FAZ 31.12.2025
15:46 Uhr

Ohne doppelten Boden: Eine kurze Geschichte der Zauberkästen


Goethe, das Becherspiel, Fixierbändchen, Trickgeräte: In Hamburg erzählt das Museum Bellachini die Geschichte magischer Kästen aus drei Jahrhunderten.

Ohne doppelten Boden: Eine kurze Geschichte der Zauberkästen

Er brauchte unbedingt noch ein Weihnachtsgeschenk für seinen Enkel, den zwölfjährigen Walther. Kurzum bat Goethe Anfang Dezember 1830 Freunde in Frankfurt um einen Gefallen: „Auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt werden gewiss solche Kästchen zu haben sein, worin mancherlei Gerätschaften zu Taschenspielerkünsten mit Anweisung zum Gebrauch beisammen sind.“ Und nur gut zwei Wochen vergingen, bis er sich „für die schnelle Besorgung“ bedankte und den Kaufpreis erstattete. Ganz billig war der Zauberkasten nicht. Etwa 150 Euro betrug sein Preis in heutiger Währung. Dem Geheimrat war das die Sache aber wert. Schließlich war er selbst seit seiner Kindheit von der Zauberkunst fasziniert und hielt sie für „ein herrliches Mittel zur Übung in freier Rede und Erlangung einiger körperlichen und geistigen Gewandtheit“. Damit dem jungen Zauberlehrling Walther, dem scharf auf die Finger geschaut wurde und dessen „Programme“ selbstverständlich dokumentiert wurden, die Geduld und vor allem die Lust am Zaubern nicht verging, wurde sogar für fachmännische Unterweisung gesorgt. Im Juni 1831 weilte der Wiener Magier Ludwig Döbler im Hause Goethe, um „Walthern einige Kunststücke zu lehren“. Walthers Zauberkasten wird heute im Goethe-Museum in Düsseldorf verwahrt. Er gilt als einer der ältesten noch erhaltenen weltweit. Tatsächlich lässt sich die Entstehung der ersten Zauberkästen auf die Wende vom achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert datieren. Angeregt waren die Inhalte dieser anfangs individuell bestückten Schatullen vor allem durch Bücher wie die des Franzosen Edme-Gilles Guyot, deren Übersetzung hierzulande unter dem Titel „Neue physikalische und mathematische Belustigungen“ weite Verbreitung fand. „Become the Ultimate Magician!“ Neben naturkundlichen Experimenten enthielten sie auch Anleitungen zum Bau von Taschenspielerapparaten, also der Ausrüstung, welche Zauberkünstler traditionell in einem Beutel verwahrten, den sie um die Schulter oder die Hüfte trugen, um im wahrsten Sinne „aus der Tasche“ zu spielen. Typische „Apparate“ waren Behältnisse, mit denen man etwas erscheinen oder verschwinden lassen konnte, Verwandlungsbücher, deren Seiten man mal voll und mal leer zeigte, das berühmte Becherspiel und mitunter sogar Trickwerkzeuge, mit denen sich – gefahrlos – Verletzungen simulieren ließen. Die erste Komplettausstattung eines Zauberkastens bot der Nürnberger Spiel- und Haushaltswarenhändler Georg Hieronimus Bestelmeier an. Und während die frühen Zauberkästen schlicht Schachteln waren, in denen man sein Trickgerät verstaute, entwickelten sie sich nach und nach zu Behältnissen, in denen jedes Kunststück seinen festen Platz in einem Fach, an einem Fixierbändchen oder in einem Etui erhielt. Der Aufstieg zum bürgerlichen Zeitvertreib verlangte offenbar nach bürgerlicher Ordnung. In Frankreich, wo man Zauberkästen ganz im Sinne von Guyot zuweilen auch als „boîtes physiques“ bezeichnete, gab es sogar Ausführungen, die geöffnet dank des feinen Arrangements ihres Inhalts zum Schauobjekt im Salon taugten. Wen die Geschichte des Zauberkastens mit all ihren technischen, kommerziellen, medialen, pädagogischen und künstlerischen Facetten interessiert, kann sich von ihr in Hamburg buchstäblich verzaubern lassen. In einem wirkungsvoll inszenierten Ausstellungsraum, dessen Wunderkammeratmosphäre die Magie der gezeigten Objekte spiegelt, präsentiert das „Zaubermuseum Bellachini“ im Stadtteil St. Georg eine Auswahl von Zauberkästen aus drei Jahrhunderten. Die Stücke stammen aus der Sammlung von Wittus Witt, einem Zauberkünstler und Fachautor, der das Museum 2022 gründete. Zweimal jährlich wechselt es seine Ausstellungen. Bisherige Themen waren etwa das Becherspiel oder die Rolle der Frau in der Zauberkunst. Von April 2026 an steht das Bild der Zauberkunst in der Literatur auf dem Programm. Ausgewählt hat Witt die Kästen, die er von den zweitausend, die er besitzt, zeigt, nicht unter dem Gesichtspunkt der Tricks, die sie enthalten. Bewusst hat er vielmehr die Art ihrer visuellen Gestaltung in den Vordergrund gestellt, vor allem die Deckelillustrationen. Dabei zeigt sich, dass fortschreitende technische Möglichkeiten sowie sich wandelnde ästhetische Anschauungen und gesellschaftliche Verhältnisse trotz eines gleichbleibenden Sujets mit der Zeit zu einer völlig neuen Bildsprache geführt haben. Wo ehedem Lithographien in warmen Farbtönen vornehm in Frack oder Umhang gewandete Zauberer in bürgerlichen Salons oder auf opulent ausgestalteten Bühnen zeigten, dominiert heute der Einsatz von grellen und oft metallisch wirkenden Farben. Mit auffälligen Hinweisen auf Hunderte von Tricks respektive dem Versprechen „Become the Ultimate Magician!“ werben sie nicht mehr mit der Aura des Geheimnisvollen, sondern mit dem praktischen Nutzen ihrer Inhalte. Noch immer schwingt zwar die Verheißung mit, aus dem Erwerber einen Künstler zu formen. Aber es geht nicht mehr darum, ihn – gleich ob Erwachsener oder Kind – zu einem Schauspieler auszubilden; einen, der beim Zaubern sich selbst in der Rolle des Magiers spielt. Vielmehr geht es inzwischen vornehmlich um das Kind, in dem die Hoffnung geweckt wird, durch die Fähigkeit, das scheinbar Unmögliche zu präsentieren, auch in einer Welt totaler Reizüberflutung Aufmerksamkeit zu erringen – ganz analog, mit eigener Sprache und eigenen Händen. Dass das in Entzauberung enden kann, weiß jeder, der selbst einmal einen Zauberkasten besessen hat. Daran hat sich seit Goethes Zeiten nichts geändert. Fünf Vorstellungen sind von Walther überliefert. Danach scheint seine Zauberkarriere im Sande verlaufen zu sein. Aber wenigstens ein bisschen zaubern zu können, hat noch niemandem geschadet. Von der Sehnsucht, zaubern zu können. Zauberkästen im Spiegel kindlicher Träume und kultureller Imagination. Museum Bellachini, Hamburg; bis 30. März 2026. Zur Ausstellung erscheint ein Begleitband.