FAZ 28.01.2026
06:36 Uhr

Obszönität als Vorwand: Wer in Amerika beim Thema Sex den Mund halten soll


Lobbygruppen, die in den USA Bücher aus Bibliotheken verbannen wollen, knüpfen an einen jahrzehntealten Kulturkampf an. Dabei bringen sie vor allem Schwarze, queere und Frauen zum Schweigen.

Obszönität als Vorwand: Wer in Amerika beim Thema Sex den Mund halten soll

Es war die „Musik des Teufels“: Als Elvis Presley in den Fünfzigerjahren die Hüften kreisen ließ und Hunderttausende Teenager es ihm am Radiogerät nachtaten, da ging für viele konservative Amerikaner die Welt unter. In ihren Klagen über das angebliche Verderben der Jugend schwang die Ablehnung schwarzer Musik und Kultur nicht nur implizit mit, sie wurde häufig offen benannt, und das nicht nur im Süden der USA. Die Auseinandersetzung um Elvis ist eines der berühmtesten Beispiele dafür, wie sich in den Konflikten um Kultur der Topos der Obszönität mit Rassismus mischte. Dabei ging es stets auch darum, die Außengrenzen der weißen Geschlechterordnung zu schützen, also die „Ehre“ der als Besitz definierten weißen Frauen. Kulturkämpfe um Obszönität und Anstand führten im 20. Jahrhundert und führen heute vor allem konservative Medien, Bürgervereine und Lobbygruppen – von „White Citizens’ Councils“ damals bis zu „Moms for Liberty“ heute. Letztere wollen zurzeit Bücher für sexuelle Inhalte, aber eben auch für das Sprechen über Rassismus aus den Schulbibliotheken verbannen und haben vielerorts Erfolg. Feldzüge gegen die „Unanständigkeit“ konnten und können jeden treffen: Schriftsteller, bildende Künstler, Musiker, Filmemacher. Immer Ärger mit den Nackten Die Auseinandersetzung um Pornographie, zuerst als Buch, Fotografie und dann als Bewegtbild, sorgte für den juristischen, aber auch den kulturellen Definitionsrahmen. Die Formulierung „I know it when I see it“ („Ich erkenne sie, wenn ich sie sehe“) steht bis heute für das Problem, dass Obszönität in letzter Konsequenz im Auge des Betrachters liegt. Der Oberste Richter Potter Stewart sagte den Satz 1964 im Fall Jacobellis v. Ohio. Damals ging es um die Frage, ob der französische Film „Les Amants“ von Louis Malle in dem Bundesstaat als obszön verboten werden könne. Der Film durfte am Ende gezeigt werden, das Urteil war ein Meilenstein in Sachen Kunst- und Meinungsfreiheit. Stewarts Formulierung wurde als Entlarvung der Subjektivität von Obszönitätsurteilen oft kritisiert und parodiert, aber auch als ehrliche Anerkennung der Ambiguität moralischer Grenzen gelesen. Der Comstock Act hatte von 1873 an als „obscene, lewd or lascivious“ bezeichnete Materialien im Postverkehr kriminalisiert. Das war ein Gummiparagraph, der Erotik, Verhütungsaufklärung, queere Literatur und radikale Politik gleichermaßen traf. Später entwickelte sich in der Rechtsprechung der sogenannte Dreistufentest: Was sind Gemeinschaftsstandards für die Bewertung, was sagt das Gesetz, und hat das Werk künstlerische Qualität? Natürlich waren schon die „community standards“ sozial geprägt: historisch weiß, heteronormativ, christlich. Weltliteratur auf dem Index In der Literatur gab es in den Fünfziger- und Sechzigerjahren besonders viele Feldzüge gegen vermeintliche Obszönität. So landete Allen Ginsbergs 1956 veröffentlichtes Gedicht „Howl“ wegen seiner Darstellung von Sexualität und Drogenkonsum vor Gericht, der Manager des „City Lights“-Buchladens in San Francisco und ein Kollege