Diese Winterspiele, die Spiele von Mailand und Cortina d’Ampezzo, sollen die Geschichte einer Rückkehr erzählen: die Geschichte der Rückkehr in die Alpen. Die Geschichte einer Rückkehr an den Ursprung, der Rückkehr zum Nukleus des Wintersports. Beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) haben sie einen Cheferzähler, auch für diese Geschichte. Gerade für diese Geschichte: Christophe Dubi, der Exekutivdirektor, trägt seine Haare stets, als stehe er so unter Strom, dass das Haargel allenfalls eine Chance auf ein Unentschieden hat. Man kann auch sagen, bei Dubi stehen Frisur und Sound in Einklang: immer unter Strom, immer begeistert. Das ist sein Job, Dubi wird für das Schwärmen bezahlt. Und Christophe Dubi wird gut bezahlt, sehr gut. Er arbeitet seit 30 Jahren beim IOC. Das Schwärmen hat ihn in dieser Organisation zu einem reichen Mann gemacht. Wie der Dubi-Sound klingt? Die Eröffnungsfeier der Spiele an diesem Freitag (20.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, in der ARD und bei Eurosport) liegt noch mehr als zwei Wochen in der Zukunft, als Dubi von ihr erzählt: „Ich war vor ein paar Tagen zum Abendessen verabredet mit Marco Balich, dem Designer. Ich habe Gänsehaut bekommen bei dem, was er mir präsentiert hat!“ Gänsehaut, ‚goosebumps‘, mit einem französischen Akzent. Spektakulär, ikonisch: Die Erzählung soll Bilder hervorrufen Oder so: Mailand, am vergangenen Sonntag. Dubi dreht auf. „Die Sportstätten sehen phan-tas-tisch aus! Wir haben alle Orte besucht in den Bergen. Sie werden es sehen, spektakulär! Ich muss gar nicht mehr sagen, außer zur Frage der Ausbreitung: Die Skirennläuferinnen und Skirennläufer gehen in Cortina und Bormio an den Start – ja, das ist weit. Aber sind das die ikonischsten Austragungsorte? Ohne jeden Zweifel! Und das Gleiche gilt für Anterselva. Und wenn Sie nach Livigno kommen, werden Sie sehen, was Livigno ist!“ Da ist sie, die Geschichte dieser Spiele. Die Geschichte der Rückkehr in die Alpen: phantastisch, spektakulär, ikonisch. Der Dubi-Sound soll Bilder hervorrufen. In Cortina ist schon Ernest Hemingway durch den Schnee geprescht, 1923. Im Hotel de la Poste an der Piazza Roma können sich Gäste bis heute in die Hemingway Suite einbuchen, seine Schreibmaschine inklusive. Die 1920er-Jahre sind die Dekade, die dem Wintertourismus Schwung bringt. 1924 wird die Internationale Wintersportwoche in Chamonix im Schatten des Mont Blanc ausgetragen, die das IOC zwei Jahren später zur Geburt der Winterspiele erklärt. 100 Jahre ist das her. Vor siebzig Jahren dann, 1956, Spiele in Cortina d’Ampezzo, in den Dolomiten. Und auch hier folgt der Sport einem Plan: Die Spiele sollen den italienischen Wintertourismus ankurbeln, Cortina soll gelingen, was die Schweizer in St. Moritz vorgemacht haben. Die Rechnung geht auf. Erstmals überträgt das Fernsehen, die Bilder setzen sich fest: lange Latten, steile Schanzen, schneidige Bobs. Waghalsige Naturburschen im Naturschnee. Der Riesenslalom muss nach zwei Läufern unterbrochen werden, weil ein Schneebrett auf die Piste gerutscht war. Olympia in den Alpen: phantastisch, spektakulär, ikonisch. Und so wird die Geschichte bis heute erzählt. Im Jahr 2026 aber, in dem die Spiele zum ersten Mal seit zwanzig Jahren in den Alpen ausgetragen werden, sind die Stimmen, die von dieser Erzählung genug haben, nicht zu überhören. 38,1 Millionen Übernachtungen hat Südtirol im Jahr 2025 gezählt, wieder ein Rekord. Die EU-Statistik für das Jahr 2022 weist nur in der südlichen Ägäis, auf den Ionischen Inseln und an der kroatischen Adria mehr Übernachtungen pro Einwohner aus. Nirgends in den Alpen ist der Tourismus derart intensiv wie hier. Urlaub in Südtirol geht zu jeder Jahreszeit. „Die Massen bringen viele Menschen in Bedrängnis“ Und doch will das Land noch mehr: 12.000 Betten mehr seien möglich. Die IDM, das Akronym steht für Innovators, Developers, Marketers, die landeseigene Vermarktung, lässt Südtirol bei den Spielen als „Taste & Destination“-Sponsor auftreten, hat eine nicht veröffentlichte Summe Steuergeld eingesetzt, damit es bei den Spielen nicht nur Produkte