FAZ 12.02.2026
19:24 Uhr

Obdachlosigkeit: „Die Wohnung gibt mir endlich Frieden“


Giuseppe war drogenabhängig und lebte auf der Straße, 17 Jahre lang. Jetzt hat er wieder eine Wohnung – durch „Housing First“. Was steckt hinter der Idee?

Obdachlosigkeit: „Die Wohnung gibt mir endlich Frieden“

Obdachlosigkeit Zurück ins Leben Von JONAS WAGNER (Text) und DANIEL PILAR (Fotos) 12. Februar 2026 · Erst eine Wohnung, danach der ganze Rest: Mit „Housing First“ sollen Menschen von der Straße geholt werden. Funktioniert das? Schlafplätze von Obdachlosen in der Düsseldorfer Innenstadt, nahe der Königsallee. Endlich wieder Spiegeleier. Sie sind das erste Gericht, das Giuseppe sich zubereitet, damals, vor knapp zwei Jahren, zu Beginn seiner neuen Zukunft. „Das war ein ganz emotionaler Moment für mich“, sagt er heute. Spiegeleier gab es zwar auch in seinem alten Leben, serviert im Brötchen bei der Diakonie, manchmal auch als Strammer Max. Doch selbst Spiegeleier braten, in der eigenen Pfanne, auf dem eigenen Herd, in der eigenen Wohnung – für Giuseppe ist es damals der Beginn seines neuen Lebens. Eines Lebens jenseits der Straße, nach 17 Jahren Obdachlosigkeit. Davon erzählt der Sechsundvierzigjährige – der darum bittet, seinen Nachnamen nicht zu veröffentlichen – in einem Büroraum in Düsseldorf-Oberbilk. Durch drei Deckenfenster fällt das Tageslicht auf den großen grauen Konferenztisch. Hier, ein paar Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt, hat der Verein „Housing First Düsseldorf“ seinen Sitz. „Ich hatte nie Chancen im Leben“, sagt Giuseppe, „und hab’ durch Housing First eine Chance bekommen, die ich dann genutzt habe.“ Giuseppe in der Küche seiner neuen Wohnung, in der er mit seiner Partnerin Steffi lebt. „Housing First“, das ist nicht nur der Name des Düsseldorfer Vereins, sondern auch die Bezeichnung einer bestimmten Strategie zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit. Die Idee: Obdachlose Menschen sollen zuallererst Wohnraum bekommen, um dann ihre anderen Probleme angehen zu können, etwa Arbeitslosigkeit oder Drogensucht, unterstützt von Sozialarbeitern. Das klingt simpel, stellt jedoch die klassische Obdachlosenhilfe vom Kopf auf die Füße. Bei ihr steht die eigene Wohnung am Ende eines mehrstufigen Wiedereingliederungsprozesses, der über Wohnheime und Massenunterkünfte führt und häufig an Voraussetzungen wie etwa Abstinenz geknüpft ist. Der „Housing First“-Ansatz kommt ursprünglich aus den Vereinigten Staaten, mittlerweile wird er aber auch in mehreren europäischen Ländern verfolgt. Das wohl prominenteste Beispiel ist Finnland, wo der Ansatz seit 2008 praktiziert wird. Das Ergebnis: Bis 2022 sank die Zahl der Langzeitobdachlosen um fast 70 Prozent. 2024 gab es im ganzen Land laut der finnischen Regierung noch etwa 1000 Langzeitobdachlose. Läuft man durch die Stadtzentren nicht nur von Berlin, Hamburg oder Frankfurt, lässt sich erahnen, dass es in Deutschland weitaus mehr sind. Das belegt auch ein Blick auf die Zahlen: Mehr als eine halbe Million Menschen sind hierzulande ohne Wohnung, Tendenz steigend. 474.700 von ihnen sind in Sammelunterkünften oder Obdachloseneinrichtungen untergebracht. Weitere 60.400 Personen kommen bei Angehörigen oder Bekannten unter, sie werden als verdeckt Wohnungslose bezeichnet. Doch mehr als 47.000 Menschen leben auf der Straße. Dabei will der Bund Wohnungslosigkeit bis zum Jahr 2030 abgeschafft haben. Wie soll das funktionieren? Vorsichtige Antwort: Es bedarf mehrerer Bausteine. Sie sind aufgeführt im ersten Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit, beschlossen 2024 von der Ampelkoalition, zu dessen Umsetzung sich die schwarz-rote Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag bekannt hat. Auch „Housing First“ gehört dazu. Szenen aus dem Leben auf der Straße: durch ein Vordach geschützte Ecke und Lebensmittel Bei Giuseppe in Düsseldorf hat das Konzept funktioniert. „Wenn man die Wohnung hat, bekommt man Bock auf mehr“, sagt er. Bock, sein Leben in den Griff zu kriegen. Drei Jahrzehnte lang sei er von verschiedenen Substanzen abhängig gewesen, berichtet Giuseppe. „Sehr viel Alkohol, sehr viel Kokain.