von Ginsberg wurden wegen der Publikation festgenommen. Auch dieser Freispruch 1957 war ein wegweisendes Urteil für die Kunst- und Meinungsfreiheit. Der „Wendekreis des Krebses“ von Henry Miller war indessen über Jahrzehnte verboten, bis das Buch 1961 bei Grove Press erschien und mehrfach vor Gericht kam. Das Verfahren war Teil einer Serie von Entscheidungen des Supreme Court, mit denen die Rechtsprechung gegen „unanständige“ Inhalte von 1959 an neu ausgelegt wurde – auch „Lady Chatterley’s Lover“ von D. H. Lawrence konnte dann erscheinen. In den Achtziger- und Neunzigerjahren verlagerte sich die Diskussion in der Literatur dann auf die „canon wars“, sogenannte Kriege um den Kanon, vor allem an Hochschulen. Der Ende der Achtzigerjahre in Stanford populäre Protestslogan „Hey, hey, ho, ho, Western Civ has got to go“ (etwa: „Der Lehrplan Westliche Zivilisation muss weg“) zeigte an, dass es immer mehr Sudenten und manchen Professoren darum ging, auch nichtwestliche und nichtweiße Autoren und Frauen in den Kanon aufzunehmen. Intellektuelle wie Toni Morrison oder Edward Said plädierten für die Dekolonisierung der Lehrpläne. Die parallel weiterlaufenden Anti-„Schmutz“-Initiativen waren oft auch eine Antwort auf diese Auseinandersetzungen. Verbote mit politischem Motiv Nicht erst seit der MAGA-Bewegung und „Moms for Liberty“ bemühen sich Rechte, Werke von Morrison wie „Beloved“ aus Schulen und deren Bibliotheken zu verbannen – das Argument ist dabei häufig die Darstellung von Sex. So muss nicht benannt werden, dass hier Bücher angegriffen werden, die von Sklaverei und Rassismus handeln. Auch aus der Musik gibt es zahlreiche Beispiele für die Obszönitäts-Kulturkämpfe. Im Jahr 1990 erklärte ein Bundesrichter in Florida 2 Live Crews „As Nasty As They Wanna Be“ für obszön. Clubbesitzer und Bandmitglieder wurden verhaftet, bevor das Verbot 1992 kassiert wurde. Sexuelle Derbheiten, die ähnlich in weiß codierter Rock-Ästhetik durchgingen, wurden zum Politikum. In der Kunst gab es gleichfalls regelmäßig Versuche, Werke und Künstler wegen Obszönität zu verbannen. Mit dem Aufstieg der politischen und Konzeptkunst in den Sechzigerjahren nahmen auch die Auseinandersetzungen um vermeintlich unanständige Werke zu. Ein Höhepunkt war der Streit um Andres Serranos „Piss Christ“ von 1987. Das Foto von einem kleinen Plastikkruzifix in einem mit Urin gefüllten Gefäß löste Stürme der Empörung aus. Weil Serrano von der nationalen Kulturstiftung National Endowment for the Arts (NEA) gefördert wurde, nahmen Konservative sein Werk als Beispiel im Kampf gegen öffentliche Finanzierung von Kunst und Kultur. Grenzfall Mapplethorpe Um die Förderung aus öffentlichen Mitteln ging es zum Teil auch beim Streit um Robert Mapplethorpes Retrospektive „The Perfect Moment“ im Jahr 1989. Seit Dezember 1988 tourte die Ausstellung, die auch Aktaufnahmen schwarzer Männer zeigte, durchs Land. In einem für Jugendliche unzugänglichen Teil wurden unter anderem Bilder von homosexuellem Sex und BDSM gezeigt. Nachdem Kongressabgeordnete um den Republikaner Jesse Helms aus North Carolina eine Kampagne gegen die Schau gestartet hatten, sagte die Corcoran Gallery in Washington sie ab. Helms brachte ein Gesetz ein, das verhindern sollte, dass „Obszönität“ gefördert würde. Im Fall von Mapplethorpe wurde die Debatte dadurch verkompliziert, dass ein paar seiner Fotos auch Minderjährige zeigten. So gab es