Alm bei Reit im Winkl hatte zuvor noch nie ein Abfahrtsrennen gewonnen. Ausgetragen wurde der Lauf auf der Axamer Lizum, dem größten Skigebiet in der näheren Umgebung von Innsbruck. Es war zu den Winterspielen 1964 errichtet und anlässlich der Spiele 1976 ausgebaut worden. In Analogie zum „goldenen Dachl“ – der größten Attraktion der Stadt – wurde es auch das „weiße Dachl Innsbrucks“ genannt. Für Rosa Anna Katharina Mittermaier sollte die Axamer Lizum zum „goldenen Hangl“ werden, denn die knappe Woche zwischen dem 8. und 13. Februar veränderte ihr Leben für immer. Und obwohl sie es in ihrer bescheidenen, bodenständigen Art nicht darauf anlegte – oder gerade deshalb – avancierte sie zu dem Skistar der Bundesrepublik. In der Abfahrt sah man ihr den Siegeswillen schon an den Stockschüben nach dem Starthäuschen an. Und diese Dynamik hielt bis ins Ziel: Sie gewann mit Abstand vor der favorisierten Lokalheldin Brigitte Totschnig. Drei Tage später lag Mittermaier in ihrer Spezialdisziplin, dem Slalom, nach dem ersten Lauf noch hinter Teamkollegin Pamela Behr auf Rang zwei. Doch während Behr im zweiten Durchgang zurückfiel und Fünfte wurde, fuhr Mittermaier wie entfesselt – und siegte abermals. Der Gassenhauer „Rosi, Rosi, noch einmal“ wurde zum Hit. Die „Gold-Rosi“ war geboren. Und an diesem Ehrentitel änderte auch Silber im Riesenslalom nichts mehr, im Gegenteil. Am Freitag, dem 13., gewann die Kanadierin Cathy Kreiner. Doch Mittermaier war auch als knapp geschlagene Zweite hochzufrieden. Im gleichen Winter gewann sie noch den Gesamtweltcup, dann beendete sie ihre Karriere als Goldschatz der Deutschen bei diesen Winterspielen vor fünfzig Jahren. Mehr goldene als die beiden von Rosi sprangen in Innsbruck nicht heraus. (ad.) Tag 4 – Klassenkampf Was wäre geschehen, wenn der real existierende Sozialismus den Bob-Sport verteufelt hätte? Tja, klare Kiste: Heulen und Zähneknirschen heuer in Italien, wo es Gold regnen soll für die Deutschen. Also lassen wir mal die Anabolika- und Stasi-Pilot-Geschichten (mit Bespitzelten als Anschieber) weg und fangen mit dem Beginn eines Klassenkampfs an. Da kam doch ein Speerwerfer, dessen Speer nicht so weit flog, eigentlich ein Landwirt und Wetterdiensttechniker in Innsbruck auf der Olympiabahn um die Ecke geschossen: Meinhard Nehmer. So schnell, dass der geschäftstüchtige Formel-1-Weltmeister Jacky Stewart den Kopf schüttelte: „Für kein Geld der Welt!“ Nehmer, der es später noch zum Fregatten-Kapitän brachte, bescherte der DDR den ersten Bob-Olympiasieg. Und räumte zweimal ab: Gold im Zweier am 7. Februar und später im Vierer. Heute ist er 85 und langweilt sich ein bisschen, weil das Ausland schwächelt. Selbst Schuld! Nehmer schob, obwohl an den Seilen, die Ost-West-Konkurrenz gewaltig an. Allein neun von 13 Gold-Medaillen im Vierer gewannen Deutsche seit 1976. Klassenkampf mit Rendite. Fast unnötig zu erwähnen, dass schon in Innsbruck über Manipulationen der Kufen gestritten wurde. Das Thema blieb den Deutschen, Mauerfall hin oder her, erhalten etwa dank einer Firma, die in Dresden – im Auftrag – Kufen beschichtete, wie es nicht erlaubt war. Den Ost-West-Konflikt pflegten die „Söhne“ und „Enkel“ intensiv: Langen im Kampf gegen Lange. Seriensieger Friedrich und Herausforderer Lochner sind keine ziemlich guten Freunde. Hier