Noch nie haben mehr Frauen an Olympischen Winterspielen teilgenommen als in Mailand–Cortina in diesem Jahr. Mit insgesamt 1362 Athletinnen liegt der Frauenanteil bei 47 Prozent. Wie viel erfolgreicher einige Länder dadurch sind, zeigt sich besonders an Italien. Es steht im Medaillenspiegel an zweiter Stelle hinter Norwegen. 20 der insgesamt 27 Medaillen wurden von Athletinnen errungen, und die italienische Presse kann sich kaum entscheiden, wen sie zur Königin der Spiele küren soll. Die Skirennfahrerin Federica Brignone, die knapp zehn Monate nach einem schweren Schien- und Wadenbeinbruch zweimal Gold gewann? Oder sollte man von Arianna Fontana schwärmen, der Eisschnellläuferin, die schon 14 olympische Medaillen holte und mit 35 Jahren noch genauso kämpferisch auf Kufen ist wie am ersten Tag? Oder erzählt man lieber von der Eisschnellläuferin Francesca Lollobrigida, die zwei Goldmedaillen gewann und Italien mit ihrem kleinen Sohn auf dem Arm dazu brachte, über Sozialleistungen, Kindergärten und Sportlerinnen, die Mütter sind, zu reden? „Es ist nicht so einfach, Eiskunstläuferin und Mutter zu sein“ Neongrün lackierte Fingernägel, so leuchtend, wie der Nagellack, den Francesca Lollobrigida bei ihrem 3000-Meter-Lauf trug, gilt seit ihren Triumphen als neuer Trend unter progressiven Italienerinnen. Die Fernsehzuschauer sahen den auffälligen Farbton, als „Lollo“ nach ihrem Sieg ihre Handschuhe abstreifte. Einen Moment später rannte sie mit der Trikolore um die Schultern, gegen das Protokoll runter in die Katakomben der Eisschnelllaufarena, um ihren Sohn im Arm halten zu können. Die Bilder der Sportlerin, die lachend und aufgelöst vor Glück den zweijährigen Tommaso küsst, ihr Gesicht an seine Wange drückt, ihn streichelt, wurden millionenfach geteilt, kommentiert und in allen großen italienischen Zeitungen abgedruckt. Auch danach, vor der Presse, hielt Francesca Lollobrigida ihren Sohn im Arm. „Es ist nicht so einfach, Eiskunstläuferin und Mutter zu sein“, sagte sie, während Tommaso mehrmals versuchte, ihr Gesicht zu sich hinzudrehen. „Nicht reden“, sagt er und holte mit seiner Mütze nach den Mikrofonen der Journalisten aus. Es war eine Szene, die jede berufstätige Mutter unzählige Male in ähnlicher Form erlebt hat. Ein Kleinkind verlangt nach Mamas ungeteilter Aufmerksamkeit, während sie versucht zu arbeiten. Das ist die eine Seite von Francesca Lollobrigida. Die andere ist die einer Spitzensportlerin: Die Kufen ihrer Speed-Skates messen zwischen einem und 1,2 Millimeter. Die Durchschnittsgeschwindigkeit, mit der sie in Mailand über die 5000 Meter siegte, lag bei 44,3 Stundenkilometern. Bei ihrem 3000-Meter-Lauf waren es sogar 46,10 Stundenkilometer, ein neuer olympischer Rekord. Francesca Lollobrigida, die in der Stadt Ladispoli in der Region Latium lebt, ist 35 Jahre alt und seit 14 Jahren im Speed-Skating aktiv. Die temporäre Eisbahn, auf der sie in Mailand gewann, wird nach den Spielen wieder abgebaut. Die Athletin trainiert unter schwierigen Bedingungen, da es in Italien keine überdachte Eisschnelllaufhalle gibt. Der Wandel vollzieht sich nur langsam Mit ihrem Auftritt mit Sohn brachte sie beides öffentlich zusammen: Ihre Rolle als Mutter und als Athletin. Das sei nicht geplant gewesen, sagte sie. Sie habe aus dem Bauch heraus gehandelt. In der italienischen Kultur meint jedoch jeder, eine starke Meinung zum Thema Mutterschaft haben zu können. Ihr Schritt war deshalb mutig und gewagt. Wann und ob jemand eine gute Mutter ist, darüber