FAZ 07.02.2026
10:00 Uhr

Olympia-Eröffnung 2026: Die Pfiffe für Vance setzen den ersten Ton dieser Spiele


Als der US-Vizepräsident bei der Olympia-Eröffnung zu sehen ist, sind Buhrufe zu hören. Das Publikum in Mailand zeigt, was Europa von ihm hält. Ein anderer Politiker ist der beliebte Star des Abends.

Olympia-Eröffnung 2026: Die Pfiffe für Vance setzen den ersten Ton dieser Spiele

Eines kann man dem Regisseur nicht vorwerfen: fehlenden Mut. Nein, es geht nicht um den Ansatz, den Marco Balich, der Creative Director für die sehr klassischen künstlerischen Darstellungen während der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele im Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion gewählt hat. Es war klassisch, es war italienisch, das geht immer, das ging auch am Freitagabend. Und hier und da war sogar Humor zu entdecken. Wer wollte also mosern? Gut, die Franzosen vielleicht, einen „gewissen Konformismus“ entdeckte „Le Monde“ in der Feier. Das klingt dann fast nach Selbstbestätigung, dass die Feier zur Eröffnung der Spiele 2024 in Paris unerreicht bleibt. Bien sûr, bleibt sie, was den Nonkonformismus angeht, sowieso. Und das Verhältnis zwischen bleu, blanc, rouge und il verde, il bianco e il rosso ist nicht immer einfach. Emmanuel Macron beispielsweise hatte vorab seine Teilnahme abgesagt: Terminprobleme. Aber andere hatten ja Zeit und Beamte mitgebracht nach Mailand. Und damit nun zum Mut der Bildregie und zu J.D. Vance, dem Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Eben hatten die Zuschauerinnen und Zuschauer das ukrainische Team bejubelt, Jelyzaweta Sydorko trug die Flagge in Blau und Gelb, ihr Vater kämpft an der Front gegen die russischen Invasoren. Dann alsbald die Amerikaner. Eine große Mannschaft, nie war sie größer bei Winterspielen als jetzt in Italien, entsprechend viele Angehörige waren im Publikum, die ihre Sportler bejubelten, während mancher Italiener pfiff. Angesichts der Lage der Dinge war es kein durch und durch unfreundlicher Empfang. Ein phonetisches Abbild der Trümmer Dann wurden J.D. und Usha Vance eingeblendet. Mit einer Reaktionszeit, die für ein olympisches Sprintfinale geeignet ist, klangen Pfiffe und Buhrufe durchs Giuseppe-Meazza-Stadion. Laut und lang. Der erste Ton dieser Olympischen Spiele war gesetzt. Er ist ein phonetisches Abbild der Trümmer, in denen das Ansehen Amerikas und seiner Regierungen, seiner Präsidenten in diesem Teil der Welt liegt. Es ist, das gehört an dieser Stelle in Erinnerung gerufen, noch keine zwölf Monate her, dass gerade J.D. Vance den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyi im Weißen Haus vorführte. Und nun war es am Publikum in Mailand, Vance zu zeigen, was Europa von ihm hält. Donald Trump wurde ein paar Stunden später an Bord des fliegenden Transportmittels seiner Lügenkarawane, an Bord der Air Force One, danach gefragt, was er vom „frostigen“ Empfang für seine Vize hält. „Stimmt das? Überraschend, weil die Leute ihn mögen. Naja, in aller Fairness, er ist im Ausland. In diesem Land wird er nicht ausgebuht.“ Vance müsste gar nicht nach Minnesota fliegen, um die Aussage einem Praxistest zu unterziehen, er könnte das einfach mal bei den aus Minnesota stammenden Skiläuferinnen Lindsey Vonn und Jessie Diggins auf die Probe stellen. „Verteilte Spiele“ bekommen eine verteilte Eröffnungsfeier Die Amerikaner kamen und gingen wie alle anderen 91 an den Spielen teilnehmenden Teams auch. Allerdings kamen und gingen bei Weitem nicht alle in Mailand. Die „verteilten Spiele“ bekamen eine verteilte Eröffnungsfeier, und was im Fernsehen zu einem stimmigen, winterlichen Bild führte, weil Zuschauerinnen und Zuschauer die Teilnehmer aus Benin, Haiti und Pakistan in Cortina, Livigno und Predazzo durch verschneite Alpenkulisse stapfen sahen, machte sich im großen Stadion in