FAZ 17.12.2025
15:59 Uhr

OKC eilt von Sieg zu Sieg: Auf der Jagd nach der besten Bilanz der NBA-Geschichte


NBA-Champion Oklahoma City eifert gleich in mehrfacher Hinsicht der Glanzzeit der Golden State Warriors nach. Der Deutsche Isiah Hartenstein spielt dabei eine entscheidende Rolle.

OKC eilt von Sieg zu Sieg: Auf der Jagd nach der besten Bilanz der NBA-Geschichte

Es läuft im Moment fast an jedem Abend ziemlich gut, aber nicht so gut wie vor sechs Wochen in Sacramento. Das sei einfach sein Spiel gewesen, gab Isiah Hartenstein danach gegenüber amerikanischen Journalisten zu Protokoll: 33 Punkte, eine neue Bestmarke, dazu sagenhafte neunzehn Rebounds. Er war an diesem Abend der herausragende Mann der Oklahoma City Thunder, einer Mannschaft, in der viele das Zeug zum All-Star haben. Weshalb er seine Mitspieler auch nicht einfach vergaß. Die Ausbeute gehe „auf das Konto meiner Mannschaftskollegen, die mich immer wieder gefunden haben“, sagte er. Die hatten ihn beharrlich mit brauchbaren Vorlagen gefüttert. Dass die Angriffsleistungen das Profil eines NBA-Profis prägen, gehört zu den Zerrbildern einer Sportart, in der im Schnitt alle 20 Sekunden etwas völlig anderes gefragt ist: Angreifern reaktionsschnell die Laufwege versperren. Mit einem Auge jederzeit auf dem Sprung sein, um den eigenen Korb abzuschirmen und Abpraller einzusammeln. Und den Rest der Energie in uneigennütziges Tun investieren, was in der Basketball-Fachsprache gerne „Help Defense“ genannt wird. Dazu gehört etwa das Doppeln von starken Gegenspielern. So etwas ziehen immerhin die Statistik-Nerds vom reichweitenstarken „Bball-Index“ ins Kalkül. Anfang Dezember, nach einem Viertel der Saison, stuften sie Hartenstein in ihrer jüngsten Analyse, in die ein Wust aus Detaildaten einfließt, als fünftbesten NBA-Verteidiger ein. Der 2,13 Meter lange Center gehört fraglos zu den entscheidenden Faktoren in einem Team, das auf ein ambitioniertes Saisonziel zusteuert: die alte Bestmarke der Golden State Warriors aus dem Winter 2015-16 zu übertrumpfen. Die hatten 73 ihrer 82 Begegnungen gewonnen, waren allerdings in der Finalserie mit 3:4 an den Cleveland Cavaliers gescheitert. OKC spielt „in einer eigenen Liga“ Alles läuft zehn Jahre später auch für Oklahoma City nicht perfekt. Am Samstag etwa handelte man sich beim 109:111 gegen die San Antonio Spurs die zweite Niederlage im 26. Spiel ein. Allerdings schoben die Thunder-Spieler das Resultat nicht arrogant beiseite. „Wir können nach Hause fliegen und uns damit zufrieden geben“, sagte Jalen Williams anschließend, der mit 24 Jahren in der zweitjüngsten Meistermannschaft der Liga-Geschichte (Durchschnittsalter in der vergangenen Saison 25,6 Jahre, aktuell sogar nur 24,5), bereits zu den Veteranen gehört. „Oder wir können daraus etwas lernen, um noch besser zu werden und zu begreifen, dass wir von einem Playoff-Team geschlagen worden sind.” Eines, mit dem man sich in den nächsten Wochen und Monaten vielleicht auch Jahren noch intensiv beschäftigen muss. Die ebenfalls jungen Spurs mit dem überragenden Franzosen Victor Wembanyama stehen derzeit auf Platz vier der Tabelle in der Western Conference. In der nächsten Zeit ist es der einzige Gegner mit ernsthaften Ambitionen, auf den die Thunder treffen: Auf dem Weg zum Ziel der besten Regulären Saison der Geschichte warten nun erst einmal die Los Angeles Clippers, die Minnesota Timberwolves und