wird ungefragt geurteilt. Doch nur selten wird die Unterstützung und Begleitung als gesellschaftliche Verantwortung aufgefasst. Selbst für Mütter in normalen Berufen gibt es nur wenig Hilfe, was einer der Gründe für die rückläufige Geburtenrate in Italien ist. Ihre persönliche Erfahrung, das machte Lollobrigida direkt nach ihrem Sieg gegenüber der Presse deutlich, war vor allem ein „trotz“: Spitzensportlerin zu sein und zu gewinnen, „trotz“ eines zweijährigen Kindes. Mutterschaft wird im Sport, und da unterscheidet Italien sich wenig von anderen Ländern, vor allem als ein Hindernis für den Körper im Wettkampf wahrgenommen. Sportlerinnen, die Mütter sind, müssen zwischen der Notwendigkeit, sich nach der Geburt körperlich zu erholen, und der Aufrechterhaltung einer ausgezeichneten körperlichen Verfassung jonglieren, um mithalten zu können. Auch deshalb gibt es in Italien, ähnlich wie in Deutschland, noch immer wenige Athletinnen, die Kinder haben. Der Wandel vollzieht sich nur langsam. „Für mich passt der Weg so“ Um Anerkennung gehe es ihr nicht, sagt die Biathletin Janina Hettich-Walz: „Ich wollte Mutter sein, eine Familie gründen und in den Sport zurückkommen.“ Neben der Rodlerin Dajana Eitberger ist sie die einzige Mutter, die für Deutschland in Italien an den Start geht. „Es war immer mein Ziel, mich für Olympia zu qualifizieren, dafür bin ich zurückgekommen“, sagt die 29 Jahre alte Janina Hettich-Walz. Niemand habe ihr Steine in den Weg gelegt, im Gegenteil: „Ich wurde sehr gut unterstützt.“ Der Deutsche Skiverband, die Bundeswehr als ihr Arbeitgeber, ihre Sponsoren, die Trainer – alle hätten ihre Unterstützung zugesagt und Wort gehalten. Trotzdem ist der Aufwand für sie enorm: Ihr Mann, ihre Mutter oder ein anderes Familienmitglied begleite und unterstütze sie, wenn sie ihre Tochter mit zu Trainingslagern oder Weltcups nehme. Nicht immer gebe die Hotelsituation an den Wettkampforten das her – wie auch jetzt bei den Olympischen Spielen. Während sie im deutschen Teamhotel wohnte, traf sie ihre Familie außerhalb. „Da spielt der Infektionsschutz eine Rolle“, erklärt Hettich-Walz, „beim Saisonhöhepunkt muss man jedes Risiko von außen minimieren.“ Anerkennung für die Leistung, Familie und Sport so erfolgreich zu verbinden, brauche sie nicht. Sie habe gewusst: „Wenn ich zurück in den Sport kommen will, dann bin ich Sportlerin, egal ob ich ein Kind habe oder nicht. Dann zählen dort wieder die Leistungen. Und wenn ich zu Hause bin, bin ich eben Mutter. Für mich passt der Weg so.“ Die Debatte bleibt trotz Lollobrigidas Kritik aus Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verfügt über keine Statistik, wie viele der in Mailand–Cortina angetretenen Sportlerinnen Mütter sind. Einige Teamdaten deuten auf einen Anstieg hin. Der 232 Athleten zählende Kader der USA beispielsweise umfasst neun Mütter, in Peking 2022 waren es nur vier. Zur italienischen Mannschaft zählen insgesamt 196 Athleten. Neben Francesca Lollobrigida gibt es dort die Shortrackerin Martina Valcepina, die 2014 Mutter von Zwillingen wurde. In Peking war sie die einzige Italienerin mit Kindern. In Italien erfahren nur Athletinnen eine breite finanzielle Unterstützung, die den militärischen Sportgruppen der Streitkräfte angehören. Das „Progetto mamma“ („Mama-Projekt“) des italienischen Eislaufverbands, aus dem Lollobrigida eine minimale finanzielle Unterstützung erhält, um den harten Trainingsalltag mit ihrem Sohn zu meistern, wurde eigens für sie geschaffen. Dennoch übte sie