auch Kritiker, die den Schutz dieser Kinder und ihre mangelnde Fähigkeit zu informierter Zustimmung problematisierten. Den Republikanern ging es aber um alle sexuell konnotierten Bilder in der Schau und darum, die Mission des NEA grundsätzlich infrage zu stellen. Die öffentliche Stiftung ist auch heute Ziel der Angriffe von Donald Trump und seiner Regierung, die sie am liebsten ganz abschaffen würde. Statt zu begründen, warum man sie für schlechte oder belanglose Kunst halte, wurden sexuell explizite Werke von rechts stark politisiert. Gerade der Streit um Mapplethorpe zeigte, dass es häufig darum ging, alles zu regulieren, was nicht Ausdruck von Heterosexualität war. Zwar sind immer wieder Männer Ziel dieser Anti-Obszönitäts-Feldzüge geworden. Allerdings waren es sehr häufig homosexuelle, queere, nichtweiße oder linke Männer. Der kreative Ausdruck von Frauen wurde häufig noch stärker sanktioniert. Schreiben Frauen über Sex oder drücken sich künstlerisch in dieser Richtung aus, wird ihnen die Ernsthaftigkeit oder die literarische Qualität schneller abgesprochen. Viele Frauen schadete das Schreiben über Sex Philip Roth hatte Schwierigkeiten, als er in Büchern wie „Portnoys Beschwerden“ über die Nöte eines heimlich onanierenden Teenagers schrieb. Seine Feinde waren allerdings in den Fünfziger- und Sechzigerjahren vor allem Antisemiten, und letztlich wurde er literarisch immer mehr anerkannt. Unter den Schriftstellergrößen gab es viele Männer, denen es nicht schadete, über Sex zu schreiben, aber wenige Frauen – und die fuhren besser, wenn sie sich an eine abstrakte, surreale oder blumige Sprache hielten. Anaïs Nin war leichter anzuerkennen als Erica Jong mit ihrem „zipless fuck“ aus „Angst vorm Fliegen“ von 1973 oder Eileen Myles, deren „Chelsea Girls“ 1994 queere Sexualität schilderte. Diese Grenzen galten lange auch für Künstlerinnen und Sängerinnen, wobei in den vergangenen Jahrzehnten eine Liberalisierung stattgefunden hat. Veröffentlichungen wie Eve Enslers „Vagina-Monologe“ von 1996 veränderten die Diskussion. So konnte ein Song wie „WAP“ („Wet Ass Pussy“) von 2020 Kult werden – auch wenn die üblichen Kulturkampf-Salven gegen Rapperin Cardi B nicht ausblieben. Ein Hebel, Kunst von Frauen mit sexuellem Inhalt zu diskreditieren, ist die Vermischung mit „MeToo“, also dem Anspruch, frei von sexueller Belästigung und Gewalt zu leben. Gegen die zum Ausdruck gebrachte Selbstbestimmung wird dann, gern in komplizierterer Sprache, das Argument ins Feld geführt, Frauen provozierten Angriffe – auch von weiblichen Kritikern. Auch Cardi B wurde von Rechten wie Candace Owens in dieser Weise diskreditiert. Auch die gegenwärtigen Bücherverbote in amerikanischen Büchereien, hauptsächlich Schulbibliotheken, hängen mit der Geschichte der Obszönität zusammen. Es fällt den Zensoren besonders leicht, an dieses kulturelle Erbe anzuknüpfen, weil die Rhetorik des angeblichen Schutzes von Frauen und Kindern nicht neu ist. Die Vorstellung, man müsse über den gesetzlichen Jugendschutz hinaus überwachen, was Heranwachsende lesen, offenbart den Kern des autoritären Bildungsverständnisses. Über ein Buch zu stolpern, das nicht für die eigene Altersgruppe bestimmt ist oder in dem sonstige „verbotene“ Gedanken stehen, an denen man seinen kritischen Geist schulen könnte, kann schließlich zu den prägenden Bildungserlebnissen gehören, um die man Kinder und Jugendliche so bringt.