Wie schlägt sich das deutsche Rentensystem im Vergleich zu anderen Industrieländern, die allesamt unter dem demographischen Wandel ächzen? Auf den ersten Blick schneidet es in Studien gar nicht schlecht ab. Im jährlichen Pension-Index des amerikanischen CFA Instituts und der Unternehmensberatung Mercer rangiert Deutschland im oberen Mittelfeld. Mit der Note B (auf einer Skala von A bis E) gehört das deutsche System demnach zu jenen mit einer guten Grundstruktur. Es befindet sich in einer Liga mit Ländern wie der Schweiz, Großbritannien, Frankreich, Irland oder auch Saudi-Arabien. Das deutsche System habe sich insgesamt bewährt, so die Berater. Um seine Finanzierung zu verbessern und vor allem ein höheres Rentenniveau hervorzubringen, müssten aber beispielsweise die Grundrenten für Niedrigverdiener deutlich angehoben, die Säule der privaten Vorsorge ausgebaut und der Anteil von Arbeitgebern mit Betriebsrenten angehoben werden. Vorbild Niederlande und Dänemark Als Systeme mit der besten nachhaltigen Finanzierung und den besten Leistungen werden in der Studie des CFA Instituts und von Mercer die Niederlande, Dänemark, Singapur, Island und Israel aufgeführt. Bewertet wurden unter anderem die Höhe der Auszahlungen, Rücklagen, staatliche Zuschüsse, das Wirtschaftswachstum sowie der Anteil der Verwaltungsausgaben. Den Niederlanden, Dänemark und anderen in dieser Analyse führenden Ländern ist gemein, dass sie zur Finanzierung ihrer Rentensysteme auf eine Mischung aus staatlicher und kapitalgedeckter Finanzierung setzen. In Deutschland dagegen dominiert das Umlageverfahren, die gegenwärtig Generation der Beschäftigten finanziert also die aktuellen Rentner. Versuche, kapitalgedeckte Absicherungen zu etablieren (Riester-Rente), gelten als weitgehend gescheitert. Bislang. Bewertet man die Qualität der Alterssicherungssysteme rein nach der Rentenhöhe, ist Deutschland gleichwohl nicht einmal Mittelmaß. Das zeigt der nun veröffentlichte Vergleichsbericht „Pensions at a Glance“, in dem die Industrieländerorganisation OECD alle zwei Jahre umfangreich Daten zusammenträgt. Die sogenannte Nettoersatzrate eines durchschnittlichen Arbeitnehmers beträgt in Deutschland demnach nur 53,3 Prozent. Diese Kennzahl gibt an, wie viel Prozent des letzten Nettoeinkommens ein Rentner monatlich bekommt. Zum Vergleich: In Frankreich beträgt diese Rate 70 Prozent, in Italien 79 Prozent und in Spanien und in Österreich sogar mehr als 86 Prozent. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 63,2 Prozent. Für Geringverdiener ist das deutsche Rentenniveau noch dürftiger. Monika Queisser, die innerhalb der OECD die Abteilung für Sozialpolitik leitet, zeigt sich von dem Befund alles andere als überrascht. Seit nunmehr 20 Jahren veröffentliche man die „Pensions at a Glance“-Berichte. Die Botschaft sei mit Blick auf Deutschland immer dieselbe: „So großzügig ist das deutsche Rentensystem nicht, vor allem nicht für Niedrigverdiener“, sagt Queisser. Viele andere Industrieländer hätten sich dazu entschlossen, untere Einkommensbezieher besser vor Altersarmut zu schützen. „Dänemark hat eine relativ hohe Ersatzrate für Niedrigverdiener dank einer steuerfinanzierten Grundrente, auf die beitragsabhängige Renten aufbauen“, erklärt Queisser. Wo wenig eingezahlt wird, kommt wenig raus Neuseeland wiederum sei der Inbegriff maximaler Umverteilung mit einer Basisrente, die für alle 40 Prozent des Durchschnittseinkommens betrage. „Umverteilung muss