massive Kritik an Italiens Sportsystem. Es nähme Frauen die Freiheit für Lebensentscheidungen. Dies hätte der Beginn einer wichtigen und richtungsweisenden Debatte werden können. Doch es ist bequemer, von einer „fliegenden Mutter“ zu erzählen, deren Sohn „ihre wahre Goldmedaille in Mailand–Cortina“ ist. Im Mittelpunkt der medialen Berichterstattung standen nicht Francesca Lollobrigidas Kompetenzen als Eisschnellläuferin oder die Frage, wie Sportlerinnen wie sie besser unterstützt werden könnten, sondern ihr Auftritt als Mutter und die Reaktionen darauf. Die Zeitungen bejubelten sie als „Gold-Mama“, „Sportlermutter“, „Supermama“ und „Goldmutter Italiens“ und Kirsty Coventry, die Präsidentin des IOC, die selbst zwei Töchter hat, sagte über die Bilder der Olympiasiegerin mit ihrem Sohn: „Ich hatte Gänsehaut.“ „Eine außergewöhnliche Lektion in Normalität“ Andere jedoch nicht. In den sozialen Medien brach ein Sturm aus Kritik los, die vor allem von weiblichen Usern gepostet wurde: Lollobrigida stelle ihren Sohn zur Schau, das Kind könne nicht still sitzen, sei schlecht erzogen, sie hätte es doch auch bei den Großeltern lassen können. Viele zeigten Unverständnis darüber, dass sie ihren Moment des Ruhms bei den Interviews nicht ohne ihr Kind genossen habe. Als der italienische Eisschnellläufer und Goldmedaillengewinner Davide Ghiotto mit seinem Sohn im Schlepptau vor die Presse trat, hatte niemand etwas dagegen einzuwenden. Gleiche Olympische Spiele, anderes Geschlecht: Vaterschaft unter Spitzensportlern ist keine Nachricht wert. „Die Revolution wird erst dann vollständig sein, wenn eine olympische Goldmedaille einer Sportlerin, die Mutter ist, genauso Schlagzeilen macht, wie die eines guten Sportlers, der Vater ist“, schrieb Elisabetta Esposito daher in der Sportzeitung „Gazzetta dello Sport“, und die Journalistin Caterina Soffici kommentierte in der Tageszeitung „La Stampa“ den Shitstorm nach Lollobrigidas Auftritt mit Kind so: „Hinter den bösen Kommentaren steckt eine ganze Welt. Eine ganze Palette von Frustration, Neid und Vorurteilen. Eine Mentalität, die sich über Jahrzehnte hinweg festgesetzt hat und die auch alle olympischen Goldmedaillen nicht auslöschen könnten.“ Francesca Lollobrigida und andere Mütter im Spitzensport zeigten, „dass Stärke nicht nur Muskelkraft ist, sondern auch tägliche Ausdauer, schlaflose Nächte, Fieber, Schnupfen, Grippe und Kinderlieder bedeuten kann“. Sogar die rechtskonservative „Secolo d’Italia“ eilte Lollobrigida zur Hilfe: „Die Wahrheit ist, dass Francesca Lollobrigida eine außergewöhnliche Lektion in Normalität erteilt hat. Denn es ist keine ,Zurschaustellung‘, wenn man nach Jahren der Opfer, Entbehrungen und Trainingseinheiten in aller Herrgottsfrühe sein Kind umarmen möchte. Es ist nur die Wahrheit einer Frau, die sich nicht von Klischees und sexistischen Diktaten unterkriegen ließ“, schrieb dort Chiara Volpi. Der „Corriere della Sera“ hat Luciano Buonfiglio, den Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees Italien in einem Interview gefragt, was die vielen italienischen Medaillengewinnerinnen über das Land aussagten. Da antwortete er doch tatsächlich, mit ihnen zeige sich, dass man im Sport möglicherweise weiter sei als im Rest der Gesellschaft: „Im Sport gibt es mehr Respekt, mehr Aufmerksamkeit für das Ergebnis und nicht für das Geschlecht.“ Fünf Tage nach ihrem ersten Gold triumphierte Francesca Lollobrigida auch beim 5000-Meter-Rennen. Diesmal hatte sie ihren Sohn nicht mehr mit dabei.
