Als im Januar 2024 die Serie „Oderbruch“ zuerst im ARD-Stream erschien, waren wir positiv überrascht ob des wilden Genre-Mixes, der über acht Folgen die Spannung nicht nur hielt, sondern immer weiter steigerte bis zum überraschenden Ausgang. In der von Arend Remmers (Headautor), Christian Alvart (Co-Autor) und Adolfo J. Kolmerer (Regie) produzierten Serie trafen sich gruselige Volksmythen, mittel- und osteuropäische Weltkriegsgeschichte, Polizeifilmästhetik und Serienkiller-Thrillerthemen an Schauplätzen, die mit Hochglanz-Düsternis und Sounddesign-Trostlosigkeiten auch visuell und akustisch überzeugten. Ein Berg blutleerer Leichen Was als Entdeckung eines Bergs blutleerer Leichen im Überschwemmungsgebiet des deutsch-polnischen Grenzgebiets, im Oderbruch, begann, führte die angereisten Ermittler einerseits in die Geschichte, zu den Folgen der finalen Schlachten zwischen Roter Armee und Wehrmacht im Frühling 1945, andererseits in eine von Gräuelerinnerung geprägte Kulturlandschaft. In ein verfluchtes Land und zu Schauermären, vor denen die Ansässigen oftmals geflohen waren. Viele hatten ihren Besitz unter Wert verkauft, um bloß wegzukommen. Wer blieb, hatte Gründe, wie Arthur Kring (Volkmar Kleinert) und seine Frau Minna (Bettina Wegner), die verbarrikadiert auf ihrem Hof lebten, seit ihr Sohn Kai (Julius Gause) in der Oderflut von 1997 ums Leben gekommen war. Ihre Tochter, Ex-Polizistin Magdalena Kring (Karoline Schuch), kehrte zurück, beteiligte sich an der immer unheimlicher werdenden Aufklärung. So auch der polnische Beamte Stanislaw Zajak (Lucas Gregorowicz). Man stieß auf ein Internat in Polen, in dem ständig Blut gespendet werden musste, und auf Kais leeres Grab – die Auflösung war das nicht. Die vermeintlich Üblen erwiesen sich als vom Schicksal Geschlagene, die versuchten, das Teuflische im Zaum zu halten. Die Aufdeckungsstruktur der Serie funktionierte bis zum Schluss, hielt kapitale Wendungen parat, bis klar wurde: Magdalena, genannt Maggie, und Kai, der aufgespürte Untote, sind Vampirgeschwister. Sie ist zudem die Letzte ihrer Art, die einzige Hoffnung der Zivilisationsvernichter. Einzig Zajak ermittelt das ganze Bild und wird für verrückt erklärt. Etwa 13 Millionen Mediatheken-Abrufe später kann man den Ausgang von „Oderbruch“ getrost verraten. Die neuen Folgen setzen dieses Wissen ohnehin voraus und erzählen von der geplanten Übernahme der Weltherrschaft der Strigoi, einer widerwärtigen Linie von Vampiren, durch Vernichtung der Männer, Zuchtprogramm und Versklavung von Frauen umstandslos weiter. „Oderbruch 2“ setzt mit der Umwertung der bisherigen Charakterbewertungen ein, setzt andere Genre-Akzente und verlegt die Schauplätze an ähnlich beeindruckende Landschaftsorte. Neue Figuren erscheinen als Zentralgestalten, und es entwickelt sich ein shakespearehaft-dynastischer Kampf um das Ende der mittelalterlich geprägten Standesordnung der Strigoi-Vampire und dem jungen Vampir-Rebellen Quito (Sabin Tambrea), der die bürgerliche Familienordnung zum Maß künftiger Vampir-und-Menschen-Koexistenz machen will. Oder er will etwas anderes, und es handelt sich hier um ein ideologisches Feigenblatt. Wieder entpuppen sich manche der Abscheulichen als gemischte Charaktere, wieder sind manche Schauwerte überwältigend (Kamera Christian Huck), wieder sind Musik (Roman Fleischer, Tim Schwerdter, Christoph Schauer, Max Filges) und Sounddesign (Florian Holzner, Julian Holzapfel, Sebastian Tesch) wesentliche gelungene Gestaltungselemente. Bonnie and Clyde in Vampirgestalt Nun aber treffen wir die Vampirgeschwister Maggie und Kai, den Massenmörder voller Gewissensbisse, auf einem Roadtrip nach Nord- und Westeuropa. Ihre Mission: die „großen Jäger“ auslöschen, Vampire, die Menschen ermorden. In Bonnie-und-Clyde-Manier überfallen die Geschwister Krankenhäuser, erbeuten Blutkonserven. Im Gegensatz zu Kai, der sich gedrillt hat, von Tierblut zu leben, braucht Maggie immer mehr Menschenblut, wird ständig gefährlicher. Die Reise bringt sie in die abgelegene Extremadura. Hier lebt Cristóbal (Miguel Álvarez), der Backpacker-Touristen als Blutbank im Käfig hält. Erwartet werden sie schon von Quito. Sein Ziel ist die Entführung Maggies, von seinem Vater Ion (Martin Feifel als finsterer Folterfürst) zur Urmutter eines neuen Geschlechts bestimmt. Ion residiert in einem zwischen Spanien und Portugal einsam gelegenen Kloster im Abendrot seines Terrorregimes. Er lässt weibliche Vampirabkömmlinge ohne Blutdurstanlage nach der Geburt umbringen oder als Mädchen zum Missbrauch abholen. Die sogenannten Zibben schuften als Sklavinnen, werden vergewaltigt und sadistisch bestraft. Klosterfrau Helen (Sina Martens) versucht unter Lebensgefahr, ihre Tochter Sophie (Lotte Engels) zu beschützen. Und Vampirtöter Kai erfährt, dass auch Maggie eine heimliche Tochter hat, die zartbesaitete Vera (Emily Kusche), die in Spanien Cello studiert und im Tierheim kranke Hunde pflegt. Auch der polnische Ex-Polizist Zajak ist Vera auf der Spur. In der Musikhochschule kommt es zum ersten Showdown zwischen den Parteien. Dieses Mal also karger Süden statt Karpaten als ethisches Niemandsland, ferner „Handmaid’s Tale“-Reminiszenzen und an das Harry-Potter-Universum erinnernde Rassismusthematik, gemischt mit Mittelalter-Symbolik. Vor allem aber gibt es eine emotional geprägte Führung durch die Handlung. Die Geschwister müssen sich zwischen Zuneigung und Pflicht entscheiden, der Mutter-Tochter-Konflikt zwischen Maggie und der Vampirnovizin Vera nimmt breiten Raum ein. Trotz nun nurmehr sechs Folgen findet sich ausgiebig Zeit für Action und physisches Spiel, blutbesudelte Klopperei, offene Horrorwunden, Schießerei, Sadismus und weibliche Selbstermächtigung. Wieder eine im Ergebnis wirkungsvolle Mischung, die hierzulande selten ist, zwar gelungen, aber nicht ganz der mutige Wurf wie Staffel eins. So viel sei gespoilert: Am Schluss von „Oderbruch 2“ ist diese Vampirsaga noch nicht zu Ende. Die sechs Folgen von Oderbruch 2 stehen ab 20. Februar in der ARD-Mediathek. Lineare Ausstrahlung am 22. Februar ab 22.05 Uhr (Folge 1 und 2), 27. Februar ab 23.55 Uhr (Folgen 3 bis 6).
