FAZ 03.01.2026
08:49 Uhr

Öl, Drogen, Regimewechsel: Darum geht es im Konflikt der USA mit Venezuela


Die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und Venezuela haben seit Wochen immer weiter zugenommen. Dahinter stehen strategische Interessen Washingtons.

Öl, Drogen, Regimewechsel: Darum geht es im Konflikt der USA mit Venezuela

Seit vier Monaten eskaliert der Konflikt zwischen den USA und Venezuela. Die Amerikaner haben in der Karibik so viele Streitkräfte zusammengezogen wie noch nie: Kampffluzgzeuge wurde nach Puerto Rico verlegt, ein Flugzeugträgerverband kreuzt vor der venezolanischen Küste. Die amerikanische Regierung rechtfertigt ihr Vorgehen mit dem Kampf gegen Rauschgiftschmuggel. In der Nacht zum Samstag griff das US-Militär dann in der Hauptstadt Caracas an. Spezialeinsatzkräfte nahmen Präsident Maduro gefangen und brachten ihn außer Landes. Worum geht es in dem Konflikt der Vereinigten Staaten mit Venezuela? 1. Drogen Die Vereinigten Staaten sind der weltgrößte Markt für Rauschgifte aller Art.  Ein Großteil stammt aus Lateinamerika und wird auf dem Land- oder Seeweg geschmuggelt. Zumeist handelt es sich um Kokain, aber auch um Heroin und Cannabis. Zu einem wachsenden Problem haben sich in den vergangenen zehn Jahren synthetische Opioide entwickelt, insbesondere von Fentanyl. Dessen Konsum ist für den Tod hunderttausender US-Bürger ursächlich. Unlängst erklärte Trump Fentanyl zur Massenvernichtungswaffe. Fentanyl wird fast ausschließlich in Mexiko produziert. Die chemischen Vorläufersubstanten stammen überwiegend aus China. Kokain stammt derweil vor allem aus Kolumbien, Peru und Bolivien und gelangt meist über Zentralamerika und Mexiko in die USA – also über die Pazifikroute. Venezuela, dessen Machthaber Nicolás Maduro von Kuba, Russland, Iran und China unterstützt wird, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ebenfalls zu einem Transitland für den Kokain entwickelt. Der größte Teil des Rauschgiftes ist aber nicht für den amerikanischen, sondern für den europäischen Markt bestimmt. Trump hat dem Rauschgifthandel den Kampf angesagt. Seine Regierung hat Drogenkartelle und andere Verbrechersyndikate in Lateinamerika zu internationalen Terrororganisationen erklärt. Um den Rauschgifthandel aus Lateinamerika zu bekämpfen, setzt Washington inzwischen auf sein Militär. Seit dem 2. September sind mehr als 30 Schiffe, die Rauschgift transportiert haben sollen, durch Angriffe aus der Luft versenkt worden. Dabei wurden nach einer Zählung der New York Times mindestens 115 Personen getötet. Anfangs griffen die Vereinigten Staaten vorwiegend Schiffe in der Karibik an. Mittlerweile hat sich der Schwerpunkt der Attacken in den Pazifik verlagert. Juristisch ist das Vorgehen der Amerikaner umstritten. Das Weiße Haus entgegnet Kritikern, die Angriffe seien rechtmäßig, da sie durchgeführt würden, um das Leben von US-Bürgern zu schützen. 2. Regimewechsel Die USA werfen Venezuelas Präsident Nicolás Maduro vor, einer der Köpfe des sogenannten Cartel de los Soles zu sein, eines mutmaßlichen Netzwerks ranghoher Militärs und Staatsfunktionäre, das den Kokainschmuggel über Venezuela erleichtert und daran mitverdient. Staatliche Strukturen wie Flughäfen, Häfen und Grenzübergänge würden genutzt, um Drogenlieferungen durch das Land zu schleusen. Die Vorwürfe stützen sich vor allem auf Zeugenaussagen ehemaliger Kartellmitglieder und Untersuchungen zu Schmuggelrouten. Die US-Justiz hat Maduro auf dieser Grundlage wegen „Narco-Terrorismus“ angeklagt und eine Belohnung von 50 Millionen Dollar für Hinweise ausgesetzt, die zu seiner Festnahme führen. Das „Sonnenkartell“ wurde im vergangenen Jahr als Terrororganisation eingestuft. Trump