ein Doping-Fall, dort ein Bremser aus dem Lager der Anderen und nun das große Finale der Rivalen in Cortina. Es mag Gold herausspringen für die Deutschen. Aber es ist nicht sicher, welcher Deutsche gewinnt. Wird spannend – dank Nehmer. (ahe.) Tag 3 – Fehlsch(l)üsse Auch Biathlon hat klein angefangen. Bei der olympischen Winterpremiere traten 1924 in Chamonix Militärpatrouillen gegeneinander an. In Innsbruck 1976 nehmen keine Füsiliere und Oberleutnante mehr teil. Es gibt zwei Wettbewerbe, aber nicht elf wie in diesen Tagen von Antholz. Doch der Wandel von einem Nebenschauplatz, an dem Skilangläufer auf bunte Luftballons schossen, zum TV-Quotenhit ist bereits eingeleitet. Der Sprint gehört bei Weltmeisterschaften bereits zum Programm, und die schweren Militärgewehre mit dem heftigen Rückstoß kommen in Innsbruck letztmals zum Einsatz. Danach werden sie durch die bis heute üblichen Kleinkaliberwaffen ersetzt. Sogar ein TV-Experte kommt bei den Biathlon-Übertragungen aus Innsbruck schon zu Wort – es ist der Oberförster von Seefeld. Ein Olympiavorhersager der F.A.Z. erwartet nichts von den deutschen Biathleten: „Da sind nur Chancen drin, wenn sich alle anderen erschießen.“ Der ehemalige Kollege zielt mehrfach daneben. Die Bundesrepublik verfehlt Bronze in der 4×7,5-Kilometer-Staffel nur um drei Sekunden, die sie von der drittplatzierten DDR trennt. Zudem sind alle Schießleistungen im 20-Kilometer-Einzelrennen am 6. Februar schwach: Keiner der 52 Starter bleibt fehlerfrei, und das „bei Windstille und mit gutem Büchsenlicht“, wie es in der F.A.Z. heißt. Den Vogel schießt der als große Favorit ins Rennen gegangene Alexander Tichonow ab: sieben Fehlschüsse! Da kann der Russe noch so schnell laufen, es reicht nur für Platz fünf. Olympiasieger wird Nikolai Kruglow, der nur zweimal verballert. Tichonow gewinnt ein paar Tage später eine seiner vier Staffel-Goldmedaillen, die ihn hinter dem Norweger Ole Einar Bjørndalen zum zweiterfolgreichsten Biathleten bei Winterspielen machen. Den Aufschwung seiner Sportart begleitet der Russe danach unter anderem als umstrittener Vizepräsident des Weltverbandes. Tichonow schützt des Dopings überführte russische Biathleten. Er selbst entgeht einer dreijährigen Haftstrafe wegen eines Mordkomplotts nur durch eine Amnestie. (kle.) Tag 2 – Vom Gold zur Mistgabel Alles ist vorbereitet, nichts darf schiefgehen an diesem Donnerstag, dem 5. Februar 1976: Franz Klammer muss Gold gewinnen! Droben auf der Bergstation des Patscherkofel hat das Team Austria ein Zimmer gemietet, damit der schnellste Skirennfahrer der Welt zwischen Warmlaufen und Rennstart besser zur Ruhe kommt als drunten in Innsbruck, wo ihm ständig irgendwer auflauert. Funktionäre, Hostessen, Reinigungskräfte und alle möglichen anderen Leute kommen für ein Auto­gramm oder eine Aufmunterung. Einmal hat sogar jemand versucht, Klammer in seinem Quartier ans Telefon zu kriegen – um Mitternacht. Danach wurde der Anschluss stillgelegt. Österreichs Schüler sollen das Ski-Idol von 12.30 Uhr an live im Fernsehen verfolgen dürfen. Sofern sie nicht in Tirol leben und sowieso Ferien haben, dürfen sie deshalb am zweiten Olympiatag um elf Uhr nach Hause in die „Olympiaabfahrtsferien“. Wer als Ausländer den Verdacht äußert, sogar die olympischen Pistenmacher seien Parteigänger und hätten die 3020 Meter lange Abfahrtsstrecke und ihre 26 Tore auf Klammers Stärken ausgerichtet, wird böse beschimpft. „Ich brauche keine Klammer-Strecke“, sagt der Zweiundzwanzigjährige, „wenn ich gut fahre, haben sie ohnehin alle keine Chance.