der großen Stadt ein bisschen zu häufig Ratlosigkeit breit. Es passierte schlicht nichts. DJ Mace, der sich mit seiner Performance am Pult auf dem abgedeckten Rasen alle Mühe gab, wirkte bisweilen wie der nach einem guten Jahr für viel Geld gebuchte Star-DJ auf der Firmenfeier eines Hidden Champions im Sauerland oder auf der Schwäbischen Alb. Die angesichts von Kartenpreisen ab 260 Euro zögerlichen Mailänder waren zuletzt mit Schnäppchen in olympischen Dimensionen gelockt worden. Wer jünger als 26 ist, bekam zwei zum Preis von einer. Aber wer unter 26 ist und einen guten DJ hören und sehen will, setzt sich für gewöhnlich nicht in ein Fußballstadion (selbst wenn es in San Siro steht), weil der DJ dort ein abgedecktes, leeres Fußballfeld beschallt. Schon zu Beginn waren etliche Plätze leer geblieben, und als die Feier die Dreistundenmarke überschritten hatte, als Sabrina Impacciatore und Brenda Lodigiani mit Italianità, mit getanzter Geschichte der Winterspiele und einer kurzen Einführung in die faszinierende Sprache der italienischen Gesten für Leben in der Bude gesorgt hatten, kam der sakrale Teil des Abends, die Elemente, die den Spielen quasireligiösen Ernst verleihen: Reden, olympischer Eid, olympische Flagge, Eröffnungsformeln. „Lasst diese Spiele mehr sein als nur Sport“ Und schließlich das Entzünden der Flamme. Kirsty Coventry, die Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees, lässt bekanntlich gerade an der Zukunft der Spiele basteln. Im Giuseppe-Meazza-Stadion stimmten etliche Zuschauer mit den Füßen ab. Fit for future? Sie sahen ihre unmittelbare Zukunft auf dem Heimweg, lange bevor die Feier zu ihrem Abschluss kam. Dabei hatte auch dieser Teil ein paar Höhepunkte für Feinschmecker zu bieten. Charlize Theron, südafrikanische Schauspielerin, Friedensbotschafterin der Vereinten Nationen, trug eine Friedensbotschaft „meines geliebten Landsmanns Nelson Mandela“ vor: „Lasst diese Spiele mehr sein als nur Sport.“ Bei Coventry hatte das die ganze Woche über ganz anders geklungen. „Unser Spiel ist Sport“, hatte sie gesagt. Wer da einen fundamentalen Widerspruch entdeckt, ist auf der richtigen Spur, muss sich aber nicht für Sherlock Holmes halten. Beim IOC sind solche offenkundigen Widersprüchlichkeiten nicht nur möglich, sie gehören zum Alltag. Schließlich dann, nach dreieinhalb Stunden, entzündeten die Skihelden von einst, Alberto Tomba und Deborah Compagnoni, am Arco della Pace das Olympische Feuer. Die Flamme, das war die Botschaft von Marco Balich, verwandelte sich in „Armonia“, in Harmonie. Sergio Mattarella ist beliebt, weil er weise erscheint Eine schöne Vorstellung, die Realität dieses Abends spiegelte etwas anderes. Es waren gar nicht nur die Pfiffe und Buhrufe gegen J.D. Vance, die deutlich machten, wie viele Menschen sich abgestoßen fühlen von der gegenwärtigen Politik, die niemand so verkörpert wie Trump und Vance – abgesehen von Wladimir Putin. Auch in der Wärme, dem Beifall, die der Star des Abends zu spüren bekam, spiegelte sich etwas: 84 Jahre alt ist Sergio Mattarella, der Präsident der italienischen Republik. Sein Bruder war einst in den Straßen Palermos von der Mafia erschossen worden. Niemand in Italien und schon gar nicht an diesem Abend ist so beliebt, keinem Politiker wird so viel Zuneigung geschenkt: „Sergio, Sergio“, rief das Publikum. Als er die Eröffnungsformel der Spiele sprach, ging das fast unter. Dieser alte Mann zeigt, dass es besser geht, und das Publikum stellte sicher, dass die Welt, jedenfalls der Teil der Welt, der hier zusah, das verstehen könnte. Es ist ganz einfach: Mattarella ist beliebt, weil er wie das Gegenteil von Trump erscheint. Mattarella ist beliebt, weil er weise erscheint. Eine Eigenschaft, die rar geworden ist. Selten ist das bei einer Eröffnungsfeier Olympischer Spiele deutlicher geworden.