legte Mitte Dezember nach, indem er in einem Beitrag in den sozialen Medien schrieb, dass das „venezolanische Regime zu einer ausländischen terroristischen Organisation“ erklärt worden sei. Caracas weist alle Vorwürfe als politisch motiviert zurück und spricht von einem Vorwand für einen Regimewechsel. Seit 2018 erkennt Washington Maduro nicht als legitimen Präsidenten an. Damals hatte sich Maduro ein weiteres Mal unter dem Ausschluss der Opposition zum Präsidenten wählen lassen. Als Maduro sein Mandat antreten wollte, rief die Opposition den damaligen Parlamentsvorsitzenden Juan Guaidó zum Übergangspräsidenten aus. Washington und kurz darauf die meisten anderen westlichen Regierungen schlugen sich auf Guaidós Seite. Doch der internationale Druck reichte nicht aus, um Maduro zu stürzen. Wie schon in den Jahren zuvor wurden die Kundgebungen der Opposition mit Gewalt erstickt und etliche Oppositionelle verfolgt und willkürlich verhaftet. Dem Regime und seinen Sicherheitskräften werden schwere Menschenrechtsverletzungen angelastet. Das Szenario wiederholte sich bei der Präsidentenwahl im Sommer 2024, als die Opposition unter der Führung der heutigen Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado mithilfe von zusammengetragenen Wahlprotokollen aus etlichen Wahllokalen den Sieg ihres Kandidaten beweisen konnte, Maduro sich jedoch ohne Grundlage zum Sieger ausrufen ließ und sich damit vollends als Diktator entlarvte. 3. Öl Sanktionen gegen Venezuela sind das zentrale Druckinstrument Washingtons im Konflikt mit dem Maduro-Regime. Seit 2015 schrittweise eingeführt und nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl 2018 deutlich verschärft, zielen sie auf Personen des Machtapparats, staatliche Institutionen und vor allem den Ölsektor. Mit dem faktischen Embargo gegen den staatlichen Ölkonzern PDVSA von 2019 an sollte dem Regime die wichtigste Einnahmequelle entzogen und politischer Druck für einen Machtwechsel erzeugt werden. Zwar schwächten die Sanktionen den Staatshaushalt massiv und beschleunigten den wirtschaftlichen Niedergang Venezuelas, sie führten jedoch nicht zum Sturz Maduros. Durch die Sanktionen schnitten sich die USA zudem selbst den Zugang zu den größten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt ab. Lange Zeit, selbst noch unter Maduros Vorgänger Hugo Chávez, waren die USA der wichtigste Abnehmer des venezolanischen Erdöls. In Texas sind ganze Raffineriekomplexe auf das schwere venezolanische Öl ausgerichtet. China wurde zum wichtigsten Abnehmer. Eine zentrale Rolle bei der Umgehung der Sanktionen spielt Venezuelas sogenannte Schattenflotte – ein Netzwerk aus Öltankern, häufig mit wechselnden Flaggen, undurchsichtigen Eigentümerstrukturen und abgeschalteten Ortungssystemen. Über diese Schiffe wird venezolanisches Öl verdeckt exportiert, oft mit Umladungen auf hoher See, falschen Herkunftsangaben oder Vermischung mit anderem Rohöl. Iran ist dabei der wichtigste operative Partner, indem es Venezuela in die eigene Logistik einbindet, die seit Jahren zur Umgehung der US-Sanktionen genutzt wird. Teheran liefert Venezuela überdies Treibstoff, den es selbst nicht ausreichend produzieren kann, sowie Chemikalien, um das schwere venezolanische Öl zu verdünnen. Außerdem sind iranische Ingenieure maßgeblich an der Instandhaltung der maroden venezolanischen Erdölanlagen beteiligt. Mit der Beschlagnahmung zweier Öltanker in der Karibik hat Trump deutliche Zeichen gesetzt, diese Schattenwirtschaft nicht mehr länger zu dulden. Trump hat zudem die Blockade aller sanktionierten Schiffe angedroht, die in Venezuela an- oder ablegen. Die Blockade von Tankern soll dem Regime in Venezuela vollends die Luft abschnüren.