des Großsponsors Coca-Cola zu trinken gibt, sondern auch Südtiroler Wein, dass Südtiroler Speck, Südtiroler Äpfel, Schüttelbrot und Stilfser Käse locken. Hanspeter Staffler, ehemaliger Generaldirektor der Landesverwaltung, Landtagsabgeordneter und heutiger Geschäftsführer des Dachverbands für Natur- und Umweltschutz, hat mit dem Heimatpflegeverband eine Ad-hoc-Petition gegen noch mehr Gästebetten gestartet. Binnen 24 Stunden seien 3000 Unterschriften zusammengekommen, was beachtlich sei. Das Ziel sei eine Unterschrift gegen jedes geplante neue Bett. „Ein Ferrari mit neuer Gangschaltung“ Staffler warnt vor „der ständigen Flutung des internationalen Markts mit Megawerbung: Die Massen strömen ins Land und bringen viele hier lebende Menschen in Bedrängnis.“ Und nicht nur die. Die Auswirkungen des Klimawandels sind auf der Alpensüdseite noch deutlicher zu spüren als nördlich des Hauptkamms. „Zehn bis fünfzehn Jahre“ sei man der Nordseite in dieser Hinsicht voraus, „zum Beispiel, was Wassermangel angeht“. Und weil auf Naturschnee schon seit Jahrzehnten kein Verlass mehr ist (und Kunstschnee im modernen Hochleistungswintersport gleichbleibende Pistenverhältnisse, also mehr Gerechtigkeit, verspricht), wurde auch vor diesen Spielen geklotzt. 1,6 Millionen Kubikmeter Kunstschnee sei für die Spiele produziert, teilte das Organisationskomitee zwei Wochen vor Beginn der Spiele mit. Dafür waren neue Wasserspeicher nötig, nicht nur für die Biathlonanlage in Antholz. 200 Millionen Liter fasst das neue Becken in Livigno, es ist eines der größten in den Alpen. 50 neue Schneekanonen wurden installiert. In Bormio wurde ein Reservoir mit dem Fassungsvermögen von 88 Millionen Litern auf 2300 Metern Höhe in den Berg gegossen, 75 neue Schneekanonen montiert. „Wir haben Bormio auf ein neues Level gebracht“, zitiert Associated Press Davide Cerato. Bormio ist für den Experten für die Produktion von „technischem Schnee“ nun „ein Ferrari mit neuer Gangschaltung“. Klimawandel? Für die Spiele wird Vollgas gegeben. Die Schneekanonen arbeiten mit modernsten Sensoren, vollautomatisch. „Eine Person im Büro kontrolliert den ganzen Berg“, sagt Cerato. Der Mensch macht sich die Natur untertan. Mit welchen Mitteln die Wintersportindustrie bisweilen vorgeht, zeigt ein Beispiel aus Santa Caterina, zwölf Kilometer von Bormio entfernt. Dort sollte das Skigebiet mit Wasser aus dem im Nationalpark Stilfser Joch gelegenen Lago Bianco beschneit werden. Wanderer entdeckten das Vorhaben, die Bauarbeiten hatten schon begonnen. Bürger organisierten einen Protestmarsch und hatten schließlich Erfolg. Das Vorhaben in der streng geschützten Natura-2000-Zone wurde 2024 abgebrochen. Die Geschichte vom Skandal am Lago Bianco erzählt Marlene Roner, Architektin aus Tramin, die sich im Südtiroler Heimatschutz engagiert. Sie sieht in den Pisten der Skigebiete der italienischen Alpen „längst keine Wiesen mehr, sondern planierte Industriezonen“. Roner verfolgt die Bauarbeiten, die Olympia nach sich zieht – oder die durch die Spiele möglich werden. Vielerorts lagen Pläne für einen massiven „Ausbau der Infrastruktur in den Schubladen, die auf Finanzierung gewartet haben“. Der Tourismus, ein Teufelskreis? Die Spiele bereiten „dem Ausbau des motorisierten Individualverkehrs“ die Bahn, sagt sie. „Ingenieurstechnisch ist das perfekt, verkehrstechnisch wird es mehr schaden als nützen.“ Die Geschichte des Tourismus in den Alpen lehre: „Mehr Infrastruktur ermöglicht mehr Betten, mehr Betten locken mehr Touristen, mehr Touristen bringen mehr Verkehr, mehr Verkehr erfordert mehr Infrastruktur. Das ist ein Teufelskreis, der niemals endet.“ Im Pustertal und in Gröden, erzählt Roner, sagten die Menschen: „Es ist genug, es ist mehr als genug. Es ist zu viel.