aber nicht unbedingt heißen, dass man den reicheren Rentnern etwas wegnehmen und es den ärmeren Rentnern geben sollte“, betont Queisser. Vielmehr könnte man sich ihrer Ansicht nach in Deutschland auch überlegen, die niedrigeren Renten ein bisschen anzuheben, indem man ihnen zusätzliche Rentenpunkte gibt. So wie die Berater des CFA Institut und von Mercer lenkt auch sie den Fokus auf die betriebliche Altersvorsorge. Diese Säule sei in Deutschland im OECD-Vergleich schon gut ausgebaut, aber es sei noch mehr möglich. „Die betriebliche Altersvorsorge hat im Vergleich zur privaten Altersvorsorge den Vorteil, dass die Verwaltungskosten geringer sind und dass diese kollektiven Lösungen nicht jeden einzelnen Menschen dazu verpflichten, sich mit Finanzdienstleistern auseinanderzusetzen“, sagt Queisser. Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Wo wenig eingezahlt wird, kann auch nur wenig ausgezahlt werden. So erklärt sich das niedrige Rentenniveau in Deutschland auch mit den im OECD-Vergleich nur leicht überdurchschnittlichen öffentlichen Gesamtausgaben für die Altersversorgung. Derzeit betragen sie laut dem neuen „Pensions at a Glance“-Bericht 10,5 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. In Frankreich, Italien, Spanien und Österreich mit ihren hohen Nettoersatzraten sind es dagegen zwischen 13,7 und 16,1 Prozent. Die gerade im Vergleich zu Frankreich seit Jahrzehnten niedrigere Geburtenrate – im Jahr 2024 waren es in Deutschland gerade einmal 1,35 Kinder je Frau – verschärft die Kassenlage im Umlagesystem zusätzlich. Mit 18,6 Prozent des Bruttolohns liegen die von Arbeitnehmern und Arbeitgebern paritätisch gezahlten Beitragssätze zur gesetzlichen Rentenversicherung sogar leicht unter dem OECD-Durchschnitt von 18,8 Prozent. Auch hier ergibt sich für Frankreich, Italien, Spanien und Österreich ein anderes Bild mit Beitragssätzen zwischen 22,8 und 33 Prozent des Bruttolohns. Paritätisch geht es dort nicht zur Sache, vielmehr werden vor allem die Arbeitgeber zur Kasse gebeten. In Italien und Spanien zahlen allein sie mehr als 23 Prozent. „Länder mit höheren Rentenbeitragssätzen haben oft überdurchschnittliche Rentenleistungen“, konstatiert die OECD. Sie weist allerdings darauf hin, dass höhere Beitragssätze die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft beeinträchtigen, die Gesamtbeschäftigung senken und möglicherweise die Schattenwirtschaft fördern können. Es gebe nicht die eine große Rentenreform, um das demographische Problem zu lösen, betonte Queisser schon unlängst in der F.A.Z.. Auf der Finanzierungsseite könnte Deutschland dennoch einiges tun, nicht nur durch eine Ausweitung der Betriebsrenten. „Es ist nie zu spät, um mit dem Sparen anzufangen“, sagt sie mit Blick auf die kapitalgedeckte Altersversorgung. „Und man muss natürlich sagen, dass in Deutschland Vermögen da ist und es zu den Ländern mit der ungleichsten Vermögensverteilung gehört“. Die CSG-Abgabe, die in Frankreich zur Finanzierung des Rentensystems beiträgt und unter anderem auf Miet- und Kapitaleinkünfte fällig wird, könne ein Vorbild für Deutschland sein, meint die OECD-Rentenfachfrau. Aber auch am längeren Arbeiten führe kaum ein Weg vorbei. Deutschland rangiert beim effektiven Arbeitsmarktaustritt mit rund 64 Jahren im OECD-Mittelfeld. Queisser mahnt an, dass nicht nur gesetzliche Frühverrentungsmöglichkeiten auf den Prüfstand gehören, sondern auch Unternehmen in die Pflicht genommen werden müssen.