“ Doch Klammer ist in den vorolympischen Rennen nicht gut gefahren, sondern verkrampft. Wird es gut gehen mit dem Gold? Als Klammer mit der Nummer 15 an den Start geht, muss er Bernard Russi übertrumpfen. Der Schweizer führt souverän. Bei der ersten Zwischenzeit, so sehen 70.000 Österreicher an der Piste und Millionen vor den TV-Geräten erschreckt, ist Klammer langsamer, ebenso bei der zweiten. Aber ins Ziel kommt Österreichs Liebling am schnellsten (1:45,73 Minuten). Die Zuschauer bedrängen und knuffen ihn und klopfen auf die Schulter. „Schlimm ist das“, sagt der Landwirt, der in Diensten seines Vaters Heinrich steht und sich nun Olympiasieger nennen darf: „Aber wenn es vorbei ist, ist es doch schön.“ Zu den stolzesten Österreichern gehört Bundespräsident Rudolf Kirchschläger. Er fragt Franz Klammer, wie sein Leben nach der Goldmedaille weitergehe. „Der Vater“, sagt Klammer, „wird mir gleich die Mistgabel in die Hand drücken.“ (kle.) Tag 1 – Harte Nächte in Innsbruck Im Jahre 1976 n. Chr. redet ganz Innsbruck von den Olympischen Winterspielen. Ganz Innsbruck? Nein! Ein von empfindsamen Athleten bevölkertes Olympisches Dorf hört nicht auf, Widerstand zu leisten gegen die Gastgeber. Bewohner beschweren sich, dass die Militärbetten, die ihnen hingestellt wurden, viel zu hart seien. Die deutschen Eissportler lassen dem Meckern Taten folgen und besorgen sich zusätzliche Kopfkissen. Gewisse deutsche Funktionäre und Boulevardblätter heizen die Stimmung an, indem sie behaupten, der Gastgeber bekämpfe Olympiateilnehmer anderer Länder mit unfairen Mitteln. Die in Linz erscheinenden „Oberösterreichischen Nachrichten“ bezichtigen die Piefkes daraufhin einer „Hetzoffensive“. Allerdings ist auch der Bobpilot Werner Delle Karth unzufrieden mit dem Bettenlager in seiner Heimatstadt. „Morgens ist mir ganz schwindlig“, sagt der Innsbrucker und lässt sich von daheim eigenes Bettzeug bringen. Den olympischen Eid spricht Delle Karth am Mittwoch, 4. Februar 1976, bei frühlingshaftem Wetter recht ausgeruht. Die Militärbetten passen zu Innsbrucks Motto, sich dem aufgekommenen Gigantismus der Olympiastädte zu widersetzen und „einfache Spiele“ zu veranstalten. Von der scheinbaren Bescheidenheit zeugt auch das schlichte Maskottchen: „Schneemandl“ trägt roten Tirolerhut zur Karottennase. Außer einfach sollten die XII. Olympischen Winterspiele auch billig sein. Hatte die Hauptstadt Tirols doch schon als Ausrichterstadt 1964 viel Geld in Sportstätten investiert. 1976 ist Innsbruck für Denver eingesprungen, nachdem die auserwählte US-Stadt hingeschmissen hatte. Nicht gekleckert, sondern geklotzt wird bei der Sicherheit. 2500 Polizisten bewachen die 1261 Olympiateilnehmer und ihren Tross. In Alarmstimmung versetzt hat Innsbruck der Terroranschlag bei den Sommerspielen 1972 in München sowie die Geiselnahme bei der Ministerkonferenz erdölexportierender Länder in Wien sechs Wochen vor der Eröffnungsfeier. Dass von Terroristen mehr Gefahr für Leib und Leben ausgeht als von harten Matratzen, sehen selbst die sensibelsten Wintersportler ein. (kle.)