“ Auf der Website der Società Infrastrutture Milano Cortina (Simico), der Projektplanungsgesellschaft der Spiele, finden sich 98 „Interventionen“: Bei 47 Sportanlagen und 51 Infrastrukturprojekten ist Simico tätig geworden. Gesamtwirtschaftlicher Wert: 3,5 Milliarden Euro. Da Simico per Gesetz gestattet wurde, Aufträge direkt zu vergeben, sieht Roner neben der Umweltproblematik auch einen Widerspruch zu den üblichen demokratischen Verfahren und teils unabsehbare finanzielle Folgen für die Gemeinden. In Cortina d’Ampezzo hat Silverio Lacedelli einen ähnlichen Blick wie Marlene Roner. Er interessiere sich seit 1972 für Umweltschutz, seit er „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome gelesen habe, schreibt der Forstwirt im Ruhestand in einem so interessanten wie detailreichen E-Mail-Austausch mit der F.A.S. Er habe sein Leben lang in Anpezo gewohnt, wie der Ort auf Ladinisch, der Sprache der „Ureinwohner“ heiße. Lacedelli hat verfolgt, wie für den Neubau der Bob- und Rodelbahn ein Lärchenwald gerodet wurde, die Bäume waren laut Forstwirtschaftsplan 160 Jahre alt. Es ist das bekannteste Bauvorhaben der Spiele Milano Cortina ventiventisei, weil dieses Projekt niemand wollte außer der Regierung Meloni in Rom. Auch beim IOC schütteln sie darüber noch immer den Kopf, jedenfalls, wenn der Dubi-Sound ausgeschaltet ist. Auch anderenorts wurde gebaut, in Predazzo im Fleimstal wurden die Schanzen, für die WM 1991 gebaut, abgerissen und neugebaut. Über 40 Millionen Euro hat das gekostet. Aber die Bobbahn in Cortina ist ein Symbol dieser Spiele, noch bevor sie begonnen haben. „Lohnt es sich das für diesen Sport zu verschwenden?“ „Bobfahren hat sich aus lokalen Traditionen und Arbeitsgeräten entwickelt. Schlitten wurden im Winter benutzt, um Holz, Baumstämme und Heu ins Tal zu transportieren“, schreibt Silverio Lacedelli. „Daraus entwickelte sich der Wettkampf, erst der Straßenbob und schließlich der Bahnbob. Ursprünglich war es ein einfacher und beliebter Sport. Heute ist er anspruchsvoll, birgt Gefahren, hat nur wenige Athleten und ist extrem teuer. Lohnt es sich noch, Wasser, Geld, Umwelt und Energie für diesen Sport zu verschwenden? Als Kind hatte ich meinen eigenen Straßenschlitten und war glücklich; heute sind Straßen für Schlitten gesperrt. Die Welt hat sich verändert.“ Der kleine Silverio war fünf Jahre alt, als die Spiele zum ersten Mal in Cortina d’Ampezzo ausgetragen wurden. Siebzig Jahre später hatte der Rentner Lacedelli mit seinen Mitstreitern eine Bürgerbefragung beantragt. Der Antrag wurde abgelehnt. Er verweist auf das IOC, das Bürgerbefragungen gerne sehe, doch in seinem Heimatort hätten sie keine Chance gehabt. Dabei sei er gar nicht gegen Olympische Spiele: „Aber nicht so.“ Der Ort sei klein, 5000 Einwohner, 50.000 Betten, ohne Tausende Pendler jeden Tag sei der Betrieb in der Hochsaison nicht aufrechtzuerhalten: „Anderenfalls würde er zusammenbrechen.“ Investoren, oft aus dem Ausland, klagt er, machten ihre Immobiliengeschäfte. Die großen Investitionen forderten hohe Gewinne, ohne Rücksicht auf Natur und Umwelt, während die Politiker Bauprojekte vertuschten, die die wenigen verbliebenen Naturgebiete zerstörten. „Wir sind nur noch wenige, machtlos und von reichen Finanziers abhängig. Wir sehen die Zerstörung unseres Landes, das unsere Vorfahren über Jahrhunderte bewahrt haben, weil Wälder und Viehzucht die Lebensgrundlage der Bevölkerung bildeten“, schreibt Lacedelli. „Jedes weitere Bauprojekt verschlimmert die Situation nur.“ Und auch wenn von den 120 Pistenkilometern, mit denen Cortina wirbt, schon 1983 nur 89,603 Meter befahrbar gewesen seien, wie Lacedelli schreibt, und seither „viele weitere Pisten stillgelegt wurden“, sodass heute etwa 70 Kilometer befahrbar seien, wird es mit dem Tourismus in den italienischen Alpen in einer Richtung weitergehen: aufwärts. Die Industrie rechnet in Fünf-Jahres-Zyklen, noch flüchten die Skigebiete vor dem Klimawandel vielerorts in die Höhe. Und wenn die Olympischen Spiele zu Gast sind, wird es spektakulär, phantastisch, ikonisch. In vier Jahren wird der Dubi-Sound ein Stück weiter westlich, in den französischen Alpen erklingen. Derweil wird in Cesana Torinese in wenigen Monaten die Bobbahn abgerissen, die für die Spiele von Turin 2006, die bisher letzten Spiele in den Alpen, gebaut worden war. Dort werde überlegt, erzählt Marlene Roner, die Architektin aus Tramin, ob auf die Fläche eine Skihalle gebaut werden soll.