“ Ein „unausstehlicher Mensch“ sei er gewesen, der durch die Drogen immer schlimmer wurde. Wenn er erzählt, wie sich die Sozialarbeiter trotz allem um ihn kümmerten, spricht aus Giuseppes Stimme nicht nur Dankbarkeit, sondern auch eine gewisse Verwunderung. „Wat ich denen an Nerven geraubt habe“, erinnert er sich. „Jeden Tach komm ich mit ner anderen Horrorgeschichte hier an: Hömma, ich brauch jetzt mal 20 Euro für dies, für jenes, für tralala. Dat ich mir am 27. des Monats keine neue Pfanne kaufe, dat is den Leuten doch wohl klar, ne.“ Sein Gesundheitszustand, erzählt er, verschlechterte sich zunehmend, er wurde in der Düsseldorfer Altstadt angegriffen, bekam Tritte gegen den Kopf. Damals schaute Giuseppe täglich bei „Housing First“ und beim Verein „Fiftyfifty“ vorbei, der seine Räumlichkeiten direkt daneben hat. „Fiftyfifty“ ist eine regelrechte Institution für Obdachlose in Düsseldorf, der Verein ging vor 30 Jahren aus der gleichnamigen Straßenzeitung hervor. Das „Housing First“-Projekt wiederum ist Fleisch vom Fleische des Vereins. Eine Ausgründung, um den Ansatz zu professionalisieren. Giuseppe sagt, die Sozialarbeiter hätten gesehen, „wie ich am Abbauen war und dass da was passieren muss“. So kam er schließlich im Frühling 2024 an seine Wohnung. Die Sucht war damit nicht verschwunden. Doch die Wohnung gab ihm die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen, sein Leben zu überdenken – und schließlich eine Entgiftung und eine Langzeittherapie zu beginnen, ohne danach vor dem Nichts zu stehen. „Ich konnte mich fünfeinhalb Monate komplett auf meine Problematik einlassen, weil ich wusste: Ich bin danach nicht obdachlos.“ „Wenn man die Wohnung hat, bekommt man Bock auf mehr.“ GIUSEPPE Ein knappes Dreivierteljahr ist das nun her. Doch es wirkt, als läge es eine halbe Ewigkeit zurück. Giuseppe – Glatze, dunkler Dreitagebart, schwarze Brille und olivgrüne Sweatjacke – ist äußerlich nicht gezeichnet von seiner Vergangenheit, im Gegenteil: Er sieht jünger aus als Mitte vierzig. Schwer vorstellbar, dass der freundliche Mann, der seine Lebensgeschichte in leicht rheinländischem Zungenschlag schildert, vor einigen Monaten noch ein komplett anderer Mensch war. Sein Leben, sagt Giuseppe, habe sich in letzter Zeit nur zum Positiven entwickelt. „Ich bin meiner Meinung nach gut in der Gesellschaft angekommen“, findet er. Alena Hansen, Sozialarbeiterin „Hundertprozentig bist du das“, erwidert Alena Hansen. Die Mittdreißigerin, die mit ihren lila Haaren, den Piercings und Tattoos und der Hose im Leoparden-Look problemlos als Punk-Sängerin durchgehen würde, leitet das Team an Sozialarbeitern im Düsseldorfer „Housing First“-Projekt. Hansen ist von Beginn an dabei, seit 2021. Damals war sie dort die einzige Sozialarbeiterin, inzwischen arbeiten neun Sozialarbeiter für den Verein, alle in Vollzeit. Finanziert werden die Stellen von der Stadt Düsseldorf. „Unsere Hilfe endet nicht mit dem Einzug“, erklärt Hansen. Ihr schwarzer Labrador schnarcht während des Gesprächs im Hintergrund seelenruhig vor sich hin. „Eigentlich fängt sie dann erst an.“ Die Sozialarbeiter bauen Möbel mit auf, beantragen Grundsicherung beim Jobcenter, begleiten bei Behördengängen und Arztterminen, helfen bei Therapieversuchen oder der Kontaktaufnahme mit der Familie. Für die Klienten sind die Vereinsmitarbeiter immer ansprechbar. Hansen nennt das „eine gewisse Komm-und-geh-Struktur“. „Unsere Hilfe endet nicht mit dem Einzug. Eigentlich fängt sie dann erst an.