die Memphis Grizzlies, die allesamt nicht zu den Topteams der Liga zählen, ehe es zu Weihnachten wieder gegen die Spurs geht. Geschenke wird der Gegner nicht mitbringen. Und er wird sein Bestes tun, zu verhindern, dass Oklahoma City gelingt, was in der NBA zuletzt 2017 und 2018 die Golden State Warriors schafften – eine zweite Meisterschaft in Folge. Wenn man den jüngsten Schlagzeilen in Amerika glaubt, bleibt Teams, die diesen Plan durchkreuzen wollen, aber nur eine Nebenrolle. Die Basketballer des vom General Manager Sam Presti beinahe hellseherisch zusammengestellten Teams „spielen in einer eigenen Liga“ (Sports Illustrated). Sie sind „die dominierendste Mannschaft“ (New York Times). Und das, obgleich Jalen Williams, nach Gilgeous-Alexander der zweitbeste Mann im Kader, in der Hälfte der bisherigen Begegnungen wegen einer Handgelenkverletzung fehlte und auch Lu Dort, Chet Holmgren und Alex Caruso zwischendurch ausfielen. Alles nicht mehr als eine Herausforderung für Trainer Mark Daignault, der mehr als einmal aus freien Stücken den Druck auf die Bankspieler erhöhte und Gilgeous-Alexander einfach im vierten Spielabschnitt herausnahm. Was überraschenderweise die Statistik-Werte des Kanadiers überhaupt nicht beeinträchtigt. Er ist mit Abstand der beste Thunder-Scorer – mit 32,4 Punkten pro Begegnung. Wie lange bleibt Hartenstein Teil des Teams? Woanders dürften solche Experimente zu Irritation führen (und zu Leistungseinbrüchen). In Oklahoma City tickt man anders. „Ego spielt nicht die geringste Rolle“, so beschrieb Hartenstein nach dem Sacramento-Spiel den Vorbildcharakter seines gleichaltrigen Kapitäns. „Es ist sehr einfach, ihm zu folgen. Er arbeitet hart. Für ihn steht der Teamgedanke an erster Stelle. So etwas siehst du nicht bei allzu vielen Superstars.” Der Mann mit der Nummer 55 kann das inzwischen ganz gut beurteilen. Er lernte vor dem Wechsel in die Provinz in Houston, Denver, Cleveland, Los Angeles und New York das Innenleben von Großstadt-Teams kennen, in denen manche Spitzenverdiener irgendwann Allüren entwickeln. Auch was die Zukunft angeht, ist Oklahoma besser aufgestellt als viele andere NBA-Standorte. Manager Sam Presti hat aufgrund einer weitsichtigen Spieleraquise und den damit verbundenen Tauschaktionen mit anderen NBA-Franchises eine Menge Möglichkeiten, um bei kommenden Nachwuchs-Drafts junge Talente hinzuzufügen und weiter am Kader zu basteln. Der ist in den letzten Jahren ziemlich teuer geworden und macht es womöglich bald erforderlich, sich von einigen der besser verdienenden Spieler zu trennen. Ein Schicksal, das auch Hartenstein treffen könnte, der im kommenden Winter nur dann wieder für OKC spielen kann, wenn Presti sich entscheidet, ihm die dann fälligen 28,5 Millionen Dollar (umgerechnet rund 23 Millionen Euro) zu zahlen. Hartenstein kann sich „manchmal überhaupt nicht mehr ausmalen, irgendwo anders zu spielen“. Aber der Gedanke an einen Wechsel lässt sich nicht völlig verdrängen. Oder nur mit ganz viel Zuversicht: „Wenn wir einfach weiter gewinnen, wird das Team zusammenbleiben können.“ Wie lange? Es gibt Indizien für eine prosperierende Zukunft. Der markanteste Beleg wird demnächst gleich gegenüber der Halle entstehen, unter deren Decke seit Oktober das erste Meisterschafts-Banner hängt: Die neue, größere Arena wird für weiteres Einnahmewachstum sorgen. Der Umzug ist für den Beginn der Saison 2028/29 geplant.