FAZ 28.01.2026
17:27 Uhr

Olympia-Startplätze: Luis Vogt ist aus der Norm gefallen


Der Vergabeprozess der Olympia-Startplätze ist absurd und kostet den Falschen die Teilnahme. Wie den deutschen Skifahrer Luis Vogt. Ihm ist zu gönnen, dass er die Verbände nochmal richtig blamiert.

Olympia-Startplätze: Luis Vogt ist aus der Norm gefallen

Luis Vogt ist ein Skifahrer, der aus der Norm fällt. Mit mehr als zwei Metern Körpergröße überragt der 23-Jährige die meisten Kollegen im alpinen Weltcup um einen halben Kopf. Die gute Übersicht ist aber kein Vorteil, denn wenn es bei Schussfahrten um eine aerodynamische Haltung geht, hat er Mühe, seinen langen Körper „zusammenzufalten“, wie er selbstironisch anmerkt. Außerdem trägt Vogt im Alltag Schuhgröße 50, die es für Skischuhe aber nicht gibt. Er quetscht sich in Skistiefel der Größe 47, maximal 48. Um es bequemer zu haben, müsste er um eine Sonderanfertigung bitten. Doch Vogt ist kein Star wie Marco Odermatt oder Lindsey Vonn, denen Wünsche von den Lippen abgelesen werden. Und er ist ein höflicher Mensch, der keine Sonderbehandlung einfordert. Deshalb äußert er sich auch sehr zurückhaltend über seine Chance einer Olympiateilnahme, auf die er vergangenen Samstag mit einer famosen Abfahrt in Kitzbühel Anspruch anmeldete. Beim wichtigsten Weltcuprennen der Saison raste Vogt auf Rang acht. Nach klassischen Maßstäben erfüllte er damit die Norm für die Olympischen Spiele in Mailand und Cortina. Dummerweise hatten der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und der Deutsche Skiverband (DSV) ohne Not das deutsche Alpin-Aufgebot schon zuvor namentlich bekanntgegeben. Und da war Vogt nicht dabei, dafür sein Riesenslalom-Kollege Anton Grammel, obwohl der bis dahin nur die „halbe“ Norm erfüllt hatte – einmal unter den Top 15. Vogt blieb sportlich, er wolle „keinem den Platz wegnehmen“, sagte er in Kitzbühel. Absurde Quotenregel und keine Sondergenehmigung Der Vergabeprozess der Startplätze für Olympia unterliegt einer komplizierten, um nicht zu sagen absurden Quotenregel, die darauf abzielt, möglichst vielen Nationen die Entsendung eines mehr oder weniger geeigneten Kandidaten zu ermöglichen. Insgesamt 153 Skifahrer sind bei den Männern für die fünf alpinen Wettbewerbe zugelassen. Jeweils einen Quotenplatz bekommt jede Nation, die einen Läufer vorweisen kann, der minimale Voraussetzungen erfüllt. Liegt ein Fahrer unter den Top-30, verschafft er seinem Team einen weiteren Platz. Aus dieser Mischung ergibt sich ein buntes Fahrerfeld mit 83 Teilnehmer-Nationen von Albanien bis Zypern – mit bisweilen bizarren Auswirkungen. Weil der für das Heimatland seiner Mutter startende Lucas Pinheiro Braathen als Slalom- und Riesenslalom-Könner gleich drei Kriterien erfüllt, könnte Brasilien drei Starter schicken – sucht aber noch geeignete Kandidaten. Dagegen müssen ausgewiesene Könner wie Victor Muffat-Jeandet zu Hause bleiben, weil die französische Konkurrenz größer ist als das ihr zugewiesene Kontingent. Im Fall Vogt versuchten DOSB und DSV das Heil in einem Bittbrief an das Internationale Olympische Komitee (IOC), und ersuchten um eine Sondergenehmigung für Vogt, wenigstens bei den Trainingsfahrten mitwirken zu dürfen, um im Fall einer Verletzung eines Kollegen einspringen zu können. Doch das IOC stand ihm nur die Teilnahme am Abschlusstraining zu – was wiederum für eine schwere Strecke wie in Bormio viel zu wenig ist. An diesem Sonntag startet Luis Vogt bei der letzten Weltcup-Abfahrt vor Olympia in Crans-Montana. Ein weiteres Top-Resultat wäre ihm zu gönnen. Weil er es als engagierter Skifahrer verdient hätte. Und um die Absurdität des Ganzen zu unterstreichen.