“ ALENA HANSEN Die ist auch wichtig, um mit den Menschen überhaupt erst mal in Kontakt zu kommen – lange bevor es darum geht, sie in eine Wohnung zu vermitteln. Dafür sei die einzige Bedingung chronische Obdachlosigkeit, erklärt Hansen. Das heißt, die Betroffenen leben entweder seit mindestens drei Jahren auf der Straße, oder sie sind „Drehtür-Wohnungslose“: Menschen, die das Stufenmodell der klassischen Obdachlosenhilfe durchlaufen, es dann aber nicht schaffen, eine dauerhafte Bleibe zu bekommen. Und deshalb immer wieder auf der Straße landen. Alena Hansen und Giuseppe stehen an einem Platz nahe der Königsallee, an dem Obdachlose kampieren. Videoanruf bei Volker Busch-Geertsema. Der Professor ist eine Koryphäe der Obdachlosigkeitsforschung und Vorstand der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung (GISS). Zu den Auftraggebern des Bremer Instituts gehören die EU-Kommission, der Bund und verschiedene Landesministerien, etwa in Berlin und Nordrhein-Westfalen. Die GISS-Forscher werten Projekte aus und begleiten Aktionsprogramme. Kein Wunder, dass man Busch-Geertsema im ICE erreicht. „Housing First ist nicht Housing only“, sagt der Wissenschaftler, erkältungsbedingt krächzend. Der Satz ist ein regelrechtes Mantra in diesem Bereich der Sozialarbeit. „Housing First“ sei vielmehr „die Vermittlung von Wohnraum verbunden mit dem Angebot möglichst multidisziplinärer Hilfen“, erklärt Busch-Geertsema. Hilfen, die nicht alle obdachlosen Menschen brauchten, sondern eine spezifische Zielgruppe mit „komplexen Pro­blemlagen“: Suchterkrankungen, psychische Probleme, chronische Krankheiten, solche Dinge. Deshalb sei „Housing First“ auch nicht die „allein selig machende Methode zur Überwindung von Wohnungslosigkeit“, sagt Busch-Geertsema, doch für die Zielgruppe überaus erfolgreich: 80 bis 100 Prozent der Menschen, die über „Housing First“ in Wohnraum kommen, entkommen dauerhaft der Obdachlosigkeit. Das Konzept habe erst in den vergangenen Jahren in Deutschland eine „erhebliche Verbreitung“ gefunden, erklärt der Forscher. Mittlerweile gebe es bundesweit etwa 50 Projekte, mehrere davon haben die GISS-Wissenschaftler ausgewertet, in Berlin, Leipzig und Bremen, aktuell schauen sie auf eins in Saarbrücken. Doch viele Projekte, sagt Busch-Geertsema, seien „überwiegend noch im Pilotstadium.“ Bei vielen von ihnen läuft die Pilotphase derzeit aus – und häufig ist ungeklärt, wie sie weiter finanziert und möglichst breit verankert werden können. In Düsseldorf sind sie da schon weiter. Auch weil Oberbürgermeister Stephan Keller Schirmherr des „Housing First“-Vereins ist, seit mehreren Jahren schon. 2025 hatte der Christdemokrat im Kommunalwahlkampf mit einem ungewöhnlichen Wahlversprechen für Schlagzeilen gesorgt: Düsseldorf werde unter seiner Ägide als erste deutsche Großstadt die Straßenobdachlosigkeit beenden, kündigte Keller an, binnen fünf bis acht Jahren. Etwa 750 Straßenobdachlose gibt es in der Stadt, gut 250 von ihnen sind von Crack abhängig, für sie soll eine spezielle Einrichtung geschaffen werden. Bleiben also 500 Menschen, für die die Stadt Wohnungen bereitstellen muss. Oberbürgermeister Stephan Keller hat versprochen, die Straßenobdachlosigkeit in Düsseldorf zu beenden. Zum Gespräch mit der F.A.Z. hat der Oberbürgermeister, der bei der Wahl im September in seinem Amt bestätigt wurde, an dem grauen Konferenztisch im Büro von „Housing First“ Platz genommen. Mit den Sozialarbeitern ist er per Du, man kennt und schätzt sich. Das klinge jetzt vielleicht etwas pathetisch, setzt Keller an und sagt dann einen etwas pathetisch klingenden Satz: „Ich habe immer versucht, als Oberbürgermeister die Stadt insgesamt in den Blick zu nehmen.