FAZ 05.03.2026
07:15 Uhr

Öl, Waffen, Bündnisse: Die Angriffe im Golf treffen auch Indien und China


Trotz Sanktionen haben die USA Indien wieder erlaubt, russisches Öl zu kaufen. Das zeigt: Der neue Golfkrieg wirbelt die globalen Lieferketten für Rohstoffe und Waffen durcheinander. Das belastet Asiens Großmächte – und erhöht die Gefahr für Taiwan.

Öl, Waffen, Bündnisse: Die Angriffe im Golf treffen auch Indien und China

Indien hatte sich unter Ministerpräsident Narendra Modi schrittweise von Iran abgewendet, auch wenn der ein enger Verbündeter des eigenen Partners Russland war. Neu Delhi aber erkannte, dass Israel und die Golfregion die gewinnbringenderen Verbindungen böten. Modi besuchte Iran zuletzt im Mai 2016. Aber erst zwei Tage vor dem Angriff der Israelis auf den Iran hat Modi seinen Staatsbesuch in Israel beendet. Beide Länder vereinbarten in Tel Aviv unter anderem eine noch engere Zusammenarbeit in der Verteidigung und der Raumfahrt und schlossen eine „spezielle strategische Partnerschaft“. Die Inder sind wichtige Spieler in der Region und bilden auch hier ein Gegengewicht zu China: Während Peking Indiens Erzfeind Pakistan unterstützt und aufrüstet, plante Indien seit 2006, den iranischen Hafen Chabahar auszubauen. Modi hatte dies bei seinem Besuch 2016 noch einmal bekräftigt, und mit dem nun toten Führer Ali Khamenei auch über Kreditlinien zum Ausbau des iranischen Hafens verhandelt. Über ihn wollten die Inder Rohstoffe Afghanistans an Pakistan vorbei ausführen. Zugleich war ein Nord-Süd-Korridor aus Russland über Mittelasien bis zum iranischen Hafen geplant. In den vergangenen Jahren aber näherten sich die Inder immer deutlicher Israel an. Die militärische Vernetzung wurde spürbar enger; beide Länder sehen sich durch Terror – von Palästinensern und von Pakistanern – bedroht und bestärken sich darin, gegenzuhalten. Indien kauft immer mehr Waffen in Israel Vor diesem Hintergrund fließt viel Geld: Indien ist inzwischen der größte Käufer israelischer Waffen. Schätzungen zufolge stehen die Inder für rund 34 Prozent des gesamten israelischen Rüstungsexports – gegen diese Vorteile hatte Iran nichts zu bieten. Im Umkehrschluss ist Israel nach Russland und Frankreich zum drittgrößten Waffenlieferanten der Inder herangewachsen und steht schon für rund 13 Prozent der Waffeneinfuhr. Wichtiger noch: Es handelt sich dabei um hochmoderne Systeme, nicht um – oft überalterte – russische Waffen für den Bodenkrieg. So vereinbarten Modi und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nun auch die Gründung eines Indo-Israel Cyber Center for Excellence in Indien. Die Wendung hin zu Israel hatte spürbare Folgen für Iran: In ihren letzten Haushalt stellte Indiens Regierung keinen weiteren Etat für den iranischen Hafen Chabahar ein. Nun gibt es Meldungen, dass es genau dort zu Raketeneinschlägen gekommen sei. Auch die Inder brauchen Ruhe in der Golfregion: Täglich bekamen sie 2,7 Millionen Barrel (Fass, 159 Liter) Rohöl durch die Straße von Hormus, knapp 52 Prozent ihrer Gesamteinfuhr, berichtet die Energieagentur Kpler. Indien hat nur begrenzte Vorräte – Fachleute schätzen die Reserven auf gut zehn Tage ein. Eine Verteuerung des Weltmarktpreises treibt die indische Inflation: Steigt der Preis um einen Dollar, muss Indien für seine Einfuhr von gut 80 Prozent des Öls jeweils 1,4 Milliarden Dollar zusätzlich zahlen. Russisches Öl geht wieder nach Indien Durch Trumps Politik sieht sich Indien nun wieder gezwungen, auf russisches Öl zurückzugreifen – obwohl Trump die Inder genau dafür mit hohen Zöllen bestraft hatte. Der Anteil des russischen Billigöls war von 44 Prozent im Juni vergangenen Jahres auf nun 19 Prozent des Imports geschrumpft, wenn man den offiziellen Zahlen glauben darf. Schiffstracking-Daten am Donnerstagmorgen zeigen, dass drei