“ Natürlich habe er bei der Auswahl seiner Themen und Ziele auch die „Klassiker“ im Blick gehabt, die in allen großen Städten diskutiert würden, ÖPNV etwa oder Wohnungsbau. „Doch ich habe gedacht, das kann es gerade in einer wohlhabenden Stadt wie Düsseldorf eigentlich nicht gewesen sein.“ Obdachlosigkeit sei „eines der drängendsten Probleme“, es springe ihm ins Auge, wenn er durch die Stadt gehe, und viele Bürger sprächen ihn darauf an. Nun ist die Bekämpfung der Straßenobdachlosigkeit nicht das klassischste christdemokratische Thema, schon gar nicht in der Merz-CDU. „Meine eigenen Leute waren nicht besonders begeistert“, erzählt der Oberbürgermeister. Die Verwaltung habe eine finanzielle Überforderung befürchtet, und in seiner Partei sagten immer noch viele, das sei nun nicht gerade ihr „Kernthema“. Zumal Keller es gemeinsam mit Menschen und Strukturen anpackt, die man, wohl ohne ihnen auf die Füße zu treten, eher im linken als im christdemokratischen Milieu verorten kann. Doch wer in der Großstadt Verantwortung trage, findet Keller, müsse flexibel und pragmatisch sein und „manchmal auch über den eigenen Schatten springen“. Ihm selbst hat dabei geholfen, dass das „Housing First“-Projekt von Beginn an Förderer wie Michael Busch hat, ehemaliger Geschäftsführer des Buchhandel-Riesen Thalia. „Wenn da ein erfolgreicher Manager sitzt“, erklärt der Oberbürgermeister, „dann denkst du schon: Wow, wenn der sich da reinhängt, dann muss das Hand und Fuß haben. Das ist keine Sozialspinnerei.“ Zumal das Projekt damals, kurz bevor Keller die Schirmherrschaft übernommen hat, auch schon erste Wohnungen und Erfolge vorweisen konnte. Inzwischen gibt es in Düsseldorf 143 „Housing First“-Wohnungen in verschiedenen Gebäuden und Stadtteilen. Auch das ist Teil des Konzepts: Die Leute sollen in ganz normalen Wohnungen unterkommen, in bürgerlichen Kontexten, mit Nachbarn, die mit der Straßenvergangenheit nichts zu tun haben. 29 der Wohnungen sind bei privaten Eigentümern angemietet. Seine Wahlkampfankündigung, erzählt Keller, habe eine kleine Welle losgetreten, mehrere Leute hätten Wohnungen angeboten. „Das ist ja nicht nur ein altruistischer Akt“, sagt er: Die Miete kommt von der Sozialverwaltung, die Bewohner sind engmaschig betreut, „insofern geht man kein Risiko ein“. 14 Wohnungen hat die städtische Wohnungsbaugesellschaft SWD zur Verfügung gestellt – Tendenz steigend, denn in jedem neuen Bauprojekt ist „Housing First“-Wohnraum vorgesehen, verspricht Keller. Hinzu kommen sechs weitere Wohnungen anderer Baugesellschaften. Und 94, die „Fiftyfifty“ für das Projekt gestiftet wurden oder die der Verein selbst gekauft hat. Finanziert unter anderem durch den Verkauf von Bildern des Künstlers Gerhard Richter, die dieser eigens dafür malt. Auch sie haben durch „Housing First“ zurück ins Leben gefunden: Tanja, 40, und Gisa, 59, haben durch das Düsseldorfer Projekt nun wieder ein Dach über dem Kopf. Giuseppe hat seine Wohnung im Oktober wieder verlassen – um in eine größere Bleibe zu ziehen, gemeinsam mit seiner Partnerin Steffi. Die beiden sind seit fünf Jahren zusammen. Sie kennen sich von der Straße – und sind bereit, einen Einblick in ihr neues Heim zu geben. Also geht es mit einem kleinen Bus des „Housing First“-Vereins durch den Düsseldorfer Innenstadtverkehr. Bei einem Zwischenstopp an der berühmten Königsallee – auf einem Platz, auf dem häufig Obdachlose kampieren, wo an diesem Nachmittag jedoch fast niemand ist – erzählt Giuseppe von seiner Suchtvergangenheit. Schon im Büro hat er berichtet, wie er als Jugendlicher in den Abwärtsstrudel geraten ist. Doch in der Zeitung lesen möchte er diesen Teil seiner Lebensgeschichte lieber nicht. Seine Kindheit, so viel kann man sagen, war alles andere als leicht. Giuseppe hat viel durchgemacht, war mehrmals im Gefängnis, rutschte immer tiefer in den Drogensumpf. Irgendwann, als er schon auf der Straße lebte („meine Familie war die Szene“), kam zu Alkohol und Kokain – das er sich inzwischen spritzte, statt es zu schnupfen – auch noch Crack hinzu. Irgendwann „dreht sich alles nur um den Stein“, erzählt Giuseppe. Er habe überall offene Wunden gehabt, sei total verwahrlost gewesen, das T-Shirt in XXS schlackerte am Körper. „Dir ist es scheißegal“, sagt Giuseppe. „Die Gierglocke ist nur am Bimmeln. Dat is nur am Bimmeln, dat Ding, dat is unglaublich.“ Bei seinen Schilderungen – egal, ob mit ausladenden Gesten in der Innenstadt oder mit nachdenklicher Miene am Bürotisch – wirkt es oft so, als könne Giuseppe selbst nicht recht glauben, dass das mal sein Leben war. Und es jetzt nicht mehr ist. Drei bis vier Flaschen Wodka habe er am Tag getrunken, einmal wurde er mit 3,99 Promille im Blut ins Krankenhaus eingeliefert. „Wo ich noch diese Reserven im Körper hatte, dass ich leben möchte“, sagt Giuseppe, „dat is Wahnsinn.“ Steffi und Giuseppe in ihrer Wohnung, in der sie seit Oktober leben. Ein paar Minuten später hat der Bus sein Ziel erreicht: Eine ruhige Straße mit unscheinbaren Mehrfamilienblocks. In einem von ihnen, im Hochparterre, liegt die Wohnung von Steffi und Giuseppe. Ihr „Schmuckstück“, wie er sagt: Zwei Zimmer, Küche, Bad, ein kleiner Flur und ein Balkon, insgesamt 50 Quadratmeter. Die meisten Möbel sind aus hellem Holz oder weiß lackiert. Es gibt auffällig viele Schuhe, sie lagern in Umzugskartons, eingepackt in Plastiktüten, auch unter dem Bett lugen einige Paare hervor. Giuseppe kramt ein Paar abgerockte Turnschuhe in weiß-braun aus einem Karton. Sie bedeuten ihm viel. Vor drei Jahren hat er sie gekauft, erzählt er, damals noch als obdachloser Drogenkranker. Heute sind sie ihm eine Art Mahnmal. „Wenn ich wieder konsumieren werde, trage ich diese Schuhe“, sagt er ernst. Denn täte er das, würde er alles, was er sich aufgebaut hat, „in Asche legen“. Seine alten Schuhe hat Giuseppe aufgehoben – sie sind ihm eine Mahnung an die Vergangenheit. „Die Wohnung gibt mir endlich Frieden. Frieden, Ruhe und so’n Stückchen Geborgenheit.“ GIUSEPPE Im März beginnt er einen Vollzeitjob, vermittelt über die Sozialarbeiter. Auf Bürgergeld ist Giuseppe dann nicht mehr angewiesen. Und gerade arbeitet er daran, wieder Kontakt zu seiner inzwischen erwachsenen Tochter aufzunehmen, die er aus einer früheren Beziehung hat. Natürlich, er könne es nicht rückgängig und auch nicht wiedergutmachen, dass er sich all die Jahre nicht um sie gekümmert hat. „Aber das Einzige, was ich kann, ist, es besser zu machen, anders zu machen.“ Giuseppes Sozialprognose ist so gut, dass eine Richterin, die ihn eigentlich abermals ins Gefängnis schicken wollte – für eine Sache, die einige Jahre zurückliegt –, nach einem Gespräch mit seiner Bewährungshelferin davon absah. Für ihn ist es eine Bestätigung: Er ist auf dem richtigen Weg. „Die Wohnung gibt mir endlich Frieden“, sagt er. „Frieden, Ruhe und so’n Stückchen Geborgenheit.“ Eine Geborgenheit, die Giuseppe und Steffi mittlerweile mit jemandem teilen. Denn wenige Tage nach dem Treffen mit der F.A.Z. haben sie Zuwachs bekommen: Frieda, einen kleinen Mischlingshund, weiß-schwarz, vom Tierschutz in Rumänien. Nach den 17 Jahren auf der Straße hat Giuseppe jetzt also eine kleine Familie, ein richtiges Zuhause. Und er kann sich Spiegeleier braten, wann immer er möchte. 20 Jahre SPTG Wenn Obdachlose Studenten werden Wohnungslosigkeit „Obdachlose sind die Spitze des Eisbergs“