Öltanker ihren Kurs geändert haben und auf Indien zusteuern. Sie transportieren mehr als zwei Millionen Barrel russisches Öl und sollten ursprünglich nach Ostasien fahren. Die Analysten von Nomura zählen Indien neben Thailand und Südkorea zu den „verletzlichsten Ländern“ mit Blick auf die Ölzufuhr. Der amerikanische Finanzminister Scott Bessent erklärte am Freitag, Indien dürfe nun für 30 Tage wieder Öl aus Russland beziehen – was einen Ausblick auf die Einschätzung der Kriegsdauer geben könnte. Indische Medien sorgen sich derweil auch um eine heraufziehende Nahrungsmittelkrise: denn Indiens Landwirtschaft hängt von Düngemitteln aus dem Nahen Osten ab. Es importiert 40 Prozent seines Harnstoffs aus der Region.  Ein Versorgungsengpass könne zu einem Rückgang der Ernteerträge um 50 Prozent führen, heißt es. Auf der anderen Seite sind die indischen Reisverkäufe betroffen, die zur Hälfte in die Golfregion gehen. In der gesamten Region leben rund neun Millionen Inder, vor allem als Gastarbeiter auf dem Bau und als Hausangestellte. Pakistan könnte an den Rand der Staatspleite getrieben werden Neben den Indern verdienen auch viele Pakistaner ihr Geld am Golf. Ihr Land importiert zudem den größten Anteil seines Öls und Gases aus der Region. Zudem bringen Schmuggler iranisches Öl im Wert von rund einer Milliarde Dollar jährlich nach Pakistan. Schwerer als dessen Ausbleiben aber ist der steigende Ölpreis: Jeder Anstieg um zehn Dollar treibt die Inflation im energiehungrigen Pakistan um 0,6 Prozentpunkte. Die Leistungsbilanz wird um knapp zwei Milliarden Dollar belastet und könnte das Land erneut an den Rand einer Staatspleite treiben. Steigende Angst im Iran könnte zu Flüchtlingsströmen nach Pakistan führen. Im schlimmsten Szenario stärkten die Flüchtlinge die Befreiungsarmee Belutschistans, die die Regierung angreift. Auch Indiens anderer großer Gegenspieler China ist vom Krieg am Golf stark getroffen. China ist der größte Abnehmer iranischen Öls und stützte das Mullah-Regime damit finanziell. Donald Trump sprach in den vergangenen Tagen mehrfach davon, dass der Krieg vielleicht noch vier Wochen dauern werde – setzte er sich fort, müsste möglicherweise das Gipfeltreffen von Trump und Chinas Präsident Xi Jinping im März verschoben werden. Sorge um Taiwan wächst Im demokratischen Asien haben Trump und Netanyahu durch ihren Angriff Sorge um Taiwan ausgelöst: Zum einen kreist sie darum, dass China den Bruch des Völkerrechts in Iran als Freifahrtschein betrachten könnte, die Insel zu übernehmen. Zum anderen wächst die Furcht, dass die amerikanische Armee mit ihrem Engagement in der Ukraine und im Nahen Osten keine ausreichenden Kapazitäten für einen Verteidigungskrieg hätte – läge denn der politische Wille dazu vor. Rund 40 Prozent der US-Marine seien derzeit am Golf engagiert, heißt es bei der Denkfabrik Center for Strategic and International Studies. Zugleich fehle es an Munition; Japan etwa warte seit Wochen auf zugesagte Lieferungen aus den USA. „Wir hoffen, dass die Operation schnell und begrenzt ist und dass die Ressourcen dann rasch wieder zurück nach Asien verlegt werden“, sagt Chen Kuan-ting, Abgeordneter der Regierungspartei und im Außenausschuss Taiwans. Ein längerer Konflikt im Nahen Osten mit einem Engagement der Amerikaner drohe „Frieden und Stabilität in der indopazifischen Region“ zu gefährden – denn Taipeh müsse sich auf weitere „Zwangsmaßnahmen“ Pekings vorbereiten. China bekommt den Krieg direkt zu spüren China besitzt seit 2016 eine „umfassende strategische Partnerschaft“ mit Iran. Genauso wie Moskau verurteilte Peking die Angriffe. Die kommunistische Autokratie und das Mullah-Regime übten den Schulterschluss: Teheran trat Pekings Neuer Seidenstraße (Belt and Road Initiative, BRI) 2019 bei, der Shanghai Cooperation Organisation 2023 und dann dem Schwellenländer-Bund BRICS um Russland, China, Indien, Brasilien und Südafrika im Jahr darauf. Chinas Ölimport war schon getroffen worden durch den amerikanischen Handstreich gegen Venezuela am 3. Januar, von wo China rund fünf Prozent seiner Öleinfuhr bekam. Aus Iran gingen täglich noch 1,6 Millionen Barrel über die Verladeinsel Kharg Island per Tanker nach China. Damit zählt die Volksrepublik für mehr als 80 Prozent des Ölexports Irans, der seinerseits gut 13 Prozent der Öleinfuhr Chinas auf dem Seeweg liefert. Insgesamt lässt sich China rund 40 Prozent seines Öls durch die Straße von Hormus liefern. Allerdings haben die Chinesen Reserven für rund 100 Tage aufgebaut. Die Volksrepublik profitiert seit Monaten von den gefallenen Preisen für russisches Öl – sie gaben nach, als Indien auf amerikanischen Zolldruck hin seinen Import verringern musste. Schon allein um China nicht von einer wichtigen Versorgung abzuschneiden, kann Trump derzeit kein Interesse an einem langen Krieg um die Straße von Hormus haben: Denn drei Viertel ihres Ölverbrauchs importiert die Volksrepublik, 44 Prozent davon aus dem Mittleren Osten. Direkt getroffen wird auch der Exportmotor Chinas durch das Umfahren der Seewege im Mittleren Osten – der längere Transportweg um Afrika nach Europa und höhere Versicherungsprämien verteuern die Ausfuhr. Vergleichsweise geschützt stehen Japan und Südkorea da: Beide verfügen über strategische Ölreserven für mehr als ein halbes Jahr. Insbesondere Südkoreas Exporteure etwa für Automobile oder Elektronik müssen allerdings auch das Rote Meer meiden und die längere und teurere Afrikaroute wählen. Trump hat damit derzeit die Hand am Ölhahn für den Norden Asiens, beeinflusst mit seiner Politik aber auch die für einige Länder der Region lebenswichtige Ausfuhr nach Europa. Er kann in Asien Freunde gewinnen, wenn er die amerikanische Marine in wenigen Tagen die Straße von Hormus und das Rote Meer wieder zu einem sicheren Seeweg macht – etwa dank der angebotenen Eskorten. Die Straße von Hormus ist dabei eine der wichtigsten Seestraßen überhaupt, für Öl und Gas die bedeutendste. Sechs Lieferländer nutzen sie; Iran, Irak, Kuwait und Qatar sind einzig auf diesen Wasserweg angewiesen. Rund 15 Millionen Barrel (Fass, 159 Liter) Rohöl und etwa vier Millionen Barrel Raffinerieprodukte gehen von hier täglich in die Welt, weiter elf Kubikfuß Flüssiggas – das entspricht jeweils in etwa einem Fünftel des Weltverbrauchs. Weniger als zehn Prozent davon aber gehen an Europa und die USA – der Rest ins nördlichere Asien. Aus Iran werden rund 1,5 Millionen Barrel täglich exportiert – was bei einem Sperren ebenfalls entfiele. Clayton Seigle vom Center for Strategic and International Studies in Washington unterscheidet vier Szenarien, die unterschiedliche Folgen für den Ölpreis hätten: Wenn Israel den Ölexport Irans blockierte, dürfte das den Weltmarktpreis um weitere bis zu zwölf Dollar pro Barrel steigen lassen.Wenn Iran die Straße von Hormus blockierte, stiege der Ölpreis auf über 90 Dollar pro Barrel.Wenn die Israelis und Amerikaner die iranische Öl-Infrastruktur direkt angriffen, dürfte das den Ölpreis auf mehr als 100 Dollar treiben.Würde Iran seinerseits die arabische Öl-Infrastruktur angreifen, drohte der Ölpreis auf mehr als 130 Dollar zu steigen. Zu ersetzen ist der Transportweg durch die Straße von Hormus nicht. Zwar gibt es die East-West-Pipeline von Saudi Aramco, die Saudi-Arabien mit dem Yanbu Commercial Port als Verladehafen verbindet. Analysten aber rechnen vor, dass von dort nicht einmal drei Millionen Barrel täglich verschifft werden könnten. Weitere zwei Millionen Barrel könnten die Emirate über eine Rohrleitung in den Hafen Fujairah am Golf von Oman leiten – was also summiert höchstens ein Drittel der Hormus-